Das Ende einer Reise

„You’re reading Tolstoi?“
Maja saß in einem Café in der Nähe von Bergen und versuchte schon seit einiger Zeit sich auf ihr Buch zu konzentrieren. Aus dem Augenwinkel hatte sie schon länger beobachtet wie das junge, skandinavische Paar zu ihr rüberschaute. Dann hatten die hübsche Blonde mit der knubbeligen Nase und der Dürre, Kantige im Ledermantel neben ihr gestanden.
„Yes, I do.”
„Mir waren seine Werke immer zu lang, aber er hat einen bemerkenswerten Schreibstil.“
Maja legte das Buch zur Seite.
„Du sprichst deutsch?“
„In Norwegen lernen wir das in der Schule,” sagte die Blonde.
„Hva?“ fragte ihr Freund und sie erklärte ihm, was sie gerade gesagt hatte.
Dann drehte das Mädchen sich wieder zu ihr.
„Wo kommst du her aus Deutschland?“
„Berlin.“
„Da wollten wir schon immer hin. Aber so ist das mit dem Reisen: man plant und plant und dann schafft man es doch nicht.“
Das stimmt so nicht, dachte Maja.
Jedes Land, dass sie gemeinsam bereisen wollten, hatten sie in den letzten Monaten gesehen.
Taiwan, Australien, Madrid. Dann kam Helsinki und er war ohne sie weitergezogen. Einfach so.
„Was machst du hier in Voss?“
„Ich übernachte in einer kleinen Hütte im Tal; es ist einfach die nächstgrößte Stadt.“
Die Norwegerin klopfte ihrem Freund auf das Bein und redete aufgeregt auf ihn ein, dann drehte sie sich wieder zu ihr, „das ist ja witzig, wir müssen zurück über die E16; da können wir dich absetzen.”
Maja sagte zu. Die Bustickets in Norwegen waren seit ihrer Ankunft der größte Kostenpunkt gewesen.

„Ich mag die Deutschen ja irgendwie.”
Wenig später saßen sie zu dritt in einem alten, grauen Audi und die Norwegerin hatte sich halb zu ihr gedreht.
Maja bedankte sich im Namen einer Nation, der sie immer nur dann nahe fühlte, wenn sie das Land verlassen hatte. Es war außerdem das erste Mal, dass sie niemand auf Hitler angesprochen oder sie gefragt hatte,
wieviele Schwarze in ihrem Land lebten.
„Die Deutschen sind einfach so schön ruhig, wie ich finde,“ sagte die Norwegerin.
„Reden wir von der selben Sache?“ Maja lachte.
„Man empfindet es natürlich immer anders, wenn man selbst aus dem Land kommt, aber ich und er“ – sie zeigte auf ihren Freund, der sie lächelnd im Rückspiegel anschaute – „wir sind schon sehr norwegisch.“
„Ist das so?“
„Jaja. Wir haben nur so unsere Probleme mit der Liberalität des Landes.“
Maja schaute auf die hohen, dunklen Nadeltannen am Straßenrand. Das Licht des Wagens war der einzige Lichtkegel in tausenden von Metern und ihr war wirklich nicht danach, prätentiöse Unterhaltungen über Politik zu führen.
„Macht es euch nicht wahnsinnig, dass es hier so früh dunkel wird?“
„Wahnsinnig?“ Die Norwegerin schaute zu ihrem Freund.
„Witzig, dass du das erwähnst.“

Die Norwegerin zeigte mit dem Finger auf einen kleinen Pfad und ihr Freund bog scharf rechts ab.
Er lächelte kaum mehr und konzentrierte sich nur auf die korrekte Führung des Wagens.
Maja wurde unruhig; es war nicht ihr normaler Habitus mit zwei Fremden in einen dunklen Wald einzufahren.
Dann hielt der Mann mitten auf einem Berghang. Im Tal konnte man den Fjord sehen.
„Weißt du, sie diskutieren ja ständig darüber, ob wir in die EU gehen sollten.”
Die Norwegerin stieg aus und zog sie an ihrer Jacke heftig aus dem Wagen.
„Ich persönlich halte da aber nichts von.“
Während das Mädchen weitersprach, schaute Maja immer wieder zu ihrem Begleiter, suchte nach einem rettenden Blick. Aber er schaute nur starr auf seine Freundin.
„Dieses Land hier,“ die Norwegerin zeigte mit beiden Armen auf die Berge, „ist auf der Prämisse gegründet worden, dass es seinen Bewohnern gut geht.“
“Ja,” sagte Maja, so dass man es kaum hören konnte.
„Leute wie du – Touristen – ihr habt keine Ahnung wie sehr wir dafür kämpfen wieder ein reines Norwegen zu werden.“
Sie schickte den Mann mit einer Handbewegung zurück zum Wagen. Er holte einen Metallstab aus dem Kofferraum und putzte diesen mit seinem Jackenärmel.
„So nett die Norweger, und so gastfreundlich,” das Mädchen hatte einen quietschenden Tonfall angenommen.
“Und dann beschwert ihr euch, dass der Euro hier so schwach ist!”
Maja reagierte nicht mehr. Kein einziges Wort würde in das dunkle Innere der Skandinaviern eindringen; sie war ein beispielloses Exemplar einer kaum existenten Untergrundszene; eine Idealistin, der ein beschwichtigendes Wort nur die letzte Erlaubnis zum Handeln erteilte.
„Europäer sollen wir alle werden? Dieses Land ist doch gar nicht mit irgendeinem anderen zu vergleichen!“
Maja versuchte dem Mädchen in die Augen zu schauen. Wäre er jetzt hier gewesen; sie hätte sich an ihm festhalten können. Mehr denn je fühlte sie sich von ihm verlassen.
„Und warum sprichst du dann so gut meine Sprache?“ Maja war dazu bereit, ihren wohl letzten Kampf aufzunehmen.
Die Norwegerin grinste. „Wie ich schon sagte: ich mag die Deutschen.“
Dann spürte Maja einen harten, dumpfen Schlag auf dem Kopf.

Als sie aufwachte, war die Haut ihrer Hand an einem Felsen festgefroren.
Im Halbbewusstsein riss sie diese davon ab und schrie laut und heftig auf. Sie lief den Pfad zurück zur E16.
Der graue Audi war nicht mehr zu sehen. Ihr Kopf pochte vor Schmerz und das Blut aus der Hand tropfte – scheinbar literweise – auf ihre weinrote Daunenjacke. Zitternd legte sie sich auf eine Felsanhöhe; draußen war es unter 10 Grad. Das Ende einer Reise, wann immer es kam, nie war man darauf vorbereitet.

Horror Hypochondria

Ich hatte meinen Blick auf das dunkle, große Altbaugebäude gerichtet. Draußen war es schon dunkel.
Erst nachdem ich meinem Arzt stundenlang mit meinen Beinschmerzen in den Ohren gelegen hatte, hatte er mich an einen Radiologen verwiesen. Ein MRT sollte jetzt Klarheit verschaffen. Er hatte von einer Vorwölbung gesprochen, einem lästigen Türstopper im Bein, der mich seit Tagen nur noch hatte humpeln lassen.
In jedem Wort meines Arztes hatte ich einen Tumor herausgehört, eben so wie in den Jahren zuvor.
Noch nie hatte man etwas Ernstes gefunden. Einzig die Angst um meine Gesundheit war real.

In der Eingangshalle stand eine riesige Skulptur aus schwarzem Marmor, deren Gliedmaßen abgetrennt waren.
Erst auf den zweiten Blick entdeckte ich einen Tisch, der als Rezeption diente. Ich ging etwas näher heran; eine kleine Lichtquelle kam unter einer Abstufung des Tisches hervor und eine ältere Dame mit strengem Zopf und einer Baumwollstrickjacke blätterte in einem Ordner.
„Sie haben einen Termin?”
Ich überreichte ihr meinen Überweisungsschein.
„Das ist hier nicht nötig.” Sie schaute unter ihrer Brille zu mir auf.
Ich spürte, dass ich die Grenzen jeglicher Vernunft in diesem Gebäude weit hinter mich gelassen hatte. Ich steckte den Schein wieder in meine Jackentasche.
Sie wies mich an, ihr zu folgen. In einem weiteren Raum öffnete sie eine Tür und schob mich in eine kleine Kabine.
„Ziehen sie sich bitte bis auf das Shirt aus,” sagte sie. „Ich hole Sie dann ab.“
Ich tat wie mir angewiesen wurde und stand danach noch eine Weile herum. Sie hatte mir zu viel Zeit eingeräumt für eine Tätigkeit, die man als Mensch zeitlebens täglich vor dem Zubettgehen ausübte.

Es klopfte. Die alte Dame geleitetet mich zu der Röhre, die aus Goa Holz angefertigt worden war. Sie war an jeder Stelle perfekt abgeschliffen und dunkelbraun im Farbton. Ich fragte mich, warum ein Radiologe in seinem Behandlungszimmer-Interieur so großzügig investieren würde. Dann erinnerte ich mich an meinen ehemaligen Zahnarzt, der einen echten Monet an der Wand gehabt hatte. Somit schrieb ich es dem Berufsstand zu, stets dicker auftragen als die Situation es verlangte.
Die Liege, an die mich die ältere Dame – hingegen all meiner praxisüblichen Erwartungen – festschnallte, war hart und schmerzte am Kreuz.
„Könnte ich vielleicht schon vorab mit einem Radiologen sprechen?“ fragte ich.
Mir wurde plötzlich ganz schlecht. Wohl die Anfänge einer Lungenembolie.
Doch die alte Dame lachte nur.

Ich wurde mitsamt der Liege eingefahren. Je weiter ich in die Röhre kam, desto mehr bemerkte ich, dass zwischen der Decke und meiner Nase nur wenige Zentimeter lagen. Ich schloss die Augen und hoffte, dass es bald vorbei sein würde. Dann hörte ich ein dumpfes Geräusch. Eine Wand war an meinen Beinen heruntergefahren und hatte meine Füße und meinen gesamten Körper in der Röhre mit eingeschlossen. Zunächst dachte ich das sei normal, aber dann stieg sie hoch, die unaufhaltsame Panik. Sie fing in meinem Bauch an und krallte sich ganz fest an meinen Hals. Ich bewegte meinen Körper auf und ab und versuchte das Holz vorne mit den Füßen einzubrechen. Nichts bewegte sich außer mir. In diesem Moment kam die Decke noch einen Schritt weiter zu mir herunter und presste stark auf meine Nase. Mir fiel es schwer normal zu atmen und ich hörte schon das Knacken meiner Knochen. Ich wollte schreien, aber meine Luft reichte nicht aus; so spuckte ich eine Menge Schleim.
Jetzt schnellte ein Metallstock zwischen meinen Beinen in die Liege und zog sich sofort wieder in die Decke zurück. Dann wanderte das Konstrukt einen Schritt weiter und schoss noch einmal in die Liege. Mit dem dritten Stoß bemerkte ich einen reißenden Stich in meiner Bauchdecke; der Metallstock hatte sich tief darin festgebohrt. Der schmerzende Fremdkörper ließ mich mehrmals hintereinander laut aufheulen, während das Licht in dem Holzkasten schwächer wurde. Ich krallte mich an der Liege unter mir fest, bis auch meine Finger nacheinander wegknackten.

Als ich nach kurzer Zeit wieder bei Bewusstsein war, hörte ich das tiefe Rauschen des Meeres. Ein schöner Traum, denn der Schmerz durchfuhr mittlerweile jede Stelle meines Körpers. Noch versuchte ich mich ein letztes Mal aufzurichten. Dabei spürte ich wie meine untere Körperhälfte sich langsam von meiner oberen Hälfte abtrennte. Ich stellte mir das MRT-Bild vor, das mein Körper jetzt abgeben würde. Ich stellte mir vor wie ich mit meinen Zeigefingern an den Linien meiner Wirbelsäule entlangzeichnen würde, sobald ich die Röhre wieder verlassen hatte. Dann hörte ich eine Stimme, die mir sagte, dass es bald vorbei sein würde. Dass ich ganz ruhig bleiben soll.

Mein Leben lang hatte ich mich außerhalb einer Arztpraxis verloren und unsicher gefühlt. Niemals aber hätte ich gedacht, dass mein Tod mich in einer solchen heimsuchen würde. Meine Zwänge und der dunkle Groll, sie hatten endlich ein Ende.