Niemals schlafen

Gestern Nacht ist es schon wieder passiert. Manchmal verfalle ich in einen so tiefen Schlaf, dass es sich anfühlt, als würde mir ein Fremder über die Wange streichen. Obwohl ich meine, dabei wach zu sein.
Warm fühlt sich der Handrücken an und echt, aber die Wohnung in der ich schlafe ist leer. Ich hatte keinen Besuch erwartet. Ich weiß nicht, was innerlich noch äußerlich mit mir passiert, ich weiß nur, dass ich wache und doch schlafe, dass ich gleichzeitig die Augen geschlossen, aber die Sinne weit geöffnet habe.
Es ist als lebe ich in einer parallelen Welt. Es ist, als würde eine große, glitschige Schlange über meine Armhäärchen gleiten und immer näher an meinen Kopf heran kommen. Ich kann nichts dagegen tun. Die Angst ist da.
Nur die normale, körperliche Reaktion der Flucht bleibt aus. Meinen Puls bemerke ich als Rhythmus in meinem Brustkorb und das Adrenalin bleibt in den Venen hängen, so dass ich weder laufen noch mich verstecken kann; ich bin der großen, glitschigen Schlange ausgeliefert. Gefangen, in meinem eigenen Bett. Wie ein fixierter Patient in einer Nervenheilanstalt muss ich dann erleben was mir hier in vollem Bewusstsein angetan wird.
Es ist wie mit der Spritze bei der Blutabnahme. Manchmal ist es sinnvoll wegzuschauen, wenn es wehtut.

Es ist das sechste Mal in diesem Monat. Die ganze restliche Nacht liege ich in dem dunklen Raum und der
Bildschirm bestrahlt mein Gesicht in den verschiedensten Farben. Schlafparalyse ist das Wort, das mir
Google direkt ausspucken und vor die Füße werfen will. Wie so oft, beschreibt es meinen Zustand exakt –
und doch weiß ich nicht, wie ich mich verhalten soll. Eine individuelle Diagnose gibt es nicht und ich
muss dem Glauben schenken, was mir vorgeworfen wird. Ein Wort, ein Bild, ein Kommentar.
Einer sagt, dass eine Bewegungsstarre regelmäßig auftreten und lange bis in die Wachphase andauern kann.
Ein anderer sagt, dass man in diesem Zustand Nachrichten aus einem früheren Leben empfängt.
Dann kommt es auf; das Gefühl, man sei machtlos gegenüber den Besuchern, die nachts in das eigene Zimmer schleichen. Meist stelle ich mir vor, es seien skurrile Gestalten, Monster, Tote.
Obwohl ich sie nicht sehe, weiß ich, dass es keine Engel sind. Sicher haben sie keine großen, goldenen
Flügeln und ein starres Lächeln auf dem Gesicht. So etwas gibt es nicht, nicht mal im Traum.
Dabei sind die unliebsamen Gäste die meiste Zeit behutsam zu mir. Sie halten meine Hand, sie schweben über
mir und beobachten mich so lange, bis ich vor Erschöpfung hochschrecke, wieder voll da bin, nicht weiterschlafen will, aus Angst, zurück in diesen Zustand zu verfallen. Dann bemerke ich, dass die Gestalten kein Gesicht haben, vor dem ich mich fürchten muss; nicht ein einziges Mal war ich in der Lage, sie zu beschreiben.
„Hallo,“ flüsterte es leise in mein Ohr.
Tief sitzt das Erlebnis von letzter Nacht in mir, so tief, dass ich an meiner Identität als geistig
Intakte zweifle.
„Jetzt ist es passiert,“ sage ich zu mir selbst. „Ich bin verrückt.“

Halluzinationen sind normal bei einer Schlafparalyse, antwortet die dunkle, warme Google Stimme.
Viel zu oft wechselt sie ihren Ton; sie ist das Sprachrohr vieler. Sobald ich langsam anfange, wieder auszuatmen, dem Druck nachgebe, und mir eine Entspanntheit vorgaukle, die ich nicht wirklich empfinde, komme ich wieder zurück aus der Wachtraum. Alles um mich herum ist genauso geblieben wie vorher, nur ich, ich habe mich dem Unbewussten genährt, dem tiefergehenden Grundriss von dem, was es auf dieser Welt wirklich gibt.
Ich bin aufgewacht. Aus dem Traum, in dem ich gefangen war; ein Sklave meiner Gedanken.
Wie lässt sich das jemals von der Realität unterscheiden?

Die Frauen in Amsterdam

Abends, wenn sie schläft, erzähle ich ihr von den Frauen aus Amsterdam.
Sie haben meist lange Beine, ihre blonden, braunen, roten Haare reichen bis an die Hüfte; manche tragen sie zu einem strengen Zopf, andere haben nur eine Schleife im Haar. Es ist das Relikt einer Kindheit, die nie zuende gedacht wurde, eine Kindheit, die noch immer irgendwo besteht. Sie sind bedeckt, nicht angezogen, tragen Kleider, kleiner als eine Buchseite und sie sprechen nicht, manche von ihnen beißen sich an den Nägeln, so geben sie ihrem Kummer einen Laut und ihre Augen münden irgendwo auf einem Steinweg, auf dem man sich leicht die Füße zerschlägt. Die Frauen stehen an den großen Glasfenstern und ihre Fingernägel tippen daran entlang, kaum hörbar, aber jeder Vorbeigehende versteht, wenn sich ihre Lippen zu dem unsichtbaren Takt bewegen.
Wenn ich zu ihr gehe, dann meist an einem Samstag. Wir reden nicht, wir schweigen nicht, ich gebe ihr ein Stück Papier, das in ihrem Land keine Bedeutung hat und sie gibt mir etwas, von dem ich denke, dass es Worte in mir auflöst, die im Tumult einer kahlgeschorenen Nacht entstehen.

Ich zahle, ich gehe. So erzähle ich es ihr, bevor sie einschläft.
Den Mittelteil verschweige ich. Was fatal ist für das Geschichtenerzählen, ist wichtig für das Herz eines Kindes. Denn sie ist zu jung, um zu verstehen, zu alt, um es nicht zu tun. Die Frau mit den langen Beinen, manchmal nennt sie sich Tascha. Das letzte Mal hieß sie Rita, wer weiß schon, wie sie wirklich heißt. Ihren Namen nennt sie hier nicht, dort, wo das Licht die Flecken auf dem Fenster verdeckt. Jedes Mal muss ich mich an einen neuen Namen gewöhnen, jedes Mal ist es ein anderer, den ich leise flüsternd vor mich hinbete, wenn ich – die Hände in der Jackentasche, den Rücken nach vorne gebeugt – den Kanal entlang taumele, noch Stunden, nachdem ich bei ihr war.
„Diese ganze Fickerei bin ich Ihnen schuldig.“ Ihre Stimme klingt wie Motoröl.
Es ist einer der wenigen Sätze, die ich jemals von ihr gehört habe. Ich frage sie nie etwas.

Wenn ich ihr abends von Tascha erzähle, schläft sie meist schon. An den richtigen Stellen versteht sie es zu seufzen, die Augen fest geschlossen. Sie kennt die Geschichte auswendig. Sie ist zu jung zu verstehen, zu alt um zu schweigen und später will sie einmal Lieder schreiben. Ich sage ihr, dass sie hübsch genug dafür sei, fast so hübsch, wie ihre Mutter es einst war. Seitdem es passiert ist, fahre ich jeden Monat ein Mal nach Amsterdam.
Dort, wo die Lichter eine Farbe haben, dort wo die Grachten mich spalten, dort wo ich auf einer Bank sitze und rauche. Meine Füße folgen den Pflastereinschlägen, das Zeugnis eines unausgefochtenen Krieges. Ich gebe ihr die Hand, ich sage, „Hallo Tascha.“
Sie sagt, sie heiße doch Victoria und ich folge ihr in das Fenster, hinter den Vorhang,
bis mein Zug wieder in die Heimat fährt.

Ich decke sie zu, sie, die zu jung ist zu verstehen, zu alt, um zu schlafen.
Eines Tages wird sie einmal Lieder schreiben, vielleicht über die Frauen in Amsterdam.
Eines Tages, wenn ich noch immer dem roten Licht folge, ihr meine Hände über die Brücken
hinweg reiche, wenn sie das Fenster verlässt; Scherben in der nackten Haut.