Ischias und die Nervenklinik

„Wenn Sie bitte hier einmal unterschreiben würden?“
Ischias fragte sich, warum die Menschen bei unerfreulichen Angelegenheiten immer im Konjunktiv II sprachen.
Sie wollten sich wohl damit distanzieren, sich von dem Gedanken trennen, dass sie irgendetwas mit dem ganzen Unheil zu tun hatten, ja wenn Sie also unterschreiben würden, dann wäre es letztlich auch Ihre freie Entscheidung.
Aber was wäre ihm denn übrig geblieben?

Am vierten Morgen einer Reihe schlafloser Nächte war er aus der Wohnung gegangen, um sich ein Taxi zum Bahnhof zu nehmen. Von dort aus wollte er nach Bottrop, seine Eltern besuchen, mal runterkommen, nicht ständig an die Scheiße mit Jasmin denken. Ein gelbes Autos war in seine Straße gefahren und er war eingestiegen. Er hatte seine Hände symmetrisch auf die Oberschenkel gelegt, sich ein paar Flusen von der Cordhose gezogen und neben sich geschaut. Dort hatte ein riesiger Bär am Lenkrad gesessen. Sein Kopf reichte gerade bis unter die Decke.
Ruhig hatte sich Ischias wieder zur Tür gedreht, sich höflich bedankt, und gesagt, dass er lieber doch aussteigen wolle.
„Das ist doch nicht nötig,” hatte der Bär gesagt und war losgefahren.
Ischias hatte sich angeschnallt und dabei beobachtet, wie auf der leicht violetten Straße drei Pfauen im Glitzerkostüm Turnübungen machten.
„Lange Nacht gehabt, was?“
Keine Antwort.
„Ich kenn’ das.“ Der Bär hatte sich eine Zigarette angezündet. “Auch eine?”
Ischias rauchte nicht, aber er dachte, dass es wohl an der Zeit wäre damit anzufangen. Er lehnte sich zu seinem Fahrer, ließ sich eine anzünden und fühlte sich gleich etwas entspannter.
„Ich mache das ja schon länger.” Ischias hatte auf seine Zigarette gezeigt und laut gehustet.
Der Bär wusste das gekonnt zu ignorieren. Ischias musste feststellen, dass der Bär eventuell sogar ein Vollprofi war, jemand der mit sieben nackten Schwedinnen und einem russischen Zaren auf dem Beifahrersitz ohne Probleme bis nach Skandinavien durchfahren könnte, ohne auch nur ein Wort über die Situation zu verlieren.
Er wollte sich in diesem Moment an den Bären ankuscheln, doch hatte er sich gerade noch zurückhalten können und hatte stattdessen weiter an seiner Zigarette gezogen.
„Ich fahr’ die Schicht hier seit zwanzig Jahren,” hatte der Bär gesagt.
“Eigentlich ist um fünf Uhr morgens noch alles in Ordnung.“
„Und wie lange musst du heute noch?“ Ischias hatte sich für diese Frage sehr geschämt.
Dass man auch immer das Gefühl hatte, man musste den Taxifahrer fragen, wie lange er noch zu fahren hatte.
Das war doch Blödsinn, das machte doch rein gar nichts besser, schließlich folgte nach diesem Tag noch ein weiterer, und ein weiterer, und dem Fahrer war nichts damit geholfen zu wissen, wie lange er gerade heute fahren müsse. Morgen würde die ganze Scheiße doch wieder von vorne losgehen.
„Ich fahr’ bis heute abend.”
„Das ist ja noch richtig lange.”
Ischias wollte diese Unterhaltung eigentlich beenden, ruhig und sachlich den Pfauen bei ihrer Choreographie zuschauen und dann schnellstmöglich im heimeligen Bottrop ankommen und hoffen, dass seine Mutter die Packung Xanax noch immer im Medizinschrank versteckte.
„Schlimm wird’s erst gegen zehn, elf Uhr; dann hat der Tag so richtig eingeschlagen.“
„Hat er das nicht jetzt schon?“
„Ne. Wenn es dunkel ist, dann ist es so, als hätte man ein Stück Nacht von gestern mit in den neuen Tag genommen.”
„Ich habe vier Tage nicht geschlafen,” hatte Ischias gesagt.
„Ich weiß.”
Eigentlich erinnerte sich Ischias auch gar nicht mehr, wie es dazu gekommen war. Sie hatte ihn angerufen, ihn stundenlang angeschrien und ihm vorgeworfen, er sei in seiner Sinnkrise doch nur angekommen, weil er irgendwann seine Wohnung nicht mehr geputzt hatte. Wenn es auf den Tellern in der Küche zu schimmeln anfing, dann war das jawohl der Anfang vom Ende. Ja, genauso hatte sie gesagt und er dachte dann, dass es stimmte, dass man seine Freundin nach dem Vorbild seiner Mutter aussuchte. Während des Telefonats hatte er die ganze Zeit nebenbei auf VOX eine Doku über Zwangserkrankungen geschaut und sich einen Energydrink nach dem anderen reingezogen. Als sie endlich aufgelegt hatte, hatte er sich so gefühlt, als hätte ein riesiges Kaugummi Besitz über seinen Geist genommen – und irgendwann war es dann geplatzt.

Der Bär war rechts rangefahren und hatte ihm noch schnell mit einer kleinen Taschenlampe in jedes Auge geleuchtet. Ischias hatte dem Bären einen Fünfzigeuroschein gegeben und einen Handkuss, worauf der Bär nur verschämt in seinen Eckspiegel geschaut hatte.

Ischias Nagelstich, unterschrieb er jetzt.
„Es ist ja nur für ein paar Nächte,” sagte der Mensch im weißen Kittel.
„Das hat der Frosch am Empfang auch schon gesagt!“ sagte Ischias mit erhobenem Zeigefinger, merkte aber sogleich, dass es ihn nur immer weiter in die Scheiße reinritt. Er blieb er noch eine Weile so sitzen und hin und wieder nickte er einem vermeintlichen Eintretenden freundlich zu.

„So Typen wie den kenne ich,“ sagte der Oberarzt zu seinem Assistenzarzt, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte. „Wenn die erst einmal hier sind, wird man die nie wieder los.“
Ischias beobachtete die beiden durch das Glasfenster.
Wie schön es doch ist ein bekanntes Gesicht zu sehen, dachte er
Dann winkte er dem Bären im weißen Kittel zu.

Zweitausenddreizehn

Als ich auf dem verbrannten, gelbschleimigem Feld aufwachte, war ich eigentlich ganz froh, dass es nicht Montag war. Gut, vom Prinzip her gab es generell keine Wochentage mehr, aber so ein Montag aus der alten Welt: es war durchaus immer etwas Lästiges daran gewesen. Auch musste ich mich nicht duschen und anziehen, mich nie mehr mit dem Postboten darüber streiten, dass ich nicht „Frau Dirk Schmitz“ war, sondern „Herr Dirk Schmitz“, obwohl der Postbote dafür ja so gesehen nichts konnte. Ja, es gab schon viele Dinge die mich an der neuen Welt erfreuten.
Ich war zum Beispiel froh, dass Dieter Bohlen und X-Diaries nicht mehr in meinen Fernsehabend intervenierten und auch diese dämlichen Telenovelas mit wenig Witz und viel Scham, und meist von mittelklassig ausgebildeten Filmstudenten geschrieben, die gab es jetzt auch nicht mehr. Dass aber alle Bücher während der Apokalypse verbrannt worden waren, also da hörte der Spaß doch auf. Gerade Steppenwolf von Hesse konnte ich gut gebrauchen, denn ich fühlte mich gerade wie ein einsamer Wolf auf weiter Flur.
Na toll. Soweit hatte mich die Abwesenheit der zeitgenössischen Literatur jetzt schon gebracht; schon über mich selbst sprach ich in Klischees. Trotzdem, ich musste jetzt lachen. In der Minute, als die Nuklearbombe die Menschheit ausgelöscht hatte, (es waren die Schweizer gewesen, diese elenden Opportunisten, erst immer schön aus allem raushalten und dann einen auf Weltvernichtung machen) ja, im letzten Moment war ein Licht über den Wolken aufgetaucht, so wie ein Nachtlicht in einem dunklen Kinderzimmer.
Und kein Geringerer als Satan persönlich hatte auf mich gezeigt und als einzigen Überlebenden auserwählt – wohl alleine aus dem Grund, weil ich, während die anderen Menschen um ihr Leben gerannt waren, fest geschlafen hatte. In einem Bunker. 50 Meter unter der Erde. Zufällig.

Gut, eigentlich war ich nur kurz eingenickt, denn ich war dabei gewesen ein Manuskript über einen Mann zu schreiben, der isoliert von der Außenwelt unter der Erde lebte, nachdem er in einem Bergwerk eingeschlossen und dann zu einem Erdmonster mutiert war, um Rache an der Menschheit zu nehmen. Letztlich konnte ich jetzt aber – als erster Mensch der neuen Erde – ein authentisches Buch über so eine Art Isolation schreiben und einen Literaturpreis erfinden, bei dem ich jedes Jahr Preisträger war.
Das alles machte mich ganz kribbelig und aufgeregt; hatte es doch seine Vorteile so ein einsames Leben und ich musste mir eingestehen, dass Satan eigentlich doch ganz okay war und irgendwie ja auch daran interessiert, dass es so etwas wie eine Menschheit gab, die er beherrschen konnte.
Mich wunderte nur, dass er sich keinen weitaus böseren Menschen für eine etwaige Fortpflanzung ausgesucht hatte. Vielleicht so jemanden wie Osama bin Laden oder Hussein, zum Beispiel. Obwohl die ja eigentlich auch nicht gegen Hitler anstinken konnte, aber da will ich mich in diesem Moment jetzt auch nicht festlegen, wer da wen übertrumpfen könnte.
Das einzig Böse was ich jedenfalls jemals getan hatte, war zwei Mal unter falschem Namen ein Probeabo der Frankfurter Rundschau zu bestellen und mich mit einem Zwölfjährigen um das letzte Spiel Mario Kart 3 bei Media Markt zu prügeln. In gewisser Weise fühlte ich mich jetzt sogar geehrt und freute mich auf das heutige Treffen mit dem Teufel, bei dem er mir mitteilen wollte, mit wem ich mich jetzt fortpflanzen durfte, um eine neue Menschheit zu gründen.
Ich hatte schon damit gerechnet, dass es wohl keine Frau war, die ich aus Modemagazinen kannte, aber eigentlich war mir jedes weibliche Wesen gerade recht. Dies hier war mein 87.Tag alleine auf der Welt und so langsam war es an der Zeit zu prüfen, ob das Ding da unten noch funktionierte.
Ein Kichern. Ein Schluchzen. Befreiung. Ich konnte jetzt in aller Öffentlichkeit über meine Sexualität reden, schließlich gab es noch keine festgelegte Norm in der neuen Welt.

Ich traf den Teufel auf dem weiten Feld. Der Teufel hatte eine weiße, helle Haut und ein Sternengesicht. Er trug einen großen, schwarzen Mantel und einen Dreizack in der Hand, „um das Klischee zu erfüllen,“ erklärte er, um die Menschen in Sicherheit zu wiegen. Prinzipiell wollte er ja auch nur das Beste für alle Seiten, und irgendwie hatte ihn die menschliche Idee mit der Hakenspitze auch in seinem Lifestyle angesprochen.
Hatte ich vorzeitlebens gedacht, der Teufel sei einfach nur ein schlechter, menschlicher Impuls, so wurden mir diese Vorurteile spätestens jetzt bestätigt. Denn der Teufel fragte mich in diesem Moment, ob ich mir vorstellen könne, mich mit einer Klabusterbeere zu paaren. Er hätte über die letzten Jahrhunderte eine ausgeklügelte Formel erfunden und er sei schon ein bisschen aufgeregt, sie endlich anwenden zu können. Zum Einsatz kämen dabei ausgediente DNA-Stränge, Graubrot und Spüli.
Zunächst war ich nicht abgeneigt, denn wie ich sagte, es war der 87. Tag.
Aber nein, bei rechtem Hinsehen, ja nach stundenlangen Überlegungen musste ich dem Teufel leider absagen und ihm seine Forschungen zunichte machen.

Er hatte die ganze Zeit neben mir gestanden und mir von einer Bevölkerung voller Klabusterbeeren vorgeschwärmt und erklärt, dass er mich da ganz klar als Herrscher sehe, das wäre doch eine tolle Aufgabe für mich; er hätte regelrecht im ersten Moment schon dabei an mich gedacht – ja, in gewisser Weise war das alles wie für mich gemacht. Irgendwie erinnerte der Teufel mich an meinen alten Chef, der wollte mir auch ständig irgendwelche dämlichen Aufgaben schönreden.
Ich erklärte dem Teufel, dass ich auf so einen Scheiß keinen Bock hatte, dass er ein kranker Freak sei, der wohl zu lange DNA mit Spüli geraucht hätte. Lange saß der Teufel auf dem Erdboden und weinte. Jahrhundertelange Nachforschungen, ich hatte sie in Sekunden bedeutungslos werden lassen und er hatte ja jetzt so auch keinen zweiten Überlebenden in der Hinterhand.
Er sagte, dass er noch eine Nacht darüber schlafen und mich eventuell am nächsten Tag schon umbringen müsse.
Verstört ging ich zurück in meinen Bunker und schrieb noch ein bisschen. All’ die Träume einer nach mir funktionierenden Welt waren dahin. Es war wie in der Welt zuvor.
Immer gab es einen, der über dir stand. Jemanden, der das Sagen hatte, der eine Vision vernichten konnte durch einen bloßen Akt von Unmenschlichkeit. Was auch immer morgen passierte: wenigstens musste ich nicht aufstehen; nicht irgendwann irgendwo sein.
Teufel sei dank war morgen nicht Montag.

Zehn Minuten

„Jetzt ist es schon nach acht,“ sagte sie.
Er hatte beide Hände in die Hosentasche gesteckt, saß mit dem vordersten Teil seines Gesäßes auf der Bank – und er zitterte. Es war ein kalter Herbst, der in das Leben aller eingefallen war. Gleich Ende September war der erste Nebel um sie alle herumgeschlichen und die Blätter hatten sich gerötet.
„Normalerweise bin ich zu der Zeit schon zuhause,“ sagte sie, „aber die Bahn ist da ja immer ein bisschen später.“
Sie lachte frei und laut in das Dunkle hinein, so als lache sie mit einem alten Freund.
“Als wir letzten Sommer nach Usedom gefahren sind, mein Sohn und ich, da war das noch schlimmer mit der Verspätung.”

Warum war er eigentlich hier? An dieser Dienststelle, an diesem Freitag, an diesem Bahnsteig? Er stellte sich vor wie sein pseudokluger Akademikerbruder wohl antworten würde, wenn er sich des späten Abends auf eine Unterhaltung dieser Oberflächlichkeit hätte einlassen müssen. Vermutlich klangen sogar seine Nachfragen geistreich.
„In der Tat?“ fragte er jetzt die Frau, ohne sie dabei anzuschauen.
Er hauchte sich in die Hände, die vor Kälte schon gefleckt waren. Wie ein Akademiker sah er nicht gerade aus. Überhaupt war ihm nicht ganz klar, warum eine Dame mittleren Alters ihn zu dieser Uhrzeit an einem verlassenen Bahnsteig in Mitteldeutschland ansprechen mochte – ob er nun im Dienst war oder nicht. Viele seiner Kameraden blieben am Wochenende in der Kaserne; nur er, ja gerade er musste jeden Freitagabend Spinat mit Kartoffeln und Spiegelei essen und seinem älteren Bruder dabei zuhören, wie er sich die Krankenkassenvereinigungen sonstwohin wünschte.

„Ich habe nicht allzu viel Zeit,“ nahm die Frau die Unterhaltung wieder auf, so wie man einen Ball aufhob, der sehr lange Zeit auf dem Kellerboden gelegen hatte.
„Sie steigen noch um.“
„Könnte man so sagen.“
Er wollte sie anlächeln, kam mit seinem Kinn aber nur soweit, wie die Spanne seines Kragens es ihm erlaubte.
„Das ist natürlich bitter – also bei dieser Kälte.“
„Leider kann man sich hier draußen nie davor verstecken.”
Sie hob ein Laubblatt auf und zerknitterte es mit ihren Händen.
“Aha,” sagte er.
Langsam wurde er doch ärgerlich. Es passierte ihm nicht zum ersten Mal das Zivilisten ihn zum Zeitvertreib benutzt hatten, so als würde seine Uniform zu einer Sprechstunde für gelangweilte Wartende einladen. Er war doch nun wirklich kein Busfahrer, und selbst mit denen sollte man während der Fahrtzeit nicht sprechen – und zuhause musste er gleich noch genug Interesse heucheln, und sowieso und überhaupt:
„Was wollen Sie denn eigentlich von mir!“ sprudelte es aus ihm heraus.

In diesem Moment ertönte eine warme, helle Frauenstimme aus dem Lautsprecher.
Sie teilte den beiden Unbekannten mit, dass der Zug demnächst einfahren würde.
„Mein Sohn und ich, – er trägt übrigens genauso eine Uniform wie Sie – wir waren letzten Sommer in Usedom.”
Hinter ihnen fuhr sein Zug ein.
“Das sagten Sie bereits,” sagte er genervt.
„Dort gibt es nur einen einzigen Bahnsteig und die haben da immer Verspätung.”
“Wirklich.” Hastig betrat er den Zug ohne sich bei der Frau zu verabschieden.

„Aber was würden Sie denn tun, wenn Sie nur noch zehn Minuten hätten?“ schrie sie ihm hinterher und hob dabei ihre Arme in die Luft.
Geduckt schaute er ihr aus dem Waggonfenster hinterher; sie hatte gerade eine neue Unterhaltung mit einem Ankömmling begonnen.
Zehn Minuten, was würde er tun? Irgendwie war ihm nach Aussteigen.