Die vorherrschende Ethik

Es musste schnell gehen. Anton steckte die Karte in den Türschlitz und wartete auf das Piepen.
Sie lag noch immer, wie sie vor Stunden gelegen hatte: auf dem Rücken, ihre Brüste in die Höhe ragend, Haarsträhnen auf ihren winzig kleinen Nippeln, die wie zu groß geratene Nagelköpfe aussahen. Der dunkle Teppich mit den goldenen Sonnenmustern war unbefleckt geblieben, obwohl Blut aus ihrer Mundhöhle floss. Seit Stunden floss es, aber sie lebte nicht mehr, konnte nicht mehr leben, das sprach gegen jedes anatomische Gesetz.
Anton hatte einen Eimer unter der Bahre installiert, die im Raum stand wie eine Massageliege. Er schaute auf seine Hände. Er hatte den Fehler gemacht seine Handschuhe vor dem Gebäude in einem Gestrüpp liegen zu lassen. Aber es war nicht anders gegangen, sie hatten ihn gejagt, zwei Männer mit tiefdunklen Brauen waren hinter ihm gerannt und hatten mit Schlagstöcken in der Luft herumgewirbelt. Er mache brilliante Kunst, so hatten sie es ihm am Telefon mitgeteilt, aber dennoch wollte er ihnen nicht seinen Aufenthaltsort verraten. In jedem Schmeicheln muss der Vorausschauende auch die wahre Absicht erkennen.
Dass sie hinter ihm her waren, war gut. In seiner Arbeit war es wichtig, dass immer jemand hinter ihm stand und ihn forderte, ihn jagte, ihn zur Strecke brachte. Kein Werk kann wirklich bahnbrechend sein, wenn man dafür nicht getötet werden könnte.

Er schaute aus dem Fenster auf die Stadt. Die Beleuchtung war ausgefallen und nur wenige der Lichter an den Gebäuden flackerten kurzzeitig auf. Geplant gewesen war das nicht, eher ein großzügiges Spiel des Zufalls. Ein Sturmtief in Deutschland dieser Art, wann war es das letzte Mal dazu gekommen, dass dabei Menschen starben? Nicht etwa durch seine eigene Hand, wie üblich, sondern durch die des wahren Schöpfers. Schließlich hatte er selbst nicht unbedingt eine offizielle Berechtigung zum Töten.
Es klopfte.
“Hast du alles dabei?”
Julius antwortete nicht. Als er in den Raum eintrat, erbrach er auf dem Fußboden.
“Du weißt, dass da deine DNA drin ist?”
Er wischte sich den Mund ab.
“Entschuldigung”, sagte er dann, aber sein harter Gesichtsausdruck in Richtung Fenster verriet, dass er es nicht ernst meinte.
“Fang an”, sagte Anton.

Julius nahm den Eimer und hielt ihn unter die Liege, um das Blut aufzufangen, so wie man einen Staubsauger unter den Bohrer hielt, wenn man ein Loch in die Wand bohrte. Erst dachte er, dass Julius sich unentwegt auf die Zähne biss, aber dann begriff er, dass das dumpfe Geräusch in dem Raum daher kam, dass er bei ihren Knochen angelangt war. Draußen stürmte es, ein Fenster ruckelte in seinen Scharnieren. Der Fernseher lief, das beruhigte ihn bei der Arbeit. Nichts war ihm dann lieber als eine Sendung mit übergewichtigen Menschen, die ihre Probleme der Gesellschaft mitteilten. Er wurde erregt, wenn er auf dem Bildschirm in ihre erbärmlichen, winselnden Gesichter schaute und dabei Haut zurechtschnitt, er glaubte, ganz nah an einer crossmedialen Kunstform zu sein, die weit über das moralische Verständnis der vorherrschenden Ethik hinausging. Und die wechselte täglich. Wahrlich eine Kunst war es, ihr immer einen Schritt voraus zu sein.
“Du musst an den Innenwänden aufpassen, da ist die Haut am Hartnäckigsten”, sagte er.
“Werde ich mir merken”, sagte Julius, aber sein Blick auf den Fernseher verriet Anton, dass diese Information geradewegs an seiner Großhirnrinde vorbeigehuscht war.
Er zügelte sich. Diese Gedanken waren nicht besonders förderlich. Er unterschätzte den Jungen regelmäßig. Den letzte Lehrling, den er nicht ernst genommen hatte, hatte er aufgrund unüberwindbarer Differenzen wegschaffen müssen.
“Nimm du kurz die Pfeile”, sagte er und ließ Julius dabei nicht aus den Augen.
Anton ging zum Lichtschalter und drehte das Licht wieder hoch. Wichtig bei dieser Arbeit war, dass sie ausreichend beleuchtet wurde. Er sah, dass ihre schwarzen Haare auf dem Boden verteilt lagen, nur das Blut war unter der Bahre sauber von seinem Lehrling eingefangen worden; der Junge konnte wirklich viel besser den Eimer halten, als er dachte. Er atmete durch und ging zurück zu der Leiche. Sie war das größte Opfer, das er in seiner Karriere hatte bringen müssen.

Als sie die Arbeit beendet hatten, ging er ein paar Schritte zurück und betrachtete sein Werk aus der Entfernung. Julius war unter der Bahre eingeschlafen, den Eimer in der Hand. Die Lichter der Stadt leuchteten wieder über ihr, scheinbar keinen Schritt konnte die Stadt ohne sie tun. Das hatte ihnen einen zeitlichen Vorteil verschafft. Von hier oben sah es so aus, als seien Bäume auf die Straße gefallen, aber das konnte nur bedingt wahr sein: Er wusste um seine ausufernde Fantasie.
Anton zog den Schlafenden hoch.
“Wie findest du es?”, fragte er.
“Besser als beim letzten Mal.”
“Nein. Du wirst besser.”
Julius nickte.
“Wollen Sie sich von ihr verabschieden?”
“Nonsens”, sagte Anton.

Die beiden Männer mit den tiefschwarzen Brauen betraten das Zimmer.
Ein kühler Wind wehte ihnen in die Hemdsärmel. Das Fenster stand weit offen und die ersten Sonnenstrahlen legten sich auf dem Frauenkörper nieder, der immer noch in der Mitte aufgebahrt lag. Die Männer wurden geblendet und mussten einige Sekunden warten, bis sich vor ihnen das volle Bild erstreckte: ihr Kopf war kahl rasiert, Hände und Gesicht intakt geblieben. Einzig aus der Magengegend ragte eine Art von Seerose heraus, die aus Beinen und Füßen geschnitzt worden war. Sie schien zu lächeln.
“Es ist perfekt”, sagte der erste Mann.
Die beiden setzen sich auf das Bett, um sie genauer zu betrachten.
“Es ist immer noch Mord”, sagte der andere.
“Melden wir es?”
“Was willst du sonst machen, eine Ausstellung organisieren?”
Die beiden Männer lachten. Aber jeder hing dem Gedanken noch ein wenig nach.
Dann machten sie sich an die Arbeit.

Horizont

Ich schreibe diesen Text auf meinem Macbook Pro, trinke dabei einen Ingwer-Fenchel Tee und esse ein Croissants, beschmiert mit Bon Maman Feigenmarmelade. Neben mir steht ein Bett, bezogen mit warmer Biberbettwäsche und zwei bis drei Diogenes Romane; gebundene Ausgaben.

Ich schaue aus meinem Fenster direkt in die Wohnung eines Nachbarn. Ich erkenne es nicht richtig, aber ich glaube dort hängt ein – echter oder gefälschter – Monet an der Wand. Eine riesige, orangenfarbene Designerlampe ragt in den Raum hinein, auf einen verglasten Schreibtisch, auf dem Stifte und Blätter gleichmäßig verteilt sind. Es scheint genug davon zu geben.

Ich gehe auf die Straße und sehe Menschen, die dicke Wintermäntel tragen und Stiefel mit Woll-Einlage. Ich sehe vor meiner Haustür einen Mini, in den meine Nachbarin gerade einsteigt. Ich grüße sie mit der Hand, an dem ein silbernen Ring aufblitzt. Hinter dem Mini steht ein rotes Hollandfahrrad, an einem dicken Eisenschloss befestigt, vor einem Mietshaus, in dem Menschen leben, in dem Heizungen stehen und warmes Wasser läuft. Es wird Winter.

Ich gehe in den Rewe um die Ecke und sehe Obst und Gemüse, von jeder Sorte etwa fünfzig Stück.
Daneben etwa zehn Brotsorten, jedes Regal droht an der Menge der Produkte auseinanderzubrechen.
Ich sehe Kinder, die an den Händen von Müttern hängen, die Spangen im Haar tragen, die in der Vegan-Abteilung auf den Humus zeigen und „das da“ zum Abendbrot wollen. Eine alte Frau läuft mir in die Hacken, sie entschuldigt sich nicht, weil ihr Blick bei dem Käse hängen geblieben ist, der ihr hier in über sechsunddreißig Sorten angeboten wird. Für welchen wird sie sich entscheiden?

Zugegeben, Entscheidungen sind nicht einfach. Aber die Entscheidung, Flüchtlinge wieder zurück in ihr zerrüttetes Heimatland zu schicken, ja gar gegen sie zu demonstrieren; einfach gegen sie zu sein, weil man meint, es sei nicht genug für den deutschen Bürger da – das ist für mich eine Entscheidung gegen die Humanität. Und somit eine wesentlich wichtigere, als jene, welchen Käse ich heute kaufe, welchen Laptop ich mir als Arbeitsgerät anschaffe, welchen Wintermantel ich anziehe, damit er zu meinen pinkfarbenen Schuhen passt.

In einer Gesellschaft, die den Überdruss nicht nur gewöhnt ist, sondern ihn auch mit ihrem Leben verteidigen würde, ist es umso wichtiger ein Zeichen zu setzen. Mein Horizont endet dabei eben nicht in diesem Land, sondern geht hinaus, bis in die ganze Welt.

Sag mir, wo endet deiner?