Sommer

Die Menschen in den Cafés rauchen,
etwas Schweiß tropft mir vom Arm,
ich beobachte die Liebenden leise,
das Papier ist weiß und lauwarm.

Niemand hier will sich mehr streiten,
jeder sich unter der Sonne versteh’n,
der Sommer will endlich unter uns kommen -
doch ich kann dem Leben kein Strahlen entnehm’n.

Die Wohnung ist rau und kühl,
der Kühlschrank ist beinahe leer,
die Straßen meiner Stadt,
glühen heiß unter brodelndem Teer.

Will ich denn immer nur wachen?
Dort wo jeder Mensch in der Sonne schläft,
muss ich immer einen Schritt weiter,
weil Wind sich nicht in der Hitze dreht.

So dann, Sommer, lass mich gehen,
bin wieder wild und jung und frei,
an meinem Fenster zum See,
zieht ein rettendes Wölkchen vorbei.

Havanna

Ein amerikanischer, blauer Chevy nebelt uns mit schwarzen Abgasen ein. Zwei ältere Frauen diskutieren lautstark auf einer Parkbank. Als wir länger an einer Ampel stehen, sehen wir neben dem Parque Central riesige, kolonialische Gebäude, die dem Anblick europäischer Hauptstädte in nichts nachstehen. Wir gehen an dem Capitolio National vorbei. Ein Hund mit einem halb abgebissenen Ohr läuft neben uns her. Eine Prostituierte zieht einem Jugendlichen die Hose herunter und begutachtet, was auch immer sich darunter verbirgt; ganz ohne Scham. Die Polizei steht nur wenige Meter daneben.
Wir sind in La Habana. Es ist die letzte Station unserer Reise.

Wir checken in ein casa particulares im Stadtteil Old Havana ein. Da wir nicht mehr in der Provinz sind, kostet das Zimmer 35 CUC die Nacht. Auch hier ist diese Art von Unterkunft eine günstige Alternative zu den Sternehotels. Unser Zimmer hat pinkfarbene Wände und einen kleinen Kühlschrank, in dem wir unseren letzten Rum verstauen. Aus unerklärlichen Gründen haben wir es uns auf der Reise angewöhnt, uns schon um zehn Uhr morgens einen cuba libre zu genehmigen. Nenne man es die Vorstufe zum Alkoholismus – in Kuba nennen wir es eine gesunde Einstellung zur Integration.

Mit einem Wagen des staatlichen cubataxi fahren wir am Nachmittag aus der Stadt heraus. Wir wollen nach San Francisco de Paula, Hemingway’s Finca besichtigen. Auf diesen Teil der Reise hatte ich mich schon seit Tag 1 gefreut und heute sollte ich die vielleicht berühmteste Schreibmaschine der Welt zu Gesicht bekommen. Der Fahrer fährt uns auf das Anwesen. Ein Trecker ist willkürlich in dem anliegenden Wald abgestellt worden. Wir folgen den Treppenstufen hinauf zur Finca. Alle Fenster sind weit geöffnet, aber in das Haus dürfen wir nicht. Es ist mit Stoffbinden abgesperrt und ich wage einen Blick hinein. An den Wänden hängen unzählige Jagdtrophäen, sogar Elche und Wildschweine gaffen zu uns herunter. Bücher und Magazine sind ordentlich in ein Regal eingereiht und ein charismatisches Bild des Schriftstellers, der die amerikanische Literatur revolutionierte, hängt über dem Alkoholschrank. Die Zimmer sind ordentlich und sauber hinterlassen worden. Mochten die anderen Touristen doch an seine Reinlichkeit glauben, ich hatte schon immer den Tumult seines Herzens zwischen den Zeilen herausgelesen.

Anliegend an das Haus liegt ein Turm von etwa zehn Metern Höhe. Von hier oben kann man in der Ferne La Habana erkennen. In der Mitte des kleinen Raumes steht ein schwerer Holzschreibtisch. Darauf: Hemingway’s Schreibmaschine.
Zuhause hatte ich mir ausgemalt diese einzustecken und damit unbemerkt das Land zu verlassen; ja ich war bereit, deswegen fortan im Exil leben zu müssen! Aber auch hier wird uns der Eintritt verweigert und eine Kubanerin, die den Turm bewacht, fragt uns freundlich, ob sie denn wenigstens mit unserer Kamera ein Foto von der Schreibmaschine machen solle.
„Si si, gracias“, sage ich und nachdem sie fertig ist, bittet sie uns um ein „presenta“; sie will Geld für ihre Dienstleistung haben, die sie uns eben selbst auferlegt hatte.
„Warum hast du ihr wieder Geld gegeben?“, fährt mein Freund mich später an.

Auf der Rückfahrt in die Stadt denke ich darüber nach, ob ich in einem Land leben könnte, in dem ich meinem eigenen Nachbar nicht vertraue. Schon das lockere Gespräch auf der Straße ist mit Geldausgaben verbunden und in jedem Häuserblock gibt es einen sogenannten presidente, ein Mann der Partei, der dafür sorgt, dass jeder regimekritische Kubaner innerhalb kürzester Zeit aus der Nachbarschaft verschwindet.
Eine starke Nation wie Deutschland mit einem armen Land, das sich seit den späten Fünfzigern auf der Revolution ausgeruht hatte zu vergleichen, erscheint mir dennoch nicht richtig.
Die Menschen hier sind ausgebeutet, mundtot, gar dumm gemacht worden. Die wahre Revolution in den Köpfen scheitert an ihren eigenen Gedanken.

Im El Floridita, das die Kubaner als Hemingway’s Lieblingsbar feiern, trinken wir am Abend einen überteuerten Daquiri. Wir treffen auch hier ausschließlich auf Touristen. Die Vorhänge sind aus rotem, schweren Samt; die Theke mit eingebauten Lichtern verziert.
„Hemingway würde sich im Grabe umdrehen.“ Ich stelle den Daquiri von mir weg. “Er hat immer für die Wahrheit geschrieben.”
„Du nimmst das alles viel zu ernst“, sagt mein Freund.
„Macht dich denn diese Touristenscheiße nicht langsam wahnsinnig? Die verkaufen uns das Land als das Paradies auf Erden, dabei fällt es jeden Moment auseinander.”
„Jetzt sei keine Dramaqueen“, sagt mein Freund und dreht sich zu der Band auf der Bühne vor uns, „wir haben schon viel zu oft darüber geredet.“
Dramaqueen. So betitelt der Mensch andere Menschen, die eben nicht nur vermeintlich locker über den Dingen stehen und jegliche Art von Gefühl hinter einer lachenden Fassade vergraben. Es ist die perfekte Aushebel-Wortschöpfung, die die Gefühle des Gegenübers lächerlich machen soll, so dass er seinen eigenem Handeln nicht mehr vertrauen kann.
Eine unbedachte Aussage meines Freundes – und ich konnte den kubanischen Landsmann plötzlich viel besser verstehen. Wie oft waren ihm wohl seine Gefühle verboten worden?

Ich nehme meine Tasche und gehe. Als ich die Bar verlasse, die Klänge der karibischen, erzwungenen Gute-Laune-Musik noch im Ohr, übergibt sich ein betrunkener Kubaner direkt vor meinen Füße. Etwa acht Taxifahrer fragen mich, ob ich bei ihnen mitfahren will und ein Mann in einem weißen Hemd reicht mir die Karte eines Restaurants.
„Jetzt nicht!“, rufe ich. Der wochenlange Mangel einer Privatsphäre hat mich nervös gemacht.
Mein Freund steht jetzt wieder hinter mir und fasst mich an die Schulter.
„Was ist denn dein Problem?“
„Ich weiß es nicht“, sage ich wahrheitsgemäß, „ich fühle mich hier einfach nicht wohl.“
Ein Kubaner in einem orangenen Shirt und fehlenden Zähnen stellt sich neben uns.
„Don’t worry, be happy,“ sagt er und als wir allmählich wieder darüber lachen können und ihm für seine Offenherzigkeit danken wollen, hält er seine Hand auf. Auch diesen Rat sollen wir bezahlen.

Später setzen wir uns mit unserer Flasche Rum an den Malecon und schauen der Sonne dabei zu, wie sie langsam untergeht. Hinter uns sieht man die historischen Kolonialgebäude und weiter dahinter die bröckelnden, unfertigen Steinhäuser, in denen das echte Kuba mit all’ seiner Armut und Verzweiflung wohnt. Niemand hatte uns vorher über die Schattenseiten aufgeklärt. Wir waren zu naiv gewesen, um Kuba als das zu betrachten, was es war: ein Land, in dem politische Tyrannei seine Bewohner zu Maden macht. Maden, die der Partei hinterher kriechen, um irgendwann trotzdem von ihnen ins offene Meer geschmissen zu werden. Der Hass auf uns Touristen, die in klimatisierten Bussen herumkutschiert werden, ist uns verständlich, aber er hat manch’ einen Kubaner seinen Stolz vergessen lassen.

Nicht ein Reiseführer hat uns über das Elend aufgeklärt. Eher hat man uns bunte, amerikanische Wagen und alte Männer, die Zigarren auf Parkbänken rauchen, gezeigt. Kinder, die mit teuren Fußbällen auf restaurierten Straßen spielen. Weiße Frauen, die an endlosen Sandstränden spazieren gehen.
Aus diesem Grund ist dieser Reisebericht entstanden.

Denn das ist nicht die Wahrheit.

Trinidad


Wir lassen unsere Rucksäcke auf das frischbezogene, aber harte Bett fallen. Wir haben einen guten Preis ausgemacht mit der Mama des Hauses und können für 20 CUC die Nacht in dem kleinen Privathaus schlafen. Um in unser Zimmer zu gelangen, müssen wir erst über ein Hausdach steigen. Es ist mit undichten Brettern festgemacht und die Ziegel sind mit Moos bewachsen.
Von hier aus können wir die Stadt sehen. Ihre Häuser sind rot, blau, grün, gelb und die meisten haben Ziegel verloren. An Wäscheleinen hängen Unterhosen, Kleider und Teddybären, dahinter verfärbt sich der Horizont langsam violett und kaum eine Wolke ist am Himmel zu sehen. Es ist schon fast dunkel als wir ankommen, und das erste Mal auf unserer Reise stellt sich ein Gefühl der Aufregung ein: die süßliche Luft und die in verschiedenen Farben bemalten Häuser, die zutraulichen Streuner, die uns auf dem Weg vom Bahnhof entgegen kommen und das herzliche Lächeln der Einwohner. Sie alle sprechen die Sprache einer Stadt, die sich seit Jahrhunderten selbst treu geblieben scheint. Wir meinen das wahre Kuba gefunden zu haben.

Mit nackten Füßen trete ich wenig später auf das Kopfsteinpflaster. Ich muss aufpassen, fast werde ich von einer Kutsche erfasst. Der Fahrer schreit mir etwas auf kubanisch hinterher und ich entschuldige mich mit einem naiven „Sorry“. Etwas weiter hinter mir läuft mein Freund, der mindestens zwanzig Taxifahrer abwimmeln muss. Sie wollen ihn zum Strand fahren, auch noch spät am Abend, oder nach Varadero, Havanna, ganz egal. Mein Freund erzählt ihnen geduldig, dass wir gerade erst aus Varadero kommen und ich muss darüber lachen, dass er sich nach zwei Wochen immer noch die Mühe macht den Männern genau zu erklären, warum wir kein Taxi brauchen – wo sie sich doch für die Gründe unserer Ablehnung nicht wirklich interessieren.

Wir gehen weiter auf einen großen, weiten Platz und steigen mehrere Treppenstufen auf, um in die Casa de la musica zu gelangen; eine offene Bar unter freiem Himmel.
Eine Band mit Trompeten und Tamburin spielt „Chan Chan“, um die vermeintlich reichen Touristen anzuziehen. Im Hintergrund tanzen drei hübsche, schwarze Kubanerinnen, die mit rot-goldenen Glitterkostümen und ausgebreitenen Armen auf der Stelle tippeln. Die Scheinwerfer leuchten ins Publikum. Auf der Bühne hilft ein abgedunkeltes Licht, die erotisch angehauchte Stimmung zu vertiefen. Der Platz ist überfüllt mit Touristen, nur wenige Kubaner tummeln sich um die Bar herum. Die meisten haben kaum das Geld, um sich ein Bier leisten zu können.
Wir setzen uns auf eine Treppe, den Blick auf die Bühne gerichtet. Die Moskitos schwirren um uns herum und ich schwitze. In Kuba wird es niemals kalt, auch mitten in der Nacht steigt einem die Hitze in den Nacken und auf die Stirn.
Wir trinken Bier nach Bier und mit jedem Schluck gefällt uns die Musik mehr, auch wenn wir wissen, dass das alles hier nichts mit dem traditionellen Kuba zu tun hat, sondern wir Zeuge einer inszenierten Lebensfreude werden, die Armut und dem verzweifelten Neid darunter vor uns verstecken soll.

Leicht angetrunken laufen wir durch die heiße Stadt. An den Straßenecken stehen junge Kubaner, die sich lautstark unterhalten, einige tanzen auf der Straße, andere streiten sich hinter vorgehaltener Hand. Niemand darf auf der Straße laut werden, nur durch Blicke zerwirft sich ihre Aggression. Vor einer Bar bekommen wir eine Zigarre geschenkt. Wir wollen sie nicht annehmen, aber der Barmann besteht darauf. Es ist das erste Geschenk, das wir ohne Gegenleistung behalten dürfen. Wir fragen ihn, wo wir zu dieser Zeit noch hingehen können und er empfiehlt uns „The Cave“, eine Höhlendisko, in der ganz Trinidad sich Abend für Abend einfindet.
Ich rauche ein paar Züge auf Lunge, da ich mich in meinem angesäuselten Kopf nicht daran erinnern kann, wie man Zigarren raucht. Wir beobachten die Kubaner auf der Straße, wie sie in fremde Taxen und Privatwagen einsteigen.
„Why are you driving with these strangers?“ frage ich einen Jugendlichen mit einem blauen Nike Shirt vorlaut.
„In Cuba, if you dont have a car, other people have to take them with you.“
„What kinda system is that?“ sage ich. „Aren’t you scared?“
„No, that’s socialism“, erklärt er, „you help your fellow men.“
Jeden Morgen fährt er so zur Arbeit, erklärt er. Die Kubaner mit Auto sind verpflichtet, andere Landsmänner ohne Gefährt mitzunehmen. Manchmal wartet der Junge bis zu fünf Stunden auf ein Auto, manchmal nur fünf Minuten. Mitgenommen wird er immer.
Ich erinnere mich an die Aufregung um die Deutsche Bahn. Daran, wie mein Gesicht rot anläuft, wenn ich auch nur zwanzig Minuten länger warten muss als geplant. Ich sehe jetzt den Hass meiner Mitfahrer, die Wut, die angezogenen Augenlider, die ausgefüllte Beschwerdebögen.
Nichts davon erkenne ich in dem Gesicht des Jugendlichen.

Das „Cave“ befindet sich etwa dreißig Meter unter der Erde. Dumpfe Basstöne kommen aus den Boxen und Laserlichter zeigen in verschiedene Richtungen. Wir lernen zwei weitere Kubaner kennen und finden uns in tiefen Gesprächen wieder; der Rum lockert die Zungen der Anwesenden. Einer der beiden – ein etwa dreißigjähriger Afrokubaner mit lockigem Haar – erzählt uns, dass er gerade erst wieder auf freiem Fuß ist. Er war für ein Jahr Zuchthaus verurteilt worden, weil er sich im Internet kritisch gegenüber Castro geäußert hatte. Ich will ihn weiter ausfragen, ihn meine Empörung spüren lassen, aber er lässt es nicht zu.
„The police is everywhere“, flüstert er.
Sein Freund zeigt mir, wie man Rumba tanzt, eine eigene Art des Salsa. Ich werde dabei hemmungslos ausgelacht. Mein deutscher, kalter Hüftgang, zäh und unflüssig, steht im absoluten Gegensatz zu dem Kubanischen, bei dem manche Frauen ihr Hinterteil vor ihrem Tanzpartner so heftig durchschütteln, dass ich denke, ihre Knie müssten brechen. Aber die Frauen lachen und schwingen ihre Arme zu dem Takt. Peinlichkeit kennen sie nicht.

Auf dem Nachhauseweg reden wir mit unseren neuen Bekannten über die Redefreiheit.
Wir versuchen leise zu sein, aber der Rum hat uns laut und unberechenbar gemacht.
„I never knew it was that bad“, sage ich.
Die Kubaner zucken nur mit den Schultern, aber ich weiß, das sie das über uns denken, was sie alle denken: diese reichen, dummen Touristen. Wollen die weißen Sandstrände und den Rum, aber nichts von der Landespolitik wissen.
„I just want to know“, fange ich wieder an, „if I say something about Castro, will I be imprisoned as well?“
„No. Only the Cubans can’t speak their mind.”, sagt der mit dem lockigen Haar.
„This is probably why we hate tourists so much“, sagt sein Freund.
Der Kubaner grinst offen, ich sehe sein weißen Zähne in der Dunkelheit, die Straßen sind kaum beleuchtet, und ein kalter Windstoß fährt über meinen Rücken.
„What do you mean?“ frage ich.
Hinter ihm sehe ich einen Berg, der wie der Rücken eines Elefants geformt ist.
“It’s a joke”, sagte er.
“Not sure about that”, sage ich.

Wir dachten in Trinidad sei alles anders. Wir dachten, wir hätten endlich das wahre Kuba gefunden. Aber als die beiden Kubaner mit denen wir über Stunden gelacht, getanzt und getrunken hatten, sich bei uns verabschieden, greifen sie meinem Freund in die Tasche.
Darauf hatten sie wohl den ganzen Abend gewartet: auf 25 CUC und ein Feuerzeug.

Wir gehen über das Dach in unser Zimmer. Unser Vertrauen lassen wir auf dem Kopfsteinpflaster liegen. Wir schließen hinter uns ab. Legen uns schlafen.
Buenas noches, Trinidad.

Der letzte Teil erscheint nächste Woche.