Bierglaslyrik 21

Als leidenschaftliche Biertrinkerin freut es mich besonders, dass ich in der Schweizer Beizenlektüre
“Bierglaslyrik” vertreten bin. Meinen Text in der Ausgabe 21 auf Seite 8 könnt ihr euch hier downloaden.

Besonders angetan bin ich von der Illustration. Jo, ich glaube, ein bissl sehe ich auch so aus.

Gruß an die Nachbarn aus der Schweiz und: Prost!

Die Laura

Ich suche Streit

Jedes Mal, wenn ich den Telefonhörer abnehme, verinnerliche ich den Vorsatz, nicht auf Biegen und Brechen eine Einigung zu erzielen. Konflikte aushalten, das ist die Devise, mein weiblicher Selbsterfahrungstrip, raus aus dem Schoß der Mutter Theresa, rein in die Unberechenbarkeit der Nina Hagen. Das ist das höhere Ziel.

Jeder, der mich kennt, wird verwundert den Kopf schütteln, da er bei mir die typischen weiblichen Harmoniesuchtanzeichen nicht erkennen mag, und jeder, der mich besser kennt, weiß um diese – und wie sehr ich darunter leide. Je näher mir die Menschen stehen, desto schwerer fällt es mir, sie anzugreifen. Weil ich loyal sein will, weil ich sie nicht verraten kann. Aber das ist der falsche Ansatz. Ein sicheres Zeichen von Illoyalität ist immer und unbestreitbar: Unehrlichkeit.

Ich habe dieses Jahr zum Geburtstag ein Pippi Langstrumpf Buch geschenkt bekommen. Besser hätten meine Freunde meine derzeitige Gefühlslage nicht treffen können. Denn mir fehlt sie irgendwie, die Pippi Langstrumpf in mir. Diejenige, die getrost das letzte Stück Kuchen an sich reißt, weil alle anderen es aus Anstandsgründen ablehnen würden. Diejenige, die sich auch mal herrlich streitet, ausrastet, zu ihrer Meinung steht und den erbitterten Kampf um die unbedingte Harmonie beiseite schiebt, um endlich mal echte Gefühle zu zeigen. Noch lebt sie in mir – fragt sich nur, wie lange?

Denn um mich herum sehe ich Menschen in meiner Generation, die brav ihren Lebenslauf abstottern, die Sicherheit und Treue als höchste Tugend sehen, die ihren Chef wieder siezen, weil sie meinen, das würde Respekt erzeugen, und die Sachlichkeit und Redebereitschaft fordern, selbst wenn einem gerade höchstes Unrecht angetan wurde. Menschen, die sich vor jedem Satz entschuldigen, weil sie Angst haben, er könne von der anderen Partei falsch aufgefasst werden. Ich sehe Smileys vor mir. Sie sind überall.

Ich glaube in jedem von ihnen steckt noch eine kleine Pippi Langstrumpf oder, als männliches Pendant, ein kleiner Michel aus Lönneberga. Eine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten. Jedenfalls ein Lindgresches Muster an Beispiellosigkeit. Integrität scheint uns wichtiger als ein eigenes Standing. Der tiefe Status und das neoliberale Duckmäusertum hat den gesunden Egoismus und den zynischen Charakter abgelöst; das böse, böse Ehrliche in uns wird ausgerottet, damit wir alle gemeinsam funktionieren. Nur tun wir das leider nicht mehr. Aber das würde ja öffentlich keiner sagen.

Emotionalität gilt als Schwäche oder im besten Falle als niedliches Accessoire.
“Aber diese Seite lieben wir ja so an dir”, sagen Freunde und Verwandte. Dass sie diesen als Teil einer Persönlichkeit auch respektieren, scheint außer Frage zu stehen. (Ja, ich werde gerade ungerecht, und ich liebe es!)
Wer emotional ist, wird zur Strecke gebracht, wer sich mit der Kassiererin streitet, oder dem unfairen Onkel die Meinung pfeift, wird zur Ordnung gerufen. Schuld ist dann nicht der, der das Unrecht tut. Sondern der, der es ausspricht. Um jeden Preis die Harmonie erhalten, auch um den, dass unsere Beziehungen niemals die Tiefe erreichen werden, die ihnen gebührt.

Wir müssen nicht immer jede Seite verstehen. Wir dürfen auch im herrlichen Unverständnis dünkeln, ein paar Monate nicht mehr mit Freunden reden, weil wir wütend sind, um uns dann umso herzlicher und in tiefer Liebe wieder in die Arme zu fallen. Hören wir nicht auf die in und neben uns, die uns ruhig stellen wollen mit leeren Phrasen aus der NEON – kitzeln wir auch in ihnen die Pippi Langstrumpf hervor. Durch Lautsein, durch Farbbekennung, durch Vulgarität. Durch uns, so wie wir sind.

Anmerkung: Viele werden diesen Artikel vermutlich als zu radikal oder einseitig empfinden. Dazu möchte ich mit Nachdruck anmerken: Mir doch egal. Ätsch.