Der letzte Gang

Der Fußraum voll mit leeren Flaschen
das Warnlicht streikt in größter Not.
im Aschenbecher ein Grab aus Kippen,
der TÜV macht mir ein Angebot.

Ich lehne ab, ich fahre weiter;
ein Qualmen aus dem Hinterbug,
die hellen Flammen leuchten heiter,
- des roten Metalltiers letzter Atemzug.

Hundert,
siebzig,
dreißig,

rumms. Die Sicht
wird plötzlich ungenau.
Am Horizont schreit blaues Licht,
dies ist er wohl, der letzte Stau.

Dahin die Jugend, die Leichtigkeit,
die unbeschwerte Heizerei,
mein Leben ist und bleibt und war,
ein Flämmchen italienische Gefahr.

Nichts geht schwerer rein
als der letzte Gang;
mein Cinque, mein Cento,
mein Untergang.

in.puncto Liebe

So ihr Lieben,

Hier nun der Link zur in.puncto Sendung über das Thema Liebe, bei der ich zu Gast war.

Kleine Erinnerung: Ghostwriting für Liebesbriefe ist natürlich nur ein Bruchteil von dem, was ich
sonst noch alles so schreibe. :-)

Ich hoffe, euch gefällt das Interview trotzdem.

Viel Spaß, die Laura

Stiller Protest

Am Morgen des Vierundzwanzigsten Zehnten wurden vier Mitarbeiter aus der Klock GmbH entlassen.
Die Männer mit den großen Hüten waren in die Abteilung gekommen, hatten den Betroffenen auf die Schultern geklopft und ihnen mit einem Nicken zu verstehen geben, dass sie ihnen zu folgen hatten. Niemand in der Abteilung hatte das Tippen ruhen lassen und keiner ihrer Köpfe waren denen gefolgt, deren Köpfe nun rollen würden.

Alle außer Lila. Lila hatte sich umgedreht. Und seit sie sich umgedreht hatte, konnte sie nicht mehr schlafen, nicht mehr essen, nicht mehr lachen. Sie beneidete die Menschen, die nicht hingeschaut hatten, aber für sie war es zu spät.

Am Abend des Vierundzwanzigsten Zehnten war:

Susanne Lieblich zu ihrem Mann gegangen und hatte ihn gebeten, das Licht auf dem Flur ab jetzt in der Nacht auszulassen.

Musste Hartmut Engels seiner Frau kurz vor der Rente mitteilen, dass sie wieder Vollzeit in der Apotheke zu arbeiten hatte.

War Anna Tepe auf das Dach ihres Hochhauses gegangen und war hinuntergesprungen.

Hatte Sigmund Schmitt einen Flug nach Malaysia gebucht. One way.

Am Morgen des Fünfundzwanzigsten Zehnten waren die Männer mit den großen Hüten in die Abteilung gekommen und hatten jedem der noch Anwesenden die Lippen hochgezogen und mit einer Büroklammer in der Wange festgehakt. Sie ließen verlauten, dass der Nächste, der von einem Hochhaus springen würde, ebenfalls mit einer Kündigung zu rechnen habe. Dann verließen sie die Abteilung.

Lila hatte alles gesehen. Sie hatte die Augen offen gehabt, die ganze Nacht. Sie hatte ihre Büroklammer aus der Wange gerissen, war zu den Männern mit den großen Hüten gegangen und hatte sich vor ihre Bürotür gesetzt. Die Männer hatten die Tür geöffnet, das Bein gehoben und waren einfach über sie hinüber gegangen. So war es mit den Mächtigen; hatten sie ihre eigenen Taten schon längst vor sich selbst gerechtfertigt und den Spiegel aus ihrem Schlafzimmer abgehängt. Eine Entschuldigung ging den meisten schwerer über die Lippen als eine Büroklammer aus Menschenhaut zu reißen war.

Lila lachte nicht mehr. Lila sprach mit niemandem. Sie trug jeden Tag eine schwarze Hose und einen grauen Pullover. Wenn sie jemand ansprach, dann nickte sie nur. Lila war zwar nicht betroffen. Aber Lila hatte sich umgedreht.

Das hier war ihr stiller Protest.