Irgendwann

Wenn ich meine Karte nach Osna
ohne Naserümpfen zahlen kann,
mein Konto mich nicht
ins exil sche’ Minus verbannt,

wenn ich wieder mit euch “lunchen” kann,
wieder eine von euch bin,
nicht mehr Bücher verschlinge
sondern Rouladen mit Schmand,

wenn ich Schuhe trage, die mir nicht zu klein sind,
wenn ich ne Runde schmeiße und nicht mehr nur
Kleingeld; wenn ich statt Billigmagarine
mir die Kerrygold vom REWE leisten kann:

ja dann irgendwann, dann irgendwann.

Wenn ich mir aussuchen kann,
welche Airline ich nehme,
ich statt Paperback Hardcover kaufe
und mich nicht nur nach Beständigem sehne,

ich oben stehe, Familie und Freunden danke,
das Werk in der Hand, die Lichterflut tanke,
wenn ich des nachts nicht mehr aufwach’,
weil ich mir den Schlaf nicht leisten kann:

ja dann irgendwann, schon bald irgendwann.

Mein Leben mit einem Nerd – Teil 3

Auch diesen Monat lasse ich mich wieder über das Zusammenleben mit meinem persönlichen Vollzeitnerd aus.

Dieses Mal gerate ich beinahe selbst in die bösen Fänge der Magic-Welt.
Ob ich der nerdigen Versuchung doch entkomme, könnt ihr im dritten Teil meiner Kolumne nachlesen, und zwar hier.

Liebe Gamer-Girlfriends, solltet ihr ähnliche Erfahrungen in eurem kläglichen Liebesleben machen, schreibt mir einfach. Ich freue mich auf eure Anekdoten!

Up up and away,

Laura

Neuntausenddreihundertdreiundvierzig Glühbirnen

„Ja, ich bin dabei.“
Sie strich den Satz wieder, sie klickte solange auf der Taste, bis alle Buchstaben auf dem Bilschirm verschwunden waren.
„Ich weiß es noch nicht. Eventuell“, schrieb sie und diese Antwort gefiel ihr schon besser, aber es war nicht treffend genug, nicht unauffällig genug.
„Weitere Details gebe ich dir per SMS bekannt.“
Das Licht der Tischlampe fiel auf ihren Papierblock, auf dem sie handschriftlich alle Möglichkeiten der korrekten Wiedergabe durchgespielt hatte, aber es fühlte sich immer noch nicht richtig an.

Sie stand vor dem Regal in dem Supermarkt, zwanzig Minuten von ihrer Wohnung entfernt, früher war sie noch zu dem bei ihr um die Ecke gegangen, heute war sie nicht mehr sicher.
Es war kalt in den Reihen, zu lange stand sie schon vor dem Kühlregal. Sie griff nach der Milch, stutzte aber dann und griff nach dem Sahnejoghurt. Nein, statistisch gesehen war dieser von 34365 Terroristen gekauft worden, kurz bevor sie einen Anschlag verübt hatten – oder verüben wollten. Diese Information hatte sie aus dem Internet, das Hauptmedium aller Information, nein sie konnte keinen Sahnejoghurt kaufen, unmöglich war das.
Irische Butter, das war besser. Irische Butter war unauffällig, die Iren waren ja meist nur mit sich selber beschäftigt; das würde noch gehen. Sie konnten dann auf ihrem Bankkartenbeleg eine Summe von 1,89 Euro einsehen, eine Summe, die noch niemandem Schaden zugefügt hatte. Anders war das bei 2 Euro 12 zum Beispiel. Mit 2 Euro 12 hatte so mancher Staatsfeind seinen Schabernack getrieben. Irische Butter und vielleicht noch etwas Weißbrot.
Ja, heute war sie mutig.

Sie lachte laut, verstummte aber sofort wieder. Die Wände in der Wohnung waren hellhörig.
Sie hatte die Gardinen geschlossen und kein Tageslicht drang mehr ein. Nur das Licht des Fernsehers, das immer seine Farben wechselte, kroch bis zu ihren Füßen vor.
Sie schaltete von einem Sender zum anderen, bei keinem wollte sie zu lange verweilen, wachsam musste sie bleiben, wachsam gegenüber den Sendern und deren Inhalten. Eine Zeitlang hatte sie Fernsehzeitschriften ignoriert, jetzt waren sie wieder von höchster Bedeutung für sie geworden. Nein, unmöglich konnte sie länger als fünf Minuten auf Phoenix hängenbleiben oder auf Arte. Am Ende würden sie sie noch als kritischen Akadmiker entlarven, unangenehme Fragen würde man ihr stellen. RTL, ja vielleicht sogar noch das ZDF, das war massentauglich, das war genehm, hier erlaubte sie sich das Genießen einer ganzen Serie am Abend, auch wenn es dieser Tage riskant war, überhaupt etwas zu genießen.

Sollte sie den roten oder den blauen Schlafanzug anziehen? Es mussten klare Farbverhältnisse geschaffen werden, alles andere verriet eine Unruhe in seinem Träger und Unruhe war ein potentieller Nährboden für kriminelle Energie. Sie würde einfach nackt schlafen, denn nackt fühlte sie sich doch, wann immer sie auf die Straße ging und auch in ihren eigenen vier Wänden kannte man sie bereits. Besser war es da doch, sie trug, sagte, dachte garnichts mehr.
Krebste herum wie eine halbtote Nacktschnecke, auf die jemand getreten war, der aber nicht den Mut gehabt hatte, sie endgültig von ihrem Schmerz zu erlösen.
Sie erlöschte das Kerzenlicht auf ihrem Nachtschrank. Im letzten Jahr noch hatten 9343 Terroristen geheime Botschaften in Glühbirnen versteckt und zu denen wollte sie nun wirklich nicht zählen. Eigentlich war es doch auch ganz schön, wenn man so im Kerzenschein daliegen konnte, einen auf Retro machen; Gott, wer brauchte denn schon Glühbirnen? Sie sicherlich nicht.
„Was für ein cleverer Zug von mir“, dachte sie noch, kurz bevor sie einschlief.
Einzig und allein der menschliche Schlaf, der war noch unauffällig in diesen Zeiten.