Zwischen dem Spalt

Das erste Mal als ich die Gestalt sah, lag ich mit Manu im Bett und sie zählte die Sterne an der Zimmerdecke. Dad hatte sie dort angeklebt, damit wir besser schlafen konnte. Sie waren aus Plastik und leuchteten in der Dunkelheit und sie waren so kreuz und quer dort oben angelegt, dass man sie unmöglich hätte nummerieren können. Trotzdem versuchte Manu es immer wieder.
„Hunderteinundreißig!“ schrie sie mit ihrer aufragenden Stimme, während ich meine Hände mehrmals von allen Seiten begutachtet hatte. Dann knipste sie das Licht aus und ich drehte mich zu der Tür, die niemals geschlossen war. Das kalte Licht aus dem Flur zeichnete sich von unserem Zimmer scharf ab. Durch den Spalt zwischen der Tür und dem Flur erkannte ich eine dunkle Gestalt. Ich hatte keine Angst, atmete nur etwas lauter als sonst.

„Wach auf.“ Manu schüttelte an meinem rechten Bein bis ich mit einem Kissen nach ihr warf. Die Luft roch nach Pfirsichmarmelade. Ich setzte mich auf.
„Manu, kann ich dich was fragen?“ sagte ich.
„Nur, wenn es etwas Geistreiches ist,“ sagte sie, „etwas, das mich nicht langweilt.“
Dabei hob sie ihr Kinn wie eine dieser englischen Ladies aus den Romanen von Agatha Christie.
„Warum kommt Dad nie zu uns rein,“ fragte ich.
Sie schaute mich genauso an, wie es alle in letzter Zeit getan hatten: mitleidig, verständnislos, irritiert.
Sie nahm mich an der Hand und zusammen verließen wir das Zimmer.

Manu saß in der Schule drei Reihen vor mir. Wir hatten ein System entwickelt, durch welches wir auch aus der Entfernung miteinander kommunizieren konnte. Ein Husten bedeutete, dass uns langweilig war. Das Quietschen eines Bleistiftes auf Papier, dass wir uns in der Pause treffen wollten; und das Kippeln eines Stuhles bedeutete, dass bei dem anderen etwas ganz und gar nicht stimmte. Heute schaute Manu nur auf ihr Heft.
Als ich in der Pause aus dem Schulgebäude kam, zeigten ein paar Kinder aus der Siebten mit ihren Fingern auf mich. Manu war direkt hinter mir gegangen, und auch wenn sie heute nicht wirklich mit mir geredet hatte, stellte sie sich direkt vor mich. Sie hatte die Beine weit auseinandergestellt und eine Faust schwang hoch in der Luft. Das Lachen der Kinder wurde lauter und ich beobachtete den dicken Philip dabei wie er einen kleinen Stein vom Boden aufhob und in meine Richtung warf. Manu sprang leicht nach vorne. Ich musste unweigerlich laut lachen und die anderen Kinder waren plötzlich sehr leise. Kein wildes Kindergeschrei mehr, das den Pausenhof dominierte – nur entferntes Vogelzwitschern und mein unkontrolliertes, schnaubiges Lachen.

„Einhundertzweiundfünzig,“ sagte Manu auf und wälzte sich dabei im Bett hin und her.
Ihr Körper bebte unkontrolliert. Seit Jahren schon trug sie den selben weißen Pijama mit den kleinen roten Katzen darauf und mir war viel mehr danach, die Katzen zu zählen als die Sterne, aber das sagte ich ihr nicht. Ich hatte es ihr nie gesagt, dass ich nicht zählte, sondern stets nur so getan hatte.
Als wäre ich ein Teil davon; als gehöre ich dazu.
„Ich will morgen nicht in die Schule,“ sagte ich.
„Pah,” sagte Manu, “das wäre jawohl der einfachste und langweiligste Weg. Findest du nicht.“
Sie betonte das Ende des Satzes tief und dumpf. Es war eine Feststellung, keine Frage.
„Du musst es genau dann machen, wenn du am Wenigsten willst. Sonst wird es von Tag zu Tag schwerer.“
Sie knipste die Lampe aus und drehte sich mit ihrem Rücken zu mir und meine Hände streckte sich danach aus. Dann drehte ich mich um. Als meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, stand die dunkle Gestalt wieder zwischen Tür und Flur. Sie hatte einen Bauch, der in das Zimmer reinragte.
Ich erkannte ihn sofort.
„Nacht Dad,“ flüsterte ich.

„Da ist ja die verrückte Kuh aus der Kramerstraße!“
Durch die Erdflecken in den Pflastersteinen wuchs schon ein bisschen Gras und ich wusste, dass es bald wieder Frühling werden würde. Ich wollte Manu den Fleck zeigen, doch ihre Faust schwang schon hoch oben in der Luft.
„Kommt ihr nicht zu nahe, ich habe Boxunterricht genommen, den ganzen Winter lang,“ sagte sie und ich zog an ihrem Arm, um ihr die Stelle zu zeigen, an der trotz des Winters doch eigentlich schon Frühling war. “Lass,” sagte sie leise zu mir.
Philip lachte laut auf und ich musste mir die Ohren zuhalten. Die anderen Kindern machten mit, so dass man sie über dem ganzen Schulhof hörte und vielleicht auch darüber hinaus. Jedenfalls hörte ich einen Hund von weit her vor Aufregung bellen.
„Manu, lass uns nach Hause gehen.“ Ich zog fester an ihrem Ärmel. Sie zog zurück.
„Versteck dich hinter mir,“ sagte sie dann.
Ich hielt mich an ihrer Hüfte fest und schaute durch ihre hellbraunen Haare.
Sie hatte sich auf der linken Hälfte einen kleinen Zopf geflochten und ich berührte die
Flechteinschnitte, während die anderen Kinder, die um Manu und mich herumstanden, immer lauter wurden. Ich bemerkte sie nur so, wie man jemanden aus dem Augenwinkel beim Popeln erwischt. Man tat einfach so, als hätte man es nicht gesehen.
„Besser du nimmst sie mit nach Hause! Das Monster sollte man nicht alleine auf die Straße lassen.“
„Ich warne dich, Philip. Wenn du nicht aus dem Weg gehst, dann zeige ich dir wie Boxen richtig geht. Ich habe den ganzen Winter lang …“
„Jaja, den ganzen Winter lang geboxt,“ sagte Phil.
Manu schob mich an der Schulter vor sich her und wir gingen an Philip und den anderen Kindern vorbei.
„Schick sie doch zu deinem Daddy.” Er hielt sich erschrocken die Hand an die Brust. „Aber moment, den gibt es ja gar nicht mehr!“
Manu’s Faust fiel jetzt mit einem dumpfen Schlag direkt auf Philip’s Kopf und die anderen Kinder schmissen sich auf Manu, während sie weiter mit ihren Fäusten auf ihn einschlug. Ich blieb ich eine Weile lang stehen und überlegte, was der dicke Philip da eigentlich gerade über unseren Dad gesagt hatte. Eine Lehrerin kam aus der Schule gerannt und riss Manu von ihm herunter und damit einen ganzen Haufen anderer Kinder, wobei Manu’s Haare ganz durcheinander geraten waren, und ihre Stimme war plötzlich so quietschig wie Kreide auf einer Tafel und ich dachte immer noch über Dad nach und auch später als wir alle wieder in der Klasse saßen und Matheaufgaben von der Tafel abschreiben musste, verstand ich das alles immer noch nicht.
Ich beschloss Dad am Abend zu fragen was Philip wohl gemeint haben könnte und blieb den restlichen Schultag ruhig auf meiner Bank sitzen, um darüber nachzudenken, wie ich ihm das Thema schonend beibringen konnte; wie ich ihm sagen konnte, dass er vielleicht ganz einfach nicht mehr da war.

Es war das erste Mal in ein paar Wochen, dass Manu an diesem Abend keine Sterne zählte. Sie lag ganz starr neben mir und starrte an die Decke, aber ihre Augen bewegten sich nicht. Dann knipste sie das Licht auf der Anrichte aus und drehte sich um. Ich wartete, bis ich Manu’s Atmen hören konnte. Langsam und leise stieg ich aus dem Bett und ging direkt auf die Gestalt zu, die schon zwischen dem Spalt wartete. Mein Herz klopfte laut und mir war nicht klar, warum. Ich hoffte nur, dass Manu davon nicht wach werden würde.
„Dad,“ flüsterte ich und folgte seiner schwarzen Gestalt. Er war groß und dick und hatte eine Glatze. Ein bisschen von dem kalten Flurlicht schien darauf und ich wunderte mich, dass es trotz des Nachts noch so hell auf einen Menschen herabscheinen konnte. Ich flüsterte nochmals, diesmal etwas lauter, „Dad.“
Sein Gesicht war sehr klar. Es zeichnete sich scharf von dem restlichen Mobiliar ab; von der Vase, dem Türrahmen und der Kirschbaumkommode. Er öffnete seinen Mund so, als wolle er etwas sagen, von dem er noch nicht wusste, was. Ich wollte nach ihm greifen, aber jedes Mal, wenn ich es versuchte, schien ich ihn nicht berühren zu können. Immer wieder glitt der Stoff durch meine Hände, immer wieder stolperte ich über meine eigenen Füße. Ein Türknallen und er war verschwunden. So wie Philip es gesagt hatte.
Ich legte ich mich wieder zu Manu, die so heftig atmete, als würde etwas auf ihrer Brust sitzen und sie bewachen. Ich begann ich die Plastiksterne an der Zimmerdecke zu zählen, die billigen Plastiksterne, die Dad dort oben angebracht hatte. Ich zählte so lange, bis die Luft nach Pfirsichmarmelade roch. Und durch die Tür schien etwas Sonnenlicht.

Die Frau von gegenüber

Wenn ich mich an mein Fenster im vierten Stock stelle – meist kurz nach zwanzig Uhr, wenn ich von der Arbeit komme – und auf das Haus gegenüber schaue, sitzt sie meist schon da.
Sie sitzt aufrecht, als hätte sie nur auf mich gewartet.
Ihre graue Tischlampe auf dem Holzschreibtisch leuchtet und sie hat einen langen, grünen Bleistift in der Hand. Mit dem einen Handballen stützt sie sich das Kinn und die andere Hand liegt nur so daneben, immer bereit sich eine graue Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. Zuweilen geht sie einen mentalen Schritt nach hinten und schaut sich das, was sie gerade geschrieben hat, von ein paar Zentimeter weiter weg an. Dabei nimmt sie den Kopf ein bisschen zurück, legt ihn schief. Ein kurzer andächtiger Blick reicht ihr aus, um zu bewerten. Schon ruht der Stift wieder auf dem Blatt. Kritzelt und radiert. Ihren Namen kenne ich nicht, aber ich stelle mir vor, dass sie Margit heißt. Margit’s sind weich, ruhig, herzlich. Keine Schnattertanten. Ausgeglichen. Nicht so wie Sabine’s oder Ruth’s.

Ich beobachte die Frau von gegenüber schon seit ein paar Monaten. Seit wir hier eingezogen sind, sitzt sie jeden Abend an ihrem Tisch und schreibt. Ein paar Mal habe ich sie beim Rewe unten gesehen, aber mich nie getraut sie anzusprechen. Ich würde ihr gerne sagen, dass ich sie verehre wegen ihrer Disziplin und sie bemitleide wegen ihrer Einsamkeit. Was eine absurde Gefühlsmischung.
Und doch ist sie der einsamste Mensch, den ich nicht kenne. Es ist wie mit Schopenhauer. Er: ein philosophisches Genie und er: ein krankes, zynisches Arschloch mit scheinbar wenig Interesse an Zwischenmenschlichkeit.

Und dann ich: mittendrin, fröhlich und dunkel, diszipliniert und ich: wie zwölf Stunden Schlaf. Schreibe jeden Tag, aber nie das was ich will. Bekomme mein Manuskript nicht von der Festplatte herunter und in einen Briefumschlag gesteckt. Stehe immer viel zu spät auf und gehe viel zu spät ins’ Bett. Und dazwischen passiert nichts.
Abends sehe ich sie – um zwanzig nach acht – und jeden Abend mache ich etwas anderes. Entweder koche ich gerade Essen oder ich liege auf dem kaputten, braunen Sofa vor dem Fernseher und schaue Tatort oder ich versuche meinen Freund zum tausendsten Mal von dem Computer wegzureden; oder ich sitze nur in Unterwäsche auf ihm. Für mich ist das Routine. Für sie wohl echte Abwechslung.
Ich glaube sie hat noch nie zu mir rübergeschaut. Bietet sie mir doch immer das gleiche Bild:
den Schreiberling mit grauem Haar. Niemand ist da, dem sie sich erklären muss. Niemand, der sie ablenken könnte.
Sie und das grelle Schreibtischlicht und ihre Hände bilden ein Arrangement der Disziplin und Standhaftigkeit und das weiße Bücherregal hinter ihr wirkt alt und verstaubt.

Dreiundzwanzig Uhr dreißig. Sie schließt ihre wohl selbstgestickten Gardinen und ich höre auf, bevor ich überhaupt irgendetwas angefangen habe. Ich gehe in mein Bett und träume mit wachen Augen von grünen eckzähnigen Fabelwesen, Kindern in einem Sommerzeltlager und einer Mitzwanzigerin in der Großstadt; gegeben ist immer der Konflikt. Das alles will ich aufschreiben, jetzt, solange ich den flachen und energischen Atem der Jugend in mir trage. Jetzt, da ich samstags noch nicht in irgendeinen dämlichen Freizeitpark mit einem vollgepackten Kombi düsen muss. Jetzt, wo meine debütantische Schreibart etwaige Fehler noch als eigenen Stil akzeptiert.

Wenn ich dann so alt bin wie sie und in meiner Wohnung lärmt nur noch die Kaffeemaschine; beobachtet mich mein fünfundzwangig-jähriges Selbst.

Mich, die Frau von gegenüber.

Bild der Frau

Das ist die Headline für mein Interview in der Bild der Frau als Ghostwriterin für Liebesbriefe
für feinereime.de (Check it out!)

Zugegeben: ein bisschen kitschig ist der Artikel ja schon geworden,
aber ich freue mich dennoch, dass ich als Autorin aus Frankfurt am Main betitelt wurde.
Autorin – da muss man ja schon sagen; das ist ja schon ernstzunehmend!

Aktuell kostet das Heft 1,10 und ihr findet mich auf Seite 75 in
authentischer photoshopper’s beauty. Noch nie waren meine Zähne so weiß.
Noch nie mein Wohnzimmer so magenta. Filter ist die neue Realität.

Der Artikel ist in jedem Fall tolle Werbung und bringt mich auf meinem Weg
zur Buchautorin ein kleines bisschen weiter.

Vielen Dank auch an Petra Dettmer (Text) und
Katharina Hummel (Foto).
Es war ein schöner Nachmittag.

Bis bald, eure Lauri