Für Sie

Liebe Drollis und Frühlingshüpfer,

in der Aprilausgabe 2014 der FürSie ist ein Artikel über mich und u.a. meine Arbeit bei der Textagentur FeineReime erschienen.

Auf Seite 58 findet ihr das gute Stück.

Stay literary und bis bald,

Laura

Die schönen Zeiten

Gefällt mir nicht; Sieht nicht aus; Drecks-Farbe.
Das waren nur einige seiner Argumente, die er anbrachte, um ihre Lampe nicht aufhängen zu müssen.
So machte er das jeden Sonntag. Seit ein paar Wochen. Sie hatte stattdessen schon seit Stunden überlegt, was sie – jetzt, da sie zusammen wohnten – eigentlich sonst noch miteinander verband.
Wenn sie sich in der Wohnung umschaute, überkam sie das beklemmende Gefühl, das jedes einzelne Möbelstück sie mehr voneinander trennte, als dass es sie zusammenführte. Als sie noch zwei Wohnungen gehabt hatten, war ihr zum Beispiel nicht aufgefallen, dass er auf einem Neunziger Jahre Trend hängen geblieben war: er sammelte leere After Shave Flaschen. Außerdem hatte er dreißig Paar Socken, wovon nicht eine – das schwörte sie – zur anderen passte.
Natürlich musste auch sie sich eingestehen, dass ihr Vogelkäfig, den sie seit ihr Wellensittich gestorben war als Dekorationselement begriff, bei ihm auch nicht den besten Eindruck hinterlassen hatte. Frauenmagazine, sortiert nach Datum und Jahr, erschwerten ihm den gemütlichen Sitz auf der Toilette; er fühlte sich buchstäblich von ihrer Weiblichkeit umzingelt.
Aber so war das, wenn sich zwei Menschen näher kamen: sie mussten erkennen, dass sie nicht nahezu so perfekt waren wie das Bild, das sie von sich aufrecht erhielten.

Regelmäßig trafen sie sich daher in einer Bar, um sich zu betrinken.
Außer-Haus-Date nannten sie das, aber eigentlich war es der verzweifelte Versuch, das hochzubeschwören, was sie anfangs so aneinander fasziniert hatte. Je später der Abend, desto ernsthafter der Streit. Dabei war es nicht etwa eine Kunst, sich die Wahrheit zu sagen, wenn man betrunken war. Überhaupt, dass man Alkohol dazu brauchte, um als Mensch aufrichtig zu reden! Nur um am nächsten Morgen beschämt aufzuwachen. Beschämt darüber, dass man sich hatte gehen lassen, gar losgelassen; dass man es einmal gewagt hatte, man selbst zu sein.
Vorauseilender Gehorsam, nannte sie das. Wenn die Erziehung der Eltern ins Erwachsenenleben reichte und der Kater einen jungen Menschen moralisch niederzwang. Ihre Eltern waren früh gestorben – seine waren unerträglich. Sie ertappte sich nicht selten bei dem Gedanken, wie es wohl wäre, wenn nur sie beide diese Beziehung führen würden, obwohl es rein faktisch von allen Seiten immer so beteuert wurde.
“Deine Mutter ist eine untervögelte Stasisau”, kam es da öfters betrunken aus ihr heraus.
“Und du übertreibst mal wieder.” Das war sein ständiger Vorwurf, der sie erst recht in Rage kommen ließ.
Aber lieber starb sie an Übertreibungen, als an allem Hass, den man als Mensch ständig zu unterdrücken suchte. Achtzig Jahre Unterdrückung mussten einen Menschen doch mürbe machen. Daran war sie nicht interessiert.

Als sie wieder ins Schlafzimmer kam, sah sie, dass die grüne Hektar angebracht war.
“Sieht komplett scheiße aus, deine Drecks-Hektar”, sagte er, schmiss den Schraubenzieher aufs Bett und verließ den Raum.
Sie folgte ihm ins Wohnzimmer und setzte sich neben ihn. Der Tatort hatte gerade angefangen und sie bildete sich ein, ihren verstorbenen Wellensittich im Käfig singen zu hören. Sie schüttelte den Kopf, lehnte sich an ihn. Die schönen Zeiten waren vorbei.