Driving home for christmas

Weihnachten in Osnabrück

Von weit weg hört man die Glocken des Doms,
der Zug fährt quietschend und schnaubend ein,
Menschen drängeln in der Großen Straße,
niemand bleibt stehen, wirklich nichts hat Zeit.

Ein versteinerter Löwe, eine Lichterkette
beleuchtet, was sonst verborgen bleibt.
Das leise Flüstern in den dunklen Straßen;
die Stadt, sie hat mich eingeweiht.

Die Berghütte

Sie hielten mit ihrem schwarzen Volvo an der einzigen Tankstelle im Umkreis von fünfzig Kilometern. Gudvangen war umringt von gewaltigen Bergen, die um das Tal herum angereiht waren. Während er die Nummer des Vermieters wählte, hielt er immer wieder nach der roten Hütte Ausschau, die er auf einem Foto gesehen hatte.

Wenig später hielt ein roter Landrover neben ihnen auf dem Parkplatz und ein älterer Mann mit längerem, weißen Haar und knopfdicken, braunen Augen schüttelte ihnen die Hand, ohne sie beide dabei anzusehen.
„Ramsvag,“ stellte er sich vor, als würde das als Information über ihn genügen. Mit einer Handbewegung wies er sie an, ihr Gepäck in seinen Wagen umzuladen.

Sie bogen in einen kleinen Pfad und fuhren einige hundert Meter den Berghang hinauf. Er getraute sich nicht hinunter zu sehen, und hoffte – die Hand fest an die Halterung am Fenster – dass der Wagen nicht plötzlich rückwärts rollen würde. Sie aber schien sichtlich begeistert, mehrmals stupste sie den einheimischen Norweger an und zeigte mit den Fingern immer wieder auf die dunklen Nadeltannen, durch die kein Blick Einlass erhielt. Es war dunkel draußen, nicht einmal der Mond konnte durch den Nebel hinab in das Tal scheinen.

Auf dem höchsten Punkt des Berghanges sah er die rote Holzhütte. Sie klatschte in die Hände, zog sich die Lederhandschuhe aus und begann – nicht ganz ihre Art – ein paar freundliche Fragen an den Vermieter zu stellen. Er verspürte eine gewisse Verbindung zwischen ihm und dem alten Mann; ihm war auch nicht danach ihren plapperartigen Fragen eine angemessene Antwort zu würdigen.
„Christian und ich – wir überlegen schon länger hier zu investieren.”
Ich, dachte er. Ich überlege das.

„Die Schafe da draußen, sind das Ihre?“
Er drehte sich zu ihr um und schaute sie das erste Mal richtig an.
„Ja, man könnte sagen, es sind meine. Aber eigentlich gehören sie dem Land, die Schafe pflegen die Landschaft durch die Wahl ihrer Nahrung.“
Seine Stimme war plötzlich ganz zutraulich und warm geworden, und er sprach von den Schafen als seien sie alte Freunde, die irgendwann beschlossen hatten bei ihm zu bleiben.
„Es ist sehr schwierig zwei Häuser von der Schafzucht zu finanzieren, ich überlege schon länger -“ fuhr er in perfektem Deutsch fort, doch sie hörte ihm nicht mehr zu und atmete schon die frische Nachtluft ein. Dann stiegen auch die beiden Männer aus. Auf dem Weg zur Tür sagte der Vermieter kein Wort; er schien eine Last mit sich zu tragen, von der nur er selbst wusste.

In der Hütte entschied sie sich sofort für das Schlafzimmer, aus dem man die Berge sehen konnte. Wäre es nach ihm gegangen, so hätte er das Zimmer mit den kühl-weißen Wänden genommen, mit Blick auf den Fjord, aber diesen Wunsch behielt er für sich. Ihm war es vor allem wichtig, dass sie gut schlief, denn tat sie das nicht, so hatte er letztlich darunter zu leiden. Seinen Black Berry hatte er mit leicht zittrigen Händen ausgeschaltet und auf eine Holzkommode gelegt.

Er wurde von einem knarrenden, quietschenden Geräusch geweckt. Zunächst dachte er, die Geräusche kämen vom Kaminofen, aber die Asche war kühl. Er zog sie langsam an ihrem Arm hoch und sie folgte ihm mit geschlossenen Augen. Ein kühler Wind zog durch den Raum. Gerade wollte er den Lichtschalter im Flur betätigen, da fiel ihm auf, dass die Haustür weit offen stand, obwohl er sie vor einigen Stunden hinter sich geschlossen hatte. Und er schaute in die kühle Nacht. Sein Herz klopfte schneller als zuvor, das bemerkte er, noch vom Schlafe benebelt, und doch wollte er jetzt zügig in den obersten Stock, die Dunkelheit setzte ihm gehörig zu. Die ganze Nacht ließ er das Licht an und starrte auf die Tür zum Schlafzimmer. Zwar glaubte er nicht an das Übernatürliche, aber er traute seinem eigenen Nachbarn nicht. Das war die Pragmatik eines Mannes aus der Stadt.

Tags darauf hatten sie in der Stadt Bargeld geholt und in einem Restaurant Walfleisch gegessen. Ihm war leicht übel davon geworden; sie aber hatte mit Freuden in das Fleisch gebissen, gar von einer neuen Erfahrungen gesprochen, als würde der schlechte Geschmack davon dominiert. Auf der Fähre hatte er die ganzen zwei Stunden draußen gestanden. Wenn er den Kopf nach oben streckte, sah er rechts und links von sich die Berge. Hinter jeder neuen Abzweigung des Fjords trennten sie sich voneinander. Je mehr er sie dabei von der Seite anschaute, desto weniger erkannte er sie. Ihr leichter Ansatz einer ehemals blonden Haarfarbe und die immer wiederkehrenden Augenringe; das alles sagte ihm hier nichts mehr im Angesicht einer Natur, die über Jahrtausende einen Umbruch vollzog, wohlwissend, dass auch der Weg dorthin der normale Teil ihres Daseins war.

Wieder schreckte er nachts von einem eigenartigen Geräusch auf. Er hörte wie die Treppe zu ihrem Zimmer heftig knarrte, so als sei jemand kurz davor sie hochzulaufen. Sofort setzte er sich aufrecht hin. Ein weiteres Knarren und dieses Mal hatte er sogar einen Schritt gehört, ja, jemand lief gerade in der Tat ihre Treppe hinauf! Er wollte sich unter dem Bett verstecken, hinter dem Schrank, irgendwo, hinauslaufen, sie liegenlassen, seinetwegen, ihretwegen; raus und an der Treppe vorbei. Er stieg aus dem Bett und öffnete langsam die Tür zum Flur. Er musste seine Augen im richtigen Moment aufreißen und der Sache ins Auge zu blicken. Denn was auch immer ihn auf der Treppe erwartete: in einem Dorf mit zweiundfünfzig Einwohnern gab es dafür sicherlich keine normale Erklärung.

Als er einen Schritt in den Flur hinaus gemacht hatte, stand vor ihm ein weißes Schaf.
Es starrte ihn an. Er starrte zurück. Er ließ sich dabei auf einen Holzstuhl neben dem Treppengeländer fallen. Er war gar so erleichtert, dass er die Liebe seines Vermieters zu diesem unschuldigen, dummen Tier in seiner Gänze verstand. Er musste lachen. Lange und laut lachen, bis sie hinter ihm stand, in Unterwäsche, sich die Augen reibend, ihn bat, das Tier aus dem Haus zu schaffen, als sei es das Normalste auf der Welt.
„Wie einfach doch alles sein kann,“ lachte er und schaute sie dabei an, „wie leicht sich alles verschiebt.“
Hatte er letzten Montag noch Angst um seinen Job gehabt, so war es jetzt die Angst vor einem Schaf, die ihn wachgehalten hatte. Er scheuchte das Tier rücklinks die Treppe herunter und fühlte sich dabei leicht und frei.

Als die Deutschen die Hütte wieder verlassen hatten, fand Sander Ramsvag einen Zettel mit einer Notiz in der Küche.
Er steckte ihn ein und lächelte. Das Angebot war nicht schlecht.