Herr Elyas aus dem sechsten Stock

Als er auf dem Foto des gesuchten Terroristen meinte seinen Nachbar erkennen zu können, stand er erst einmal auf und ging zu seinem Fenster. Draußen war es kalt und grau und auf dem Spielplatz im Innenhof spielte schon seit Wochen kein Kind mehr. Noch einmal schaute er auf den Bildschirm. In der Tat, das musste sein Nachbar sein, kein Zweifel. Er hatte die selbe Einkerbung unter dem Auge und er schätzte das Alter des Mannes auf dem Foto gleich wie das des Mannes im sechsten Stock. Erst einmal Ruhe bewahren, sagte er zu sich selbst, noch ist hier ja nichts hochgegangen, noch scheint ja nichts geplant; noch hatte er kein verdächtiges Geräusch aus der Wohnung über ihm gehört, da wollte er jetzt nicht überreagieren – und doch, es war ihm schon seltsam vorgekommen, wie Herr Elyas neulich auf der Treppe an ihm vorbeigegangen war, wie er nur sehr kurz den Kopf angehoben hatte zum Gruß, so als wolle er nicht erkannt werden.
Aber es war eigentlich auch absurd, traf er ihn doch wie jeden anderen Hausbesucher beim Penny. Außerdem schaute er Tatort.
Das hatte er zufällig mitbekommen, als er vor ein paar Wochen die Anfangsmelodie durch seine Wohnungsdecke mitgehört hatte. Er hatte grinsen müssen, damals, wie verrückt grinsen. Hatte es doch etwas ganz und gar Altdeutsches an sich, sonntags abends um viertel nach acht das Erste in einer wanddurchbrechenden Lautstärke zu schauen.

Er scrollte herunter, „Hinweise an die Polizei“ stand da, eine Belohnung sollte es geben, und doch musste er sich erst ganz sicher sein, bevor für ihn eine ernstgemeinte Meldung in Frage kommen würde. Er wollte den Mann ja nicht in Schwierigkeiten bringen. Andererseits stand auch seine eigene Sicherheit zur Diskussion, sein eigenes Wohlbefinden, die Tatsache, dass die Bombe, die sein Nachbar dort oben – natürlich nur rein hypothetisch – jede Minute hochgehen lassen konnte; das alles konnte schon in Sekunden in einer echten Frankfurt-Höchst-Tragödie ausarten; doch, doch, jetzt auch mit Lupe, das Gesicht des Gesuchten konnte man deutlich erkennen und seinem Nachbarn zuordnen. Nur der Name war ein anderer.
Er konnte sich aber gut vorstellen, dass man als Terrorist täglich neue Namen aus dem Turban zaubern musste, so wie ein sich wandelndes Chamäleon. Direkt neben dem Monitor lag sein Telefon. Er nahm es in die Hand und ließ es darin ein paar Mal auf – und abfallen, so als würde er das Gewicht herausfinden wollen. Er alleine hatte es in der Hand.

Eine Weile schaute er in der Gegend herum, seine Augen hingen wahllos an den Gegenständen in seinem Wohnzimmer, zwischendurch entfernte er mit den Fingern einen Flusen auf dem Pullover – Zucker, ja Zucker war doch quasi der eingängigste Grund für einen Nachbarn den anderen aufzusuchen!
Er zog sich seine Hausschuhe über, nahm eine Tasse aus dem Schrank und klemmte die Fußmatte zwischen die Tür.
Dann ging er mit forschen Schritten in die Etage über ihm und klopfte mehrmals an die Nummer 32, bis diese sich leise und langsam öffnete, bis zur Hälfte, bis zur Türkette, die zwischen ihnen hing wie ein unausgesprochenes Wort. Sofort bemerkte er die Panik in den Augen seines Nachbarn und musste sogleich erkennen, dass der eigentlich mehr Angst vor ihm hatte als andersherum, und eigentlich sah er auch gar nicht aus wie der Terrorist auf dem Foto oder wie irgendein Terrorist irgendwo auf der Welt. Er hielt seine Tasse zwischen die Tür und fragte höflich nach dem Zucker.
Kurze Zeit später bekam er von einem aus der Tür herausragenden Arm eine volle Tasse Assamtee, denn so ist es Brauch.
Der Höflichkeit halber stand er noch eine Weile auf dem Flur und nippte an dem heißen Tee. Mehrmals versicherte er seinem Nachbar, dass es sich dabei um einen äußerst angenehm schmeckenden Tee handelte und dann bedankte er sich mit hochrotem Kopf bei ihm, bevor er – die Treppen diesmal schneller hinabsteigend – zurück in seine Wohnung ging und sich für den Rest des Abends vor seinen Computer setzte.

Gedanken der Erika Hubert-Schmitt

Als sie ins Bett kam, war er schon eingeschlafen. Das große Deckenlicht hatte er wie üblich vergessen auszuschalten und er hielt den Dostojewski in der Hand, welchen er schon seit Monaten las, weil er immer nach der ersten Seite einschlief. Sein Kopf war zur Seite weggekippt und während er so da lag, überkam sie jedes Mal die Lust, ihm mit eben diesem dicken Dostojewski einen auf die Mappe zu zimmern.
Wäre es nur nicht so auffällig gewesen ihn nach sechsundvierzig Ehejahren mit einem Buch zu malträtieren, denn so etwas betrieb man ganz unauffällig, indem man sich zum Beispiel ständig darüber beschwerte, dass er das Deckenlicht anließ; dass er überall alte Zeitungen im Haus verteilte oder indem man sich einfach von einem Tag auf den anderen nicht mehr um die Wäsche kümmerte; ja, ganz langsam und über die Jahre hinweg konnte man einen 72-jährigen Mann so vielleicht heimlich dahinraffen, und doch: der Gedanke beschäftigte sie schon eine Weile; gab Arno Hubert-Schmitt ihr doch alles, was sie wollte.
Bat sie ihn zum Beispiel darum mit ihm auf Weltreise zu gehen, so konnte es passieren, dass sie am Abend schon in einer Maschine gen Australien saß. Wollte sie wieder etwas Verrücktes im Bett ausprobieren – Techniken, die ihre alten Knochen eigentlich nicht mehr aushielten – so hatte sie schon am nächsten Tag eine schwarze kleine Tüte voll wundersamer Dinge auf dem Küchentisch stehen und traute sich für den Rest des Tages nicht mehr, ihm in die Augen zu schauen.

Was immer sie wollte, Arno war damit einverstanden.
Anfangs war das noch aufregend gewesen. Schon kurz nachdem sie sich kennen gelernt hatten, war er mit ihr für einen Abend nach Rom geflogen um einen Teller Spaghetti zu essen. ’79, in Hannover, war er mit ihr in den Hungerstreik gegangen, um gegen den Atommülltransport zu demonstrieren, und einmal hatte er sogar eine ganze Touristengruppe in Nigeria dazu gebracht die offizielle Führung zu verlassen und seiner eigenen Interpretation der Sukulandschaften beizuwohnen.
Ja, Arno war stets ein großartiger Erzähler gewesen, ein begnadeter Künstler und Hobbypsychologe, besonders wenn er sich bereit erklärt hatte, ihren hübschen Freundinnen zuzuhören, wenn sie sich von einem ihrer Exfreunde getrennt hatten. Sie alle hatten sich zu der Zeit sowieso ständig getrennt. Nur sie war ihr ganzes Leben bei Arno geblieben. Weil er so aufregend war und spontan, loyal und selbstbewusst.
Eben immer der Gleiche – nur etwas anders. Und auch jetzt könnte sie ihn wohlmöglich noch dazu überreden gleich morgen in die Transsibirische Eisenbahn zu steigen und für immer in einem sibirischen Zeltlager zu hausen. Mit Arno war so etwas möglich; sogar erschreckend wahrscheinlich.

Natürlich, sie liebte ihn. Aber, wenn er noch ein einziges Mal; ja noch ein Mal nach nur zwei Seiten Dostojewski einschlafen würde! (Wie konnte man überhaupt Monate an einem einzigen Buch lesen?)
Also: würde sich letztendlich doch die Gelegenheit ergeben, so würde sie sich mit dem dicken Wälzer schon zu helfen wissen. Denn von einem Mann wie Arno trennte man sich nicht ohne Weiteres.
Eher verlieh man ihm den Nobelpreis für irgendeine Art Lebenswerk und manchmal da verlor man ihn an eine zweiundzwanzigjährige Journalistin, die samstags abends zum Essen kam, und während man selbst nichtsahnend die Kartoffeln schälte, zeigte er ihr eine Skulptur aus Sri Lanka und erzählte nebenbei von der legendären Safari, bei der er beinahe und unter überaus tragischen Umständen umgekommen wäre, und dann schaute man ihm dabei zu wie er mit einem Glas seltenen, chilenischen 96er Mondavi vor ihr stand, um ihr den Handrücken auf die Wange zu legen, bis man selbst geräuschvoll den Topf mit den Erbsen auf dem Esszimmertisch niederließ.
Arno war für andere Frauen wohl der einzige, noch lebende Abenteurer.
Dabei wollte sie nichts lieber als mit ihm Helmut Lotti hören und Sudokrästel in der Apotheken Umschau lösen. Nichts lieber als Pralinen mit Whiskeyfüllung essen und vom Fenster aus Falschparker aufschreiben, um irgendwann in Frieden von der Welt zu gehen.

Sie schaute neben sich; er schlief. Leise nahm sie ihm den Dostojewski aus der Hand – er war immer noch auf der gleichen Seite wie gestern – und plötzlich, ganz plötzlich hielt sie das dicke Buch hoch über seinem Kopf, so hoch, dass wohl nur ein einziger Niederschlag an der richtigen Stelle ausgereicht hätte, um ihm das Deckenlicht ein für allemal auszuknipsen. Ein wenig Halbmondlicht schien auf ihr Gesicht und ihre Hand zitterte;
es bereitete ihr einiges an Mühe, das Buch in dieser Weise festzuhalten.
Und dann fing Arno an zu schnarchen. Arno, ihr friedlicher Arno schnarchte da so einfach und profan wie ein alter Mann es eben tut. Sie legte das Buch auf dem Nachtisch ab, schaltete das Licht aus, legte sich neben ihn, und fühlte sich wie eine richtige Hubert-Schmitt. Was auch immer das heißen mochte.

Café Journal

Der Himmel war dunkel und ein ungemütlicher Sturm ging schnell und hastig durch die Straßen.
Der alte Mann betrat das Café, alleine, so war es ihm am Liebsten, und es roch nach schwarzem Tee. Er nahm sich eine Zeitung von der Anrichte und setzte sich. Dann schlug er die zweite Seite auf.
Jeden Tag das gleiche, dachte er. Jeden Tag eine Geiselnahme, ein Anschlag, eine Familientragödie.
Nur eine einzige gute Nachricht war in der Zeitung zu finden, auf der vorletzten Seite im Lokalbereich.
Ein acht-jähriger Junge hatte eine Ente vor dem Ertrinken gerettet. Er fragte sich, ob sie ihm vielleicht etwas verheimlichen wollten, diese sogenannten Nachrichten. Doch das Gute und Ehrwürdige war der Öffentlichkeit wohl nicht dienlich, und er las weiter und kratzte sich an seinem Bart und vergas im Lesen wieder worüber er sich ursprünglich geärgert hatte.

Wenig später setzte sich ein junger, großer Mann an den Tisch neben ihm und legte seinen Hut vor ihm ab. Sie nickten sich kurz zu, so wie sich ihre Blicke trafen, und der alte Mann schaute wieder in seine Zeitung. Kaum hatte der Jüngere sein Getränk bekommen, stieß er schon mit dem Arm an das Glas und etwas Flüssigkeit tropfte über die Hose des alten Mannes. Der junge Mann sprang auf und entschuldigte sich mit hochrotem Kopf bei ihm. Mit dem Jacketärmel wischte er weg, was an Nassem übrig geblieben war; er wischte als würde sein Leben davon abhängen.
“Herrgott, es ist doch wirklich nur Wasser,“ sagte der alte Mann.
„Entschuldigen Sie, es ist mir wirklich peinlich, immer, wirklich immer, passiert mir so etwas, selbst meine Mutter meint, ich solle besser aufpassen, haha, nein, ich bin ein wandelndes Fauxpas!“
Der ältere Mann legte seine Zeitung beiseite, nachdem er sie ordentlich gefaltet hatte.
„Sie kommen wohl nicht von hier.“
„Nein, es tut mir leid, ich bin lediglich manchmal zu Besuch. Ich hoffe, es stört sie nicht?“
Der ältere Mann dachte ernsthaft nach.
„Wieso sollte es mich denn stören?“
„Ich meinte ja nur, es ist ihre Stadt. Ihr Anrecht, Sie verstehen -“
„Vielmehr stört es mich, dass Sie sich andauernd entschuldigen für etwas, dass Sie – in dieser oder anderer Weise – nicht einmal zu verantworten haben!“
„Nein, Sie haben recht, es tut mir leid, ich bin,“ er legte seine Hand auf die Brust, „ich bin manchmal wirklich unerträglich.“
Der alte Mann schaute aus dem Fenster und beobachtete ein paar Fußgänger dabei, wie sie versuchten einen Regenschirm aufzuspannen.
Dann drehte er sich wieder zu dem jungen Mann. Der war jetzt ganz nah an seinem Gesicht.
„Ich bin Osnabrücker,” flüsterte er.
Der alte Mann lachte.
„Und was in Gottes Namen machen Sie dann in Frankfurt?“
„Entschuldigen Sie; meine Freundin wohnt hier. Ich, wir – ja, wir erwarten ein Kind.“
Der Mann dachte kurz nach, lächelte und stand auf. Dann klopfte er auf den Tisch und sagte laut:
„Also das sind jetzt mal wirklich ganz wunderbare Nachrichten!“

Die beiden Männer hielten schon ein Glas Sekt in der Hand, als hinter den beschlagenen Fenster des Cafés eine Zeitung wirr durch die Luft flog – hoch und runter flog sie – bevor sie durch einen festen Windschlag einfach in der Mitte zerrissen wurde.
Der junge Mann verließ das Café. Wenig später ging auch der alte Mann. Alleine.
So war es ihm am Liebsten.