Ostern mit E.

Wenn du mal sechs bist,
und fragst mich,
mit großen, blauen Augen:
„Hast du den Hasen denn heut’ schon gesehen?“
Werd ich nicht lügen,
sondern dir sagen,
Glauben ist Glaube,
beweisen ist Sehen.

Wenn du mal zwölf bist,
das Spiel ist vorbei;
Blüte ist Blüte,
das Ei ist Ei.
Dann rufe ich laut:
„Schau mal da! Die Spuren im Schnee!“
Du gehst in die Hocke,
sagst ruhig und bedächtig:

„Glaub’ ichs jetzt nur -
oder hab’ ichs gesehen?”

Habemus Papaya

Er hatte sich immer schon schwer mit dem Aufstehen getan. Erst musste er das eine Bein aus dem Holzbett heraushängen lassen, den ganzen Körper zur Seite drehen, um dann mit einem Satz mit dem anderen aus dem Bett zu springen, was er mit einem lauten Schrei zelebrierte; er war einfach keine sechsunddreißig mehr.
Er hörte vor seinem Zimmer ein paar hallende Schritte, nervös gingen sie auf und ab, dann klopfte es,
„Heiliger Vater, jaja, sind schon wach, haben nur einen lauten Schrei gehört, wollten wissen …-“
„Nun haut schon ab!“ sagte er, der Heilige, der ein Morgenmuffel war. Papst sein hieß ja nicht gleich, dass man zu jeder Tageszeit nett sein musste, besonders nicht zu zwei jungen Schülern des Vatikan, die sich ihm auf wirklich jeder Firmenfeier derart widerlich annäherten, dass es ihn nur in seiner Ansicht bestärkte diese Form von Zuneigung per Gottesgesetz abzuordnen.
Er stellte sich vor einen großen Spiegel und ließ seinen Bauch nach vorne heraushängen. Seine Brust schmerzte unangenehm. Das hatte sie schon gestern und die ganze Nacht getan, aber jetzt wo er aufrecht stand, war es deutlich schlimmer geworden.

Er kleidete sich in seiner weißen Robe, die er mindestens genauso lächerlich fand wie seinen Schlafanzug. Besonders dieser alberne Superheldenumhang erwies sich als äußerst widerspenstig, wenn in Rom der Wind auf den Petersplatz wehte, auf dem Piazza San Pietro, lieber Gott, hatte er jetzt Hunger auf Pizza.
Als junger Student war er in den frühen vierziger Jahren zum ersten Mal hier gewesen und das erste was die Italiener ihm angeboten hatten, war ein Pizzastück, auf der Straße in Palermo, ohne übermäßigen Käsebelag, nicht so delittantisch wie die Europäer sie aßen, fein doch saftig; wieder klopfte es an der Tür.
„Kinder, nun ist aber mal Ruhe!“ schrie er laut und herrschaftlich den beiden Priestern zu, die wohl einfach nicht damit zurechtkamen, dass sie seit Jahren nicht mehr gewichst hatten und nun ließen sie ihre Aggressivität in Form von Demut auch noch an ihm aus. Irgendwie erinnerten sie ihn an diese schnellen, bellenden Plüschspielzeughunde, die man auf den Touristenplätzen für ein paar Euro kaufen konnte.
„Heiliger Vater, padre – möchten Sie darauf hinweisen, dass ein Empfang, also Ihr Empfang unten schon seit geraumer Zeit stattfindet.“
„Dürfte ich mir vielleicht noch die Zähne putzen?“ raunzte er.
„Natürlich, heiliger Vater, Sie dürfen sich auch alles andere putzen, jaja, wie es Ihnen recht ist, nur: die Herrschaften warten schon sehr lange.“
Potestas suprema!
Die beiden Männer überrannten sich beinahe gegenseitig und schlossen die Tür schnell wieder hinter sich. Irgendwie machte es ihm ja doch Spaß, da draußen auf verständnisvoll und hier drinnen einen auf strengen papa zu machen. Seinem Vorgänger, dem alten „Ratzefummler“, wie er ihn seit einem aus dem Ruder gelaufenen Kongress nannte, hatte er gestern noch über PapstApp geschrieben. Zusammen hatten sie über die kargen Räume, in denen er hausen musste und über die devoten Schüler des Hauses gelästert.
„Lege den jungen Priestern nie zu lange die Hand auf die Schultern,“ war die letzte Nachricht des Vorgängers gewesen und bei Gott, – es klopfte wieder – hätte er diesen Rat nur ernst genommen.

„Darf ich sie in unserem bescheidenen Heim Gottes begrüßen?“
Mit offenen Armen, eine zweihundert Meter lange Goldtreppe herunter stolzierend, die Treppengeländer mit impressionistischen Kunstwerken bemalt, links und rechts neben ihm ein von Hand bestickter roter Vorhang, hinter ihm der Strahl einer Wasserfontäne tanzend; so begrüßte er die Gäste. Die Damen und Herren der Presse stürzten sich auf ihn wie verkarterte Mittzwanziger auf einen fettigen Burger. Gespannt warteten sie auf die ersten, offiziellen Worte seiner Amtszeit, die ersten Worte, die alles bedeuteten.

War es gerade noch sehr laut in der Halle ob der technischen Gerätschaften gewesen, wurde es plötzlich sehr leise, um nicht zu sagen, totenstill, als der heilige Vater seine Hände in den Himmel hob, den Mund öffnete und mit einer missglückten Piorette zu Boden fiel. Den ganzen Morgen hatte er sich schon komisch gefühlt, eigentlich schon das ganze Jahr. Man ist wirklich keine sechsunddreißig mehr, dachte er noch in der halben Wegdämmerung, in der sich seine Berater und die Kameras auf ihn stürzten und er träumte von zwei jungen Priestern, die ihn in süßen, wogenhaften Bewegungen in ein Krankenzimmer trugen und ihm eines Schicksals überließen, das er höchstens in zehn Jahren erwartet hatte, aber Gott meinte es wohl gut mit ihm, ciao ciao papa, als Heiliger gehe ich, als Erdenbürger komme ich zu dir, und bitte, verehrter padre, keine Holzbetten, nur Papayas, den ganzen Tag.
Habemus Papaya. Amen.

Zeit

Jetzt musst du ernsthaft aufstehen. Das tun, was du die ganze Zeit schon tun wolltest. Dem Tag einen Sinn geben, was immer das heißt, nur noch mal eben das da anklicken, nachchecken, ach schau mal, den gibt’s noch? Eben antickern, ein paar Fragen stellen, über seine hässliche Fresse lachen, im Kopf darf man sowas doch wohl sagen, denken, ihn öffentlich fragen „warst du nicht der, der damals mit der Marie geschlafen hat?“
Dann wieder runter, weg da, weg, ausmachen, die Beine auslockern, so jetzt aber aufstehen, nur noch mal eben in die Küche einen Tee machen, den, der so lange ziehen muss, dann Milch eingießen, ein Stück Zucker. Zwei. Langsam wird’s Zeit.

Dann wieder zurück zum Schreibtisch die Heftchen sortieren, eben noch einmal auf den Bildschirm schauen, anklicken, runterscrollen, den Satz ändern, der passt doch so nicht, sowas kann man doch nicht kommentieren. „Ey du kompensierst doch was mit deiner Pseudo-Intelligenz, oder???“ Nur nicht aufregen, sich nicht tangieren lassen, gleich aufstehen, die Sache auf sich beruhen lassen, das muss man so stehen lassen, dann bewegen sich die Fingerchen schnell auf der Tastatur, du tippst und tippst und kannst dir später keinen Reim darauf machen, was eigentlich dein Punkt war; was du eigentlich sagen wolltest. Jetzt bloß nicht abschicken, nochmal tief durchatmen, zwei, drei Tage drüber nachdenken, alles durch den Kopf gehen lassen, jetzt doch alles abschicken, impulsiv sein, Mensch sein, das Herz dumpf runterklopfen hören, wie bei so einem schrecklichen RTL Gameshow – Countdown, bevor du die nächste Antwort siehst, „der Arsch kennt mich doch gar nicht“ denken, mal eben auf sein Profilbild klicken, sieht immer noch so scheiße aus wie eine zertretene Banane, den kenne ich glaube ich doch aus der dritten Klasse, da hat er mir mal auf den Schuh gepisst, der war schon früher ein krankes Arschloch und jetzt ist sein Virtuel auch noch eins. Langsam wird es Zeit.

Jetzt aber aufstehen, noch einen Tee machen, Jogi-Tee, den hattest du dir doch letzten Sommer mal beim EDEKA gekauft, da war der im Angebot und du hast ihn immer noch nicht getrunken, soviel zum Thema Angebot, da wird dir was angeboten, was du gar nicht brauchst, du setzt du jetzt aber hin und schreibst was, mensch, du Mensch!, die Leute warten, das Geld muss rein, dein Maul muss mit Tütensuppe gestopft werden, du lebst davon, gleich stehst du aber wirklich auf und legst du dich auf dein Kissen, um besser nachdenken zu können, du schließt die Augen und dann guckst du ein Augenzwinkern später auf den Wecker, achtzehn Uhr siebzehn. Dann ist der Tag vorbei, heute bringt das ja auch alles nichts mehr, du klickst du noch mal runter und dein Gehirn verliert an Gewicht und Inhalt und guck’ mal, da hat schon wieder dieser Arsch geschrieben und du antwortest und wünscht ihm dabei den Webtod, diesem Plattgedrückten. Wow. Langsam wird’s echt Zeit.

Jetzt fängst du aber mal an zu arbeiten, jetzt gibst es keine Ausreden, nur noch mal kurz auf das Video klicken und Play drücken und eine halbe Minute über eine sprechende Ziege lachen, das war toll, das war jetzt wichtig, das hat dich jetzt irgendwie dir selber näher gebracht und auf dem Schrank liegt das Buch und vergilbt und verstaubt und die Uhr an der Wand wird zur Uhr auf dem Bildschirm und du suchst und suchst und scrollst nach mehr, mehr, mehr – und dann ist es elf und du schaltest das Ding aus,
gehst ins Bett, sagst Gute Nacht, tut-tut. Klick,klick. What’s on your mind. Verdammt. Langsam

wird
es
echt
Zeit.