Wer heute NEON liest, hat früher Pferdebücher gelesen

Meine polemische Analyse des Hipstermazagins von Deutschland – die NEON – gibt es aktuell auf der Seite wyme.de nachzulesen.

“Gott sei Dank brauchst du dir keine Sorgen mehr machen, denn wir von der NEON haben die Universalantwort für dich herausgefunden. Ganz gleich aus welchem Milieu und in welcher Lebensphase du steckst: wir wissen, was du brauchst. Und vor allem: wie viel davon.”

Über eure Gedanken und Kommentare hierzu freue ich mich!

Laura

Huffington Post Deutschland

Liebe Liebenden und Zirkusdirektoren,

heute ist Valentinstag. Für die Huffington Post habe ich aufgeschrieben, welche Tipps ihr beachten könnt, wenn ihr noch ein bisschen Bammel davor habt, euren eigenen Liebesbrief zu schreiben.

Aber wie immer zählt natürlich: der beste Verfasser ist die Ehrlichkeit.

In diesem Sinne, einen schönen Valentinstag!

Eure Lauri

Die neue deutsche Sachlichkeit

In Zeiten des Internets sind Kritiker zu „Hatern“ geworden; eines der menschlichsten Gefühle – nämlich das Beschleichende, das etwas sich nicht richtig anfühlt – wird von der neuen Harmoniesucht ausgeschlachtet. Was aber, wenn niemand mehr etwas sagen darf?

Eine ganze Nation feiert ein künstlerisches Werk. Nicht lange lässt Kritik auf sich warten. Und das ist auch gut so. Welches Werk wird Bedeutung haben, wenn nicht eine Selektion und eine ehrliche Rezension ihre kritischen Augen darüber warfen? Marcel Reich-Ranicki war der Meister der Übertreibung, und er ließ dabei keinen Filter über seine Meinung fließen. Weil sie ehrlich war, authentisch, weil er ein Mensch war, der fühlte.

Eines wird in Internet-Diskussionen immer deutlich: im Grunde werden auch hier die Strukturen von Familienbanden reinszeniert. Da ist jemand, der es wagt auszubrechen; er gibt seinen vermeintlich negativen Senf ab – und die Harmonie ist gestört. Im Familienkreise wird diese überschwängliche Tante nicht ernst genommen, Freunde betiteln den offenkundig Emotionalen als „Dramaqueen“. Nur die Anhänger feiern ihn, sehen die tiefste, menschliche Emotionen als liebenswert, weil sie die Maskierung des ewig Rationalen niederreißt. Hinter jeder harschen Kritik steckt eine Verneigung vor der jeweiligen Disziplin. Niemals ist der Kritiker angetrieben von Gleichgültigkeit.

„Du bist doch nur neidisch“, ist dabei der niederträchtigste Vorwurf; er macht eine ehrliche Kritik an einem Sachverhalt nicht möglich, weil er über das Inhaltliche hinausgeht. Aber eben dieser Vorwurf hätte die Kraft Kritiker am Ende mundtot zu machen – wenn diese nicht in der Regel unharmonisch-denkende Menschen wären, und sich ihre Meinung nicht verbieten lassen würden. Sei es in der Politik, der Literatur, oder in der Familie: Meinung gehört zu einer tiefen Beziehung unweigerlich dazu.

Ein Problem entsteht immer dann, wenn ein Massenmedium oder eine wichtige Stimme in der jeweiligen Disziplin, die es zu kritisieren gibt, entscheidet, dass negative, menschliche Gefühle keiner Anerkennung bedürfen. Die „How to“-Gesellschaft zelebriert grenzenloses Lachen, positive Zenit-Reaktionen, die Suche nach der inneren Harmonie. Das ist der erlaubte Konsens, in dem der Mensch sich bewegen darf. Empörung, Wut, und Neid gilt es auszurotten, wer nichts Nettes zu sagen habe, der sage lieber gar nichts. Dass dabei die Auseinandersetzung mit einem negativen Gefühl auf der Strecke bleibt, dass hierbei der Übermensch als jener angesehen wird, der über allem steht, der sich altruistisch an jedem Kunstwerk, jeder Diskussion, an jeder Unzulänglichkeit ergötzt, wird dem Bild, was Nietzsche damit erschaffen wollte, nicht gerecht. Auch Hesse erkannte in seinem Jahrhundertwerk „Steppenwolf“, dass der Mensch zwei Seiten habe, und wer die eine nicht anerkenne, der sei der anderen nicht würdig.

Unsere einseitig-harmonische Weltsicht kommt gar einer Gleichschaltung nahe. Was alle für richtig befinden, das muss jeder anerkennen. Wer das nicht tut, der ist vogelfrei, auf den wird – besonders in sozialen Netzwerken – mit Hass und Missgunst hinab gespuckt. Aber steckt in eben dieser Reaktion nicht auch Neid? Ist man nicht auch neidisch auf denjenigen, der es sich traut, gegenüber Tausenden von Gegnern seine Meinung kundzutun, auch wenn sie nicht dem Konsens entspricht?

Rebellion gehört unserer Vergangenheit an. Wer als 20-jähriger Contenance in einer Diskussion fordert, ist in der neuen deutschen Sachlichkeit angekommen. Eben jene, die positive Gefühle anerkennt, aber Negativität aus dem menschlichen Repertoire streichen will. Die Selbstkritik nur soweit zulässt, dass sie nicht weh tut. Ehrlichkeit gilt in diesen neuen Zeiten als Schwäche. Aber es gilt auch der Leitsatz “Haters gonna hate”.

Und lasst euch in diesem Gefühl niemals beirren.