Das letzte Ziel

Jeden abend um kurz nach elf, wenn die Lichter der Stadt die Dunkelheit vertreiben und ich mich weit aus dem Fenster lehne, fängt es an. Von hier aus sehe ich das große Commerzbank Gebäude mit seinem penetraten, gelben Licht, das mich an Urin erinnert; von Nebel umwoben wie ein Spinnennetz.
Dann krabbelt es langsam an mir hoch. Ich spüre, wie es von meiner Hüfte weiter in die Magengegend kommt: das kleine, gelbe Monster. Mein Atem wird schwerer, mein Kopf hochrot und ich bemerke einen tiefen Stich in meiner Wirbelsäule. Meine Schläfe fängt an zu pulsieren und ich muss schlucken. Nach außen hin rede ich vielleicht ganz normal weiter, vielleicht über die Arbeit, vielleicht über das Wetter, das gerade in Deutschland unentschlossen ist, und während ich so vor mich hinbrabble, kämpfen meine Gedanken gegeneinander an.
Wortfetzen, Satzfragmente, “du” “hier”, riesige Türme, die einstürzen, “was” “warum”, ich falle in ein Kissen mit eingestickten Seerobben, ich sehe ein brennendes Haus und eine Achterbahn, mein Atem wird schneller, und ich muss raus.

Auf der Straße sehe ich die Großstadt; noch funktioniert sie. Nichts hat sich geändert, während ich dort oben, noch vor einer halben Minute, um meinen Atem gerungen habe. Ein paar Betrunkene klatschen im Taxi neben mir und singen, ich schrecke zusammen. Jedes kleine Geräusch macht mich ratlos. Es ist als hätte ich mich auf der Straße verloren und müsste mich wieder einsammeln. Ich weiß nur nicht wo.
Ich komme an einer Kneipe vorbei, draußen brennt eine Lichterkette mit verschiedenen Farben und ein paar Menschen in meinem Alter trinken auf alten, grünen Sofas Aperol und rauchen Zigaretten. Sie lachen. Irgendwo meine ich das Wort “Umzug” zu hören und das gelbe, kleine Monster zwickt mich wieder in die Hüfte. Ich gehe einen Schritt langsamer und konzentriere mich auf meine Atmung. Ich komme an unserem Kiosk vorbei und sehe sofort die grellen Farben der NEON.
Was tust du für die Liebe? – die Headline.
Mir wird plötzlich schlecht und meine Beine sinken ein und meine Gedanken fangen wieder an gegeneinander zu kämpfen – jeder einzelne will zu Wort kommen – und innerlich verfluche ich diese Stadt. Ach was, ich verfluche die Welt! Warum nicht gleich melodramatisch werden, warum sich immer zurücknehmen; was für eine Welt also, in der man einem Hipster- Magazin mehr Glauben schenken soll als sich selbst! Ich gehe weiter.

In der Ferne sehe ich das rote Licht mit weißem Schriftzug. Mein letztes Ziel, jeden Abend. Fast torkele ich darauf zu, auf den einzigen Supermarkt in der Stadt, der noch bis Mitternacht geöffnet hat. Ich betrete ihn und eine Frau in hauseigener Uniform kommt mir entgegen.
“Guten Abend,” lächelt sie, “wenn man das um diese Zeit noch so sagen kann.”
Ihr unbeschwertes Lächeln schwappt ein bisschen zu mir herüber, wie Badewasser über eine Wanne, und die Grenzen zwischen uns verschwimmen. Ich laufe an ihr vorbei, durch die Reihen.
Ich sehe Ketchup, Edamer, Milch, Bohnen, Milka Schokolade und – endlich – den Kirschbananensaft.
Ich nehme ihn aus dem Regal, und halte ihn ganz fest an meine Brust und das kleine, gelbe Monster verschwindet wieder.
Ich weiß nicht ob es an dem Kiba liegt, der in meinen warmen, verschwitzten Händen ruht; an dem Nachmittag bei ihr, an 1992, der langen Wäscheleine und dem Geräusch von Eiswürfeln, die klimmpernd in ein Glas fallen.
Oder an dem hässlich-karierten Supermarktfliesenboden, der dir ein Stück Normalität zurückgibt, wenn du nachts vor Angst nicht schlafen kannst. Der dir sagt, dass wenn du um viertel nach elf noch Kiba kaufen kannst, du doch nicht so verkorkst bist, wie du immer meintest.

Ich gehe zurück in unsere Wohnung und er und ich, wir reden noch ein bisschen über das Wetter.
Für heute bin ich erlöst.

WELT Kompakt

Hallo liebe Freunde,

hier
findet ihr meinen Artikel für die WELT Kompakt auch als Onlineversion.
In der Printausgabe stand ich mit der Headline sogar auf der ersten Seite und habe
im Heft sogar eine Doppelseite bekommen.
Hab’ mich total gefreut!

Liebe Grüße, eure Lauri

Der Platz gegenüber von Daniel Schumann

David riss das Poster mit dem hässlichen, roten Frosch von der Wand.
Er hatte sich schon länger gefragt, warum eigentlich ein Frosch, und warum eigentlich rot, aber auf dem Platz darunter saß niemand mehr, der ihm diese Frage hätte beantworten können.
Die ersten Wochen hatte er sie noch versucht anzurufen, ich bin nur ein bisschen erschöpft, hatte sie gesagt, bald bin ich wieder da, hatte sie gesagt, das war im April gewesen und jetzt war es schon Anfang Oktober. Ihm fehlte das laute Klicken ihrer Maus, für das er sie schon mehrmals angeraunzt hatte und er lachte und hatte dabei vergessen, wie traurig es eigentlich war, einen roten Frosch anstarren zu müssen, anstatt einer halbwegs attraktiven Blondine mit unterschiedlich großen Brüsten. Er lehnte sich zurück auf seinem Sessel und schaute auf die Uhr, die oben auf dem Bildschirm leuchtete. Immer präsent und doch permanent ignoriert. Es war nach halb neun; nicht ein einziges Mal hatte er es in den letzten Wochen geschafft die Agentur pünktlich zu verlassen und je angestrengter er darüber nachdachte, desto weniger fiel ihm ein Datum, ein Jahr, eine Woche ein, in dem er überhaupt mal pünktlich gegangen war. Sein Nacken begann zu schmerzen und er lehnte sich nach vorne.

Er erinnerte sich an die ersten Monate, die vielen Namen, die er hatte behalten müssen; die Menschen, die kamen und gingen; erste kleine Erfolge, Meetings mit Neukunden, die man dank ihm an Land hatte ziehen können. Sein Portfolio wurde fast monatlich um einen Kreativpreis länger und seine Wochenenden immer kürzer. Und jetzt war sie weg und er hatte Nackenschmerzen. Sicherlich kam das von den vielen Schulterklopfern, dachte er. Jedenfalls nicht von einem allzu schweren Konto. Kreativität wurde – so hatte man es ihm jedenfalls gesagt – nun mal nicht mit dem morgendlichen Kaffee geboren und große Ideen ließen sich nicht innerhalb von acht Stunden herausdrücken. Manchmal müsse man den Teufel in die Ecke zwingen und erst dann aufgeben, wenn man ihn festgenagelt hatte; an jeder einzigen Körperstelle. So hatten sie ihm jahrelang Träume verkauft, die nicht die seinen waren. Seine handelten vielmehr von leeren, weißen Blättern, die zu einem Bestseller gebunden wurden. Zusammen warteten sie nur noch auf das eine Wochenende, an dem er endlich die Zeit fand zu schreiben.
Als er, seine grüne FREITAG Tasche unter dem Arm, das Gebäude verließ, kam es ihm vor, als würde es mit seinen großen, dunklen Augen auf ihn herabschauen. Als würden die Wände sich näher an ihn herandrängen, sich aus dem Pflasterstein befreien und ihn mit offenen Krallen verfolgen. Er war plötzlich sehr müde.

Er verschwand in der U-Bahn und stieg am Merianplatz aus. Nicht gleich fand er ihren Nachnamen zwischen den vielen Klingelschildern.
Sieben Jahre hatte sie für verschiedene Werbeagenturen gearbeitet, und sie wohnte noch immer in einem Mietshaus mit zwanzig anderen Namensschildern. Er schaute auf sein Handy, mittlerweile war es schon nach zehn. Vielleicht war es doch besser, einfach nach Hause zu gehen. Er war sich nicht mehr sicher, ob er sie überhaupt noch sehen wollte. Sie hatte ihm ja mehrmals am Telefon versichert, dass sie bald wieder da sein würde, so ein gebrochenes Bein, das brauche nun mal seine Heilung, sicherlich würde ihr ein bisschen mehr Ruhe nicht schaden und dann wäre sie bald wieder da und … Schröder, da stand er.

Die Tür zu ihrer Wohnung war angelehnt. Der Flur war sehr dunkel und auch aus den anderen Räumen kam kaum Licht. Er folgte der weißen Wand bis in einen großen Raum mit einem Sofa hinein. Die Jalousien waren schon ganz heruntergezogen, nicht einmal ein Straßenlicht schien hindurch. Er erkannte sie einzig an ihrer schattigen Silhouette. Sie hatte ein Handtuch um ihr Bein gewickelt und die Arme vor ihrem Körper verschränkt.
„Heyyyy,“ sagte er etwas fröhlicher, als das Dunkle um ihn herum es zuließ.
„David.“
„Wie geeeehts,“ fragte er und der Raum hallte nach, so als hätte in ihm schon sehr lange niemand mehr etwas gesagt.
„Setz dich doch.“
„Du, du hast da ein Handtuch um dein Bein gewickelt.“
„Ich weiß.“
„Ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber, aber mit so einem Beinbruch ist nicht zu spaßen.“
„David, bitte.“ Sie hob ihre Hand. Dann ließ sie diese wieder langsam auf ihr Knie gleiten.
Er schaute auf seine Schuhe. Es war ihm ein bisschen peinlich, dass sie nur einen Schlafanzug trug.
„Wann kommste wieder?“
„Ich komme nicht wieder.“
„Oh.“
„Ja.“
„Hab’ mich doch gerade daran gewöhnt, dass deine Maus so nervig klickt.”
„Mag sein.”
Er schaute auf ihr Bein.
„Du weißt doch wie es ist.“ Seine Stimme war plötzlich tief und rau geworden.
„Muss es denn dann auch weiterhin so sein?“ sagte sie.
„Das war dir immer klar.“
„Trotzdem bleibt da noch die Illusion, das man etwas bewirken kann.“
„Ach, das läuft da doch schon zwanzig Jahre so.“
„Je größer das Unrecht, desto eher wird es wohl toleriert,“ sagte sie.
„Du hättest Texterin werden sollen,” sagte er.
„Wenn ich traurig bin, sehe ich keine Worte. Ich sehe Bilder.“

Als er sich in dem dunklen Flur von ihr verabschiedete, bemerkte er, wie dürr sie geworden war. Ihre Arme reichten kaum noch um seinen Hals und er musste sich leicht zu ihr herunterbeugen, um ein bisschen von ihrer Hüfte greifen zu können. Ihr Haar drang vereinzelt in seine Nase: es roch nach aufgewärmten Spinat.
In der U-Bahn blickte er starr geradeaus. Der Platz gegenüber war leer. Er stieg aus; noch einmal wollte er zurück in die Agentur. Vorbei an den leeren Körperhülsen, die noch an ihren Telefonen hingen, vorbei an den Papierstapeln und halbvollen Bierflasche, die schon viel zu oft einen bitteren Nachgeschmack auf seiner Zunge hinterlassen hatten. Endlich Schluss machen. Ein für alle Mal. Er schaute auf das Poster mit dem roten, hässlichen Frosch an der Wand gegenüber; warum eigentlich ein Frosch, und warum eigentlich rot?
Dann öffnete er ein neues Dokument und fing an zu schreiben:

Der Platz gegenüber
von Daniel Schumann

Annelie und der Ammersee

Er ging auf den See zu. Langsam und gemächlich ging er dorthin und seine Schuhe schlurrten über den Boden. Ihm war als wäre sein Torso schneller als der Rest seines Körpers, als befände er sich in einem Wettlauf mit sich selbst. Mit einer Hand rückte er seine Brille wieder auf die Nasenspitze und steckte sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. Seine Gedanken fanden keinen nennenswerten Schlusspunkt; erst lamentierte er über die Hitze und dann fiel ihm ein, dass er- sobald er wieder zuhause war- noch das Geschirr abwaschen musste und dann stand er schon an der Bank und dachte wieder an sie.

Wie sie beide das erste Mal ihre Füße in das kalte Wasser gehalten hatten; an Annelie, wie sie vor Jahren in seine Vorlesung gekommen war und er sich plötzlich wieder auf seinem Stuhl hatte zurechtfinden müssen. Jedenfalls hatte es sich angefühlt wie das erste Mal Sitzen. Er hatte sie ebenso bemerkt, wie man jemandem aus dem Augenwinkel betrachtete: es sah zwar nicht so aus, aber man wusste doch genau, was der andere gerade tat.

Er setzte sich auf die Bank. Um ihn herum legten sich die Äste abwechselnd auf den Wind und schnellten wieder nach oben. Weit entfernt hörte er ein Motorboot und irgendwo bellte ein Hund. Im Hochsommer hatte der Ammersee etwas von einem kubanisch-deutschen Sandstrand. Der Sand war zwar stellenweise sanft und fein, aber das Wasser blieb stets rau und dunkelgrün. Und bald würde der See wieder verlandet sein; so als wäre er nie da gewesen. Heiraten wollte er sie nun, ja heiraten. Bei so einer Planung konnten dem modernen Großstadtmisanthropen so seine Zweifel kommen. Zweifeln konnte man zum Beispiel an großen Parkhäusern, die zwei Euro für eine Stunde verlangten oder den viel zu langsamen Rentner an der Supermarktkasse. Natürlich, er wollte sie, Annelie. So hatte er sich das vorgestellt. Aber war es denn dann trotzdem alles notwendig? Höchstwahrscheinlich war es nicht einmal hinreichend.

Ja, an allem konnte er zweifeln. Nur nicht an ihr. Nicht an der Art, wie sie über das Leben sprach, nicht an der Art, wie sie ihn von der Seite ansah, wenn sie zusammen auf der Couch saßen und sich das Flimmerlicht des Fernsehers in seinen Brillengläsern spiegelte.

Vielleicht war er nicht der erste Mann, der sich entschlossen hatte zu heiraten, dachte er, während er auf den ruhigen Zufluss des Wassers achtete. Vielleicht waren sie beide nur eine Geschichte mit einem kurzen und bündigen Ende; eine Ziffer, die im Bundesamt für Statistik irgendwann auf einem Formular aufgenommen wurde. Mochte es doch sein, wie es wollte, aber das alles konnte hier und heute nicht beantwortet werden!

Nicht mit Annelie und nicht am Ammersee. Die Dinge kommen auf einen zu und man selbst nicht auf sie. Und auf diese eine Sache mit ihr wollte er sich jetzt des Herzens freuen. Ohne Zweifel. So stand er auf und ging langsamen Schrittes die Straße zurück und lamentierte weiter über die Hitze und Rentner an Supermarktschlangen und dachte ganz eifrig an sie, während er sich immer weiter vom Ammersee entfernte.