Warum Marzahn-Hellersdorf viel näher an uns dran ist, als wir denken

Ich öffne Facebook. Ein Ferrerospot wirbt mit „Yes, weiss can“. Der – wohlgemerkt eindeutig politische – Claim des ersten farbigen amerikanischen Präsidenten wird verunstaltet, er ist das Symbol des Aufsteigenden, der der Geschichte der Sklaverei und Ausbeutung trotzen mag. Rufe nach Rassismus werden laut, aber die Netzgemeinde will da keine Parallele sehen. Ellenlage Kommentare bezeichnen jegliche Kritik daran als lächerlich, regen sich darüber auf, dass man in Deutschland nichts mehr sagen dürfe, werden unsachlich und ungehalten.

Und ich frage mich: Ist das etwa so wie mit den vermeintlich Schwulen, die sich strikt gegen Homosexualität aussprechen – und damit gegen ihre unterdrückten Gefühle? Muss ich also annehmen, dass in jedem von ihnen ein kleiner Rassist steckt, der sich am Ende doch nur von der Kritik ertappt fühlt?

Schauplatzwechsel Marzahn-Hellersdorf. Die Fernsehbilder sind erschreckend, sie wecken mich aus dem süßen Traum, in dem der Nationalsozialismus längst Geschichte ist. Eine Frau wird von einer Journalistin gefragt, warum sie so aufgebracht sei. Die Frau argumentiert, dass niemand daran denke, sie zu schützen, aber für die Asylbewerber würden extra Polizisten aufgestellt. Die Reporterin fragt, wogegen sie geschützt werden müsse? Die Frau hat keine Antwort. Kameraschwenk zu den Anwohnern und NPDlern, die gewaltbereiter daherkommen als jeder einzelne Asylbewerber in jedem beliebigen Wohnheim in Deutschland. Traumatiserte, politisch Verfolgte denken wahrscheinlich an alles – nur nicht an noch mehr Gewalt.

Es gibt ihn unter uns, den Alltagsrassisten. Er ist unter unseren Freunden, Bekannten, Menschen die sich – einmal eine Kamera vors Gesicht gehalten – sofort selbst enttarnen würden.
Er sagt Sätze wie: „Ich bin zwar kein Nazi, aber -“
Er sagt, „Ausländer sind willkommen, aber vor Türken in großen Gruppen habe ich Angst.“
Er sagt, „Ich bin zwar kein Nazi, aber was haben die Griechen schon für uns getan?”

Diesen Menschen möchte ich antworten, dass sie nicht nur einen Mund zum Meinungssagen bekommen haben, sondern sind sie auch mit der Gabe gesegnet, ein Buch in die Hand nehmen zu können, um dieses dann auch lesen zu dürfen. Erstaunlich was man da alles entdeckt!
Zum Beispiel, dass Griechenland zusammen mit über sechzig anderen Staaten nach dem zweiten Weltkrieg Deutschland einen Schuldenerlass zugestanden hat, der letztlich das Wirtschaftswunder mitbegründete, wie man hier liest. Erstaunlich auch, dass die “Armutszuwanderung” ein Mythos ist; es ist von Überqualifizierung die Rede, wie wir hier lesen dürfen.

Klar, alles eine Frage der Interpretation. Aber warum will der Deutsche in dem Fremden so unbedingt eine Gefahr sehen? Selbst, wenn die Statistiken das Gegenteil beweisen, wettern SpiegelTV und andere Boulevardmagazine immer wieder gegen die teilweise wunderbar funktionierende Integration an.

Ja, warum weiß denn eigentlich der Alltagsrassist nicht was „Hallo“ auf Persisch heißt?
Salom, meine Brüder, aber ist das nicht auch ignorant, wenn eine andere Nation dem eigenen Land beim Wiederaufbau den Arsch gerettet hat, er ihn aber in seiner Landessprache nicht einmal grüßen kann? Soll sich einer so Zuhause fühlen, wenn vor ihm eine Mauer aufgebaut wird, nur weil der Alltagsrassist meint, das Land gehöre ihm? Eigenartig dieser Gedanke, in einer modern-humanistischen Weltanschauung, in der der Mensch angeblich vorherrscht und nicht das Tier.

Für den Alltagsrassisten muss die “Zigeunersauce” so heißen wie sie immer hieß. Eine zu große Last ist die Umstellung; er muss sich am Ende gar ein neues Wort merken! Dass das beschwerlich ist, möchte ich ihm bei einem Horizont von drei Zentimetern auch gerne glauben. Aber nur ein kurzer Blick in ein Buch beweist ihm, dass die Sinti und Roma eben kein Wandervolk sind, sondern nur ein kleiner Teil von ihnen der Gruppierung diesen Ruf bescherte.
Er wird lesen, dass schon in der Weimarer Republik die Sinti und Roma als „Zigeuner“ verfolgt und ausgerottet wurden. Die Nationalsozialisten verfeinerten diese Kriegsrhetorik, um sich diese ihrer Ideologie zunutze zu machen.
Er wird verstehen müssen, dass es einen Unterschied zwischen der “Zigeunersauce” und einem gebräuchlichen “Babyöl” geben muss, alleine schon in sprachwissenschaftlicher Hinsicht.

Wie würde sich der Alltagsrassist fühlen, wenn Kartoffeln in England plötzlich „Nazis“ hießen?
„Wäre mir egal“, antwortet er selbstgerecht. „Juckt mich nicht.“
Natürlich tut es das nicht. Denn er hatte das unsagbare Glück in einem Land aufzuwachsen, indem er eben nicht wegen seiner Gesinnung oder Hautfarbe verfolgt wurde; er wird nicht wissen, wie es sich anfühlt, wenn ein einziges Wort Generationen voller schmerzlicher Geister in ihm erweckt. Er hat immer frei leben dürfen. Und heute missbraucht er dieses Privileg, um andere zu diffamieren.

Ich öffne Facebook wieder. Jemand regt sich darüber auf, dass Studenten vor einer Osnabrücker Disko gegen rassistische Einlassgesetze demonstrieren. Er argumentiert wie einer, der denkt, es sei “normal”, dass ein Club wiederholen dürfe, was in Zeiten der DDR schon verpöhnt war, so als sei eine Disko politisches Gelände, das es abzugrenzen gilt. Er schreibt noch, es gäbe Wichtigeres auf der Welt.
Richtig, es ist der Alltagsrassismus, der sich unter den Masken derer versteckt, die die Anwohner in Marzahn-Hellersdorf verstehen können, so als herrsche dort für diese echte Gefahr. Der von Ausländern gehört haben will, die schon wieder einen Deutschen verprügelt hätten, der sich aber “Zigeunersauce”-fressend noch einen „Negerkuss“ reinstopft und dann von Anstellerei sprechen will, so als hätte er nie davon gehört, dass auch Worte den Menschen verletzen können.

Viele schreiben: „Ich habe einen türkischen Freund, ich bin also kein Rassist“, so als wäre das ein Totschlagargument. Aber es enttarnt nur den Selbstgerechten, der den Fremden jederzeit im Hagel der Kritik an seiner Person als Schutzschild für sich sterben lassen würde.

Er ist wieder unter uns, der Nationalsozialismus. Schleicht sich um unsere Gebeine und will unser Gedankengut für sich vereinnahmen. Viele reißt er mit sich und nur die scheinen davor gefeit, die noch den Stern am Himmel der Gerechtigkeit sehen. Die in einer Welt voller angeblicher Beweise, dem ureigenen Geiste vertrauen, weil eine Stimme in ihnen flüstert: “Morgen schon bin ich der Fremde in einer Welt, die sich niemals selbst nahe sein will.”

5 Gründe, warum Autoren ernst genommen werden sollten

Es passiert mir jedes Mal: Ich lege einem Kunden mein Honorar vor und werde belächelt.
Ich sage eine Verabredung ab, weil ich unbedingt schreiben muss, und ich werde belächelt.
Ein Chefredakteur will meine Geschichte ohne Honorar abdrucken; ich belächle ihn –
und werde nicht mehr angerufen.

Warum Autoren genauso einen harten Job machen wie jeder andere Verdienende auch, habe ich in den folgenden Punkten zusammengefasst.

1. Eine Muse gibt es nicht.

Viele Menschen scheinen immer noch dem Gedanken hinterherzuhängen, dass der Schreibende sich eine Kerze entzündet, klassische Musik auflegt, einen Rotwein schlürft, und dabei – mit Glück! – ein Mal im Monat von einer Muse wachgeküsst wird, die ihm DIE Idee einflöst. Nichts scheint ihm ferner zu sein als eine geregelte Arbeitsroutine.

Nun, ich habe leider schlechte Nachrichten. Diese Muse hat in den meisten Fällen leider üblen Mundgeruch.
Man nennt sie in Fachkreisen auch: Alltag.
Ein Autor, der seinen Job ernst nimmt, sitzt jeden Morgen pünktlich um acht oder neun am Schreibtisch und verlässt diesen höchstens für eine längere Mittagspause, um manchmal bis in den Abend hinein weiterzuschreiben. Oft bleibt er sogar bis in die Nacht daran sitzen, weil ihm der eine Charakter noch nicht spitz genug erscheint oder er denkt die ganze Nacht darüber nach, wie es in der Handlung weitergehen könnte. Da wäre jeder Bürojob für den Autor doch manchmal eine echte Erlösung – wenn er denn anders könnte.

2. Sie können doch auch nicht anders – na klar!

Jedes Mal, wenn ich auf einer Party erzähle, dass ich an einem Roman schreibe, gibt es mindestens einen scheinbar verwirrten Menschen, der darauf erwidert:
„Jaja, das wollte ich auch mal, so ein Buch schreiben. Also ich hab da so eine Idee, wo vier Frauen in der Großstadt immer wieder an den falschen Typen geraten und am Ende -“
Stopp. Bitte. Erbarmen.
Erst einmal ist die Bezeichnung „Buch“ schon mal grundweg falsch, da es sich genauso gut um ein „Sachbuch“ handeln könnte, und zweitens plagt mich das unangenehme Gefühl, dass Sie davon ausgehen, einfach nur jeden Tag zwei Seiten schreiben zu müssen, um am Ende des Jahres einen fertigen, fiktionalen Roman in den Händen zu halten.

Ich möchte Sie hiermit ausdrücklich dazu ermutigen.

Nein bitte, versuchen Sie es. Sie werden schnell merken, dass immer wieder etwas zwischen ihre Verabredung mit der Seite kommen wird, und sie schnell den roten Faden verlieren, weil sie sich keine Gedanken darüber gemacht haben, wie die Handlung ihrer Geschichte logisch aufgebaut werden könnte. Wenn Sie dennoch dran bleiben, mögen Sie am Ende des Jahres vielleicht ein Manuskript in der Hand halten, aber das heißt noch lange nicht, dass ihre Charaktere so einzigartig gezeichnet sind, dass sie ihren Leser über 250 Seiten fesseln können.
Denken Sie also immer daran: jedes Mal, wenn sie behaupten, Sie würden auch gerade an einem „Buch“ schreiben, stirbt irgendwo auf der Welt ein erfolgloser Autor!

3. Schreiben? Kann ich. Ich war doch in der Grundschule.

Nun, dieser Gedanke ist geradezu putzig. Gehen Sie doch bitte damit zur Süddeutschen Zeitung und bieten Sie sich als Autor an. Es bedarf einer sehr feinen Unterscheidung zwischen einem gelernten Autor und einem Hobby-Autor. Jeder, der schon einmal Stunden damit verbracht hat, eine Einladung für eine Silberhochzeit zu verfassen oder eine wichtige E-mail an den Chef zu schreiben, weiß vielleicht, dass das einfache Herunterschreiben eines Textes nicht reichen wird. Ein gehöriger Teil meiner Arbeit liegt darin, dass ich stundenlang an einem Satz pfeile und überlege, ob das Substantiv überhaupt an diese Stelle in dem Satz gehört und ob der Rhythmus noch stimmt, wenn ich hier und dort einen Punkt setze. All das nur, damit der Leser am Ende eben diesen Umstand, den ich mir machte, überhaupt nicht bemerkt.
Oscar Wilde soll ja mal gesagt haben: “I was working on the proof of one of my poems all the morning, and took out a comma. In the afternoon I put it back again.”
Das fasst die enorme ernsthafte Arbeit, die ein Autor in sein Werk steckt, ziemlich gut zusammen.

4. Auf dem Weg zum Kulturstaat

Hand aufs Herz. Warum sollte ein Künstler überhaupt für etwas bezahlt werden, das die Gesellschaft sowieso nicht zum Überleben braucht? Kunst ist eine nette Nebensache, sicher, aber die Industrie bringt uns das Essen auf den Tisch. Richtig?
Nun, dazu möchte ich sagen … Aus! Pfui! Sitz!
Denn spätestens seit dem dritten Reich werden wir uns wohl damit auseinandersetzen müssen, dass die freie Kunst dem Menschen erst ein lebenswertes und individuelles Dasein bieten kann. Was wäre der Mensch ohne eine unabhängige Meinung aus der Zeitung, ohne den vorgehaltenen Spiegel des Theaterstücks oder den einen Roman von Nietzsche, der seine Sicht auf die Dinge grundweg verändert hat? In der Zeit des Nationalsozialismus war eine freie Presse vermutlich undenkbar, denn sie hätte den Menschen zum Selberdenken angeregt. Kunst bringt uns die entscheidende Fähigkeit der Selbstreflexion, sie macht uns zu einem unabhängigen Menschen, der sich selbst als Individuum erleben darf und sich aus verschiedenen Selbstbildern eines herauspicken kann. Oder um es mit einfachen Worten zu sagen: wenn Sie abends nach Hause kommen, wollen Sie abschalten.
Und abschalten heißt, etwas anderes anzuschalten. Eine neue Welt. Vermutlich aber Ihren eigenen Verstand.

5. Warum Autoren vernünftig bezahlt werden sollten

Sie werden es nicht glauben, aber wir Autoren leben nicht in aus Träumen gebauten Luftschlössern und werden Morgen für Morgen von einem Einhorn wachgeküsst, welches uns zu unserem Schreibtisch – errichtet aus Inspiration und Liebe – geleitet. Will sagen: auch wir müssen unsere gottverdammte Miete zahlen!

Ein beliebter Spruch, den ich von Freunden immer wieder höre:
„Du bist doch selbstständig, du hast doch jetzt Zeit?“ oder: „Und wie ist es so als Arbeitslose?“
Obwohl ich meinen Freunden hier natürlich keine böse Absicht unterstellen will, sollen sie doch, nunja, wenn es keine Umstände macht, ähm ja, in der Hölle schmorren.
Nein, im Ernst, ich verstehe sie ja sogar.
Auf den ersten Blick sieht es sicherlich so aus, als bestünde das Leben als freier Autor nur aus Vorzügen. Natürlich kann ich mir meine Zeit frei einteilen. Natürlich kann ich auch mal schon am Freitag zu der Party kommen, weil ich mich nicht bei einem Chef abmelden muss. Aber wenn ich krank werde, dann werde ich nicht einfach weiter bezahlt. Wenn ich an dem Freitag Nachmittag nicht am Schreibtisch sitze, weil die eine Agentur unbedingt einen Text von mir braucht und mir das wohl finanziell den Arsch retten könnte, kann ich sicherlich nicht mit der Ausrede kommen, ich sei ja nun mal feiern.
Jeder Tag, an dem ich nicht an meinem Manuskript arbeite, entfernt mich weiter von der langersehnten Veröffentlichung, die vermutlich gerade mal das Geld reinbringen wird, was andere in einem einzigen Monat verdienen. Ich alleine trage das Risiko. Und das ist verdammt hoch. Es handelt sich dabei um nichts geringeres als meine Existenz.

Fazit:

Zusammenfassend können wir also sagen, dass Kreative schon lange keine Knallköpfe mehr sind, die sich bizarre Ideen ausdenken, die sowieso niemanden interessieren. Viele würden für ihren Traum alles tun.
Sogar unter dem empfohlenen Honorar arbeiten, nur um irgendwie durchzukommen. Denken Sie bitte daran, wenn Sie das nächste Mal „Berlin – Tag & Nacht“ sehen und sich dabei fremdschämen. Vermutlich steckt hinter dem Script eine kleine Autorin, die noch den ganz großen Traum vom Bestseller in sich trägt und diesen Rotz nur geschrieben hat, um ihre Miete zu bezahlen.

Dieser Artikel ist übrigens umsonst. Keine Ursache.