Casa, reditti, dignitá: Das Ende einer Hausbesetzung in Modena

Es regnet in Modena, wie so oft in diesen Tagen, nur dann und wann hört man ein Paar Lackschuhe auf dem Pflaster. Das Zentrum ist abgesperrt, schwarzblaue Vans blockieren die Eingänge auf den Hauptplatz des centro storico, versperren jeden Blick auf den Piazza del Duomo. Kein Tourist will heute dorthin, es ist Mai, es ist Regen, die Geschäfte machen sich langsam bereit für die pausa pranzo, die Mittagspause. Die letzten Carabinieri stellen sich in Position, schmeißen ihre Zigarettenstummel in eine Regenpfütze.

Einige Meter weiter, in der Via Sant Eufemia, steht ein beigefarbenes Haus. Farbe blättert von den Wänden. Es ist abgesperrt, jetzt, nachdem die 60 Hausbesetzer, darunter viele ausländische und italienische Familien, fortgebracht wurden. Es gibt für die etwa zwanzig Aktivisiten, die sich auf der anderen Seite versammelt haben, keine Chance einzugreifen. Die Fensterläden stehen weit offen, und wenn man ganz nahe am Eingangstor vorbeihuscht, sieht man, dass im Innenhof eine bunte Girlande hängt, sieht man, dass eine Treppe zu den Wohnungen führt, die weder mit Elektrizität noch Möbeln ausgestattet sind.

60 Betroffene, die seit Monaten in dem Haus leben, wurden heute morgen zu den Servizi Sociale gebracht, dem Sozialamt, um dort die Hilfe zu bekommen, die ihnen seit Monaten verweigert wurde. Ob ihnen eine Alternative als Obdach gestellt wird, ist ungewiss. “Es gibt so viele Wohnungen, die in Modena leerstehen“, sagt Pierre, einer der linken Aktivisten der Organisation Spazio Guernica. “Diese Menschen haben durch die europäische Krise ihre Wohnungen und ihren Job verloren, jetzt stehen sie praktisch auf der Straße. Das passiert überall in Europa, jeden Tag.”

Die Carabinieri sind in Position, an die 50 Beamte der Polizia und Polizia munipicale wurden aus dem Umland abgezogen, mit Helmen und Schutzschild stehen sie den jungen Aktivisten und Studenten gegenüber, die regelmäßig das Megaphon in die Hand nehmen, um ihre Parolen zu skandieren. “Casa, redditi, dignitá!”, (“Heim, Lohn, Würde”) schallt es über den Platz und vereinzelt klatschen die Menschen, die sich hier versammelt haben. Pierre sagt, der wichtigste Spruch der Organisation sei aber folgender: “Troppi personne senza casa, troppi case senza personne.” (“Zu viele Menschen ohne Haus, zu viele Häuser ohne Menschen.“) Leerstehende Immobilien würden weder für Italiener noch für Migranten oder Flüchtlinge bereitgestellt.

Pierre redet sehr schnell, seine Hände tanzen durch die Luft, sein Blick trifft nur durch Zufall sein Gegenüber und als sich ein paar Journalisten für ihn interessieren, wird er laut, so dass jeder ihn hören kann. “Wir hätten heute gerne mehr bewirkt, aber die Modenesi (Einwohner Modenas) sind viel zu ignorant, um sich dieser Sache anzunehmen. Und wir alleine sind nicht genug.”

Die Aktivisten haben ein Plakat gemalt, sind bereit zum Gebäude der Servizi Sociale zu gehen. Die betroffenen Familien hatten sich aus lauter Verzweiflung, weil sie nicht vom Staat angehört wurden, an die Aktivisten gewandt. Diese besorgten Decken und Matratzen; sie stehen seit Monaten in Kontakt. Dennoch wurde ihnen die Vermittlung zwischen der Stadt Modena und den Betroffenen untersagt. Es gibt hier nicht viel, dass die jungen Menschen tun können, außer unter einem Pavillon zu stehen und zu warten, dass der Tag sein Ende findet. Nicht viel zu tun, außer in den Regen zu starren und mit den Familien zu sprechen, die die Prozedur mit den Sozialdiensten bereits hinter sich haben.

Der Regen wird jetzt mehr, er rauscht über das Kopfsteinpflaster, die Demonstranten machen sich auf, gefolgt von Journalisten, die gelangweilt den Kopf auf ihr Handy senken. Als der Platz wieder leer ist, zünden sich vereinzelte Carabinieri eine Zigarette an. Einer nimmt den Helm ab, schüttelt sich den Schweiß aus dem Haar. Es ist pausa pranzo, Mittagspause, sein Job ist beendet. Jetzt liegt das Schicksal der Hausbesetzer in den Händen des Sozialamts.

So schön Durchschnitt

Ich brauche den Durchschnitt. Den, der an die Nordsee fährt und nicht auf Sauftour nach Bukarest. Der Monate vorher seine Reisen bucht. Für den Guacamole ein Feiertagsessen aus fernen Kulturen ist. Der sich mit seiner Arbeit zufriedengibt. Seinen Chef trotzdem hasst. Der sich nicht dauernd abgrenzen muss, nicht dauernd verwirklichen. Er liest Zeitung, wenn andere sich von ihrer App diktieren lassen, wie viele Kilometer sie vor der Arbeit laufen sollten. Er lacht über Snapchat. Und er hat recht.

Klingt konservativ. I know. Ich schreibe “I Know”, weil “Ich weiß” schon lange abgenutzt ist. Ich kann nicht anders. Ist in mir drin. Neulich habe ich versucht, für ein paar Stunden mein Handy zur Seite zu legen. Hat nicht geklappt. Alles um mich herum so langweilig. Brauche im Sekundentakt Nachrichten. News. Scheißegal, was. Wenn mein E-Mail-Postfach nicht nach zwei Stunden überquillt, fühle ich mich wertlos. Fühle ich in dieser Gesellschaft nicht angenommen. Bin raus.

Gut so. Ich bin ja auch voll anders. Ätsch. Lasse mich nicht geißeln von gesellschaftlichen Konventionen. Dada, motherfucker. Heute bleibe ich bis eins in der Nacht auf. Krass. Mache ich morgen mit Leistung wett. Mit meinem frischen Wesen. Meinem roten Lippenstift und grünem Baumwollkleid. Dann trinke ich Sojamilch und erkläre denen, die es nicht hören wollen, warum.

Ich bin wieder bereit. Für den Durchschnitt. Alles so hyper, hyper. Bis wir zusammenbrechen und zu einem großen, braunen Brocken zusammenschmelzen. Dann wird die Stunde der Durchschnittlichen kommen. Sie werden an ihrem Frühstückstisch sitzen mit ihren Zeitungen. Sie werden aus ihrer Tasse, die sie von ihrer Urgroßmutter geerbt haben, ihren schwarzen Kaffee schlürfen; werden – durchschnittlich, wie sie sind – keinen schlauen Spruch für uns parat haben. Sie werden nicht über den braunen Brocken lachen oder einen Blogpost schreiben. Sie tun weiter das, was sie die ganze Zeit getan haben. Durchschnittlich sein. Sie werden uns erlösen.

Die Ausgestoßenen – Eine Wahlanalyse

Es ist Herausforderung, Mensch zu sein. Wir sehen uns unzähligen Ereignissen ausgesetzt, wir werden ständig beobachtet, in den sozialen Medien und an jeder Straßenecke – wir sehen uns an den anderen nicht mehr satt und hungern ständig nach Aufmerksamkeit. Dies ist ein Resultat der Homogenisierung des Einzelnen; der Versachlichung aller Dinge. Einzig der tragische Seelentod scheint uns sicher. Erich Fromm hat diese in seinem Buch Furcht vor der Freiheit eindrücklich beschrieben. In wenigen Sätzen erklärte er den Erfolg von Schlagern und Hollywoodfilmen: Der Mensch dürste auf der Leinwand nach dem, was ihm im richtigen Leben fehle. Spontaneität. Impulsivität. Menschlichkeit.

Diese versucht der Mensch sich nun zurückzuholen. Durch verschiedene Dogmen der Individualisierungsbewegung: den Veganismus, alternative Beziehungsmodelle oder die Wahl einer Partei, die einen Ausweg aus dem Kollektiv verspricht. Denn jeden Tag wartet auf den sozialen Plattformen der nächste Eklat, um den der mündige Bürger sich kümmern muss. Immer wieder tauchen neue Ziele auf, die er sich herauspickt. Nichts ist je fertig. Zunächst war da der Austritt des Euro, dann die Einwanderung. Unmöglich scheint nichts in dieser in jeglicher Hinsicht barrierefreien Welt. Wir alle sehnen uns nach Entscheidern, die uns Sachverhalte simpel erklären. Das ist der Hintergrund einer (post-)industriellen Gesellschaft, deren Hauptidentifikation ihre Arbeitskraft ist.

Dabei sind die Ausgestoßenen die, die uns eine Aufregung, einen Aufbruch aus dieser Misere versprechen. Erich Fromm sah 1941 darin den Faschismus begründet. Auf diesem Nährboden lässt sich heute das Phänomen der AfD und der PEGIDA erklären, das sich bundesweit ausbreitet und nicht nur als Problem einer unteren Gesellschaftsschicht fungiert. In einer Welt, in der Youtube-Channels und Reality-Shows den Ton angeben, leben wir nur für unseren Lichtmoment. Dumm nur, wenn dieser an Montagabenden in Dresden stattfindet.

Die Medien spielen eifrig mit, sie zerreißen jeden daneben gelaufenen Kommentar, es werden Hashtags erfunden und alles ins Lächerliche gezogen. Opfer sind auch die Repräsentanten und Wähler der AfD, also jene Akademiker, denen der Intellektuellenstatus in der Informationsgesellschaft aberkannt wurde. Sie fühlen sich zurückgedrängt und auserzählt. Denn ist es nicht so, dass heute jeder von uns Zugang zu einem Studium, oder zum Internet hat? Ihr glorreicher Moment in der Geschichte ist vorüber.

Neben der Entmachtung der intellektuellen Klasse sucht sich die Arbeiter- und Angestelltenschicht den Nervenkitzel im politischen Populismus. Sie sind vielleicht arbeitslos, geschieden, unwichtig im sozialen Konstrukt geworden. Sie üben einfache Berufe aus. Für sie gibt es keinen Platz mehr, weil sie nichts zu bieten haben, das in der schillernden Welt, in der wir leben, von Interesse ist. Nicht umsonst ist der Nachwuchs für normale Ausbildungsplätze schwer zu finden.

Jeder will etwas Besonderes sein. Wie Sven Hillenkamp in seinem Buch „Negative Moderne“ beschreibt, verzweifeln wir daran, in einer Welt zu leben, in der jeder alles schaffen kann, und viele dabei kläglich versagen. Daher lassen PEGIDA-Anhänger ihren Hass vor der Kamera raus, daher posten AfD-Funktionäre auf Facebook ihre rassistischen Posts. Ihnen genügt es, gesehen zu werden. Mehr noch; sie sind der Toleranz verdrossen geworden und erbauen sich am Erzkonservativen. Wo der Mensch zu lange von der Leine gelassen wurde, sehnt er sich wieder nach Grenzen. Oder so treffend nach Sven Hillenkamp: “Die Freiheit ist ein strukturelles Apriori aller politischen und moralischen Richtungen (…) Die Rigidität hat einen Vorzugsplatz im Reich der Freiheit, nur ist es nicht mehr die Rigidität der Anderen, sondern meine.”

Wir sehen es an den Trash-Formaten, die an Zulauf gewinnen. An den Reality-Shows, in denen IT-Girls am Fließband produziert werden. Leistung ist Mangelware. Das ist der Grund, warum die AfD sich in Schulen an preußischen Werten orientieren will, denn die Regeln in dieser Welt sind außer Kraft gesetzt. Uns bleibt nur, so Sven Hillenkamp, der Sturz ins Nichts. Als Identifikationsfiguren biedern sich Lutz Bachmann und Kathrin Oertel geradezu an. Einfache Gestalten, die das scheinbar einfache Volk repräsentieren.

In WG-Küchen wird derweil “Vielfachehen-Schröder” oder “Kettenraucher-Schmidt” mit Nostalgie beäugt. Eine Jugend, die sich wieder nach alten Führern sehnt – es ist eine Welt, in der Prozesse beschleunigt werden. In der jeder mitreden kann. Einer ernsthaften Prüfungskommission würde keiner von ihnen standhalten, aber einer halbwegs fundierten Facebook-Diskussion. Das ist die neue Währung, in die wir einzahlen müssen, wenn wir in dieser Welt bestehen wollen.

Wir haben Strategien entwickelt, um mit dieser Angst umzugehen. Der Eine, in dem er Gutes für die Welt tut, der Andere, indem er sich durch Hass ernährt. Unser Zusammenleben ist gespalten. Wer die anderen nicht beeindrucken oder zumindest verärgern kann, besitzt in der heutigen Zeit keine Relevanz. Wir stürzen in ein schwarzes Loch und greifen nach der Hand, die uns nach oben reißt. Es lohnt sich mehr denn je, zu prüfen, aus welcher politischen Richtung sie kommt.

Quellenverzeichnis:

Negative Moderne, Sven Hillenkamp, Klett-Cotta Verlag 2016
Furcht vor der Freiheit, Erich Fromm, Deutscher Taschenbuch Verlag, 18. Auflage, 2013

Haul


Du machst Opfer zu Helden,
feierst ein Brauchtum aus Nichts.
Du willst dich allen zeigen
und bleibst undefinierbar in deiner Masse.
Dein Adamsapfel schreit mit blutigem Hass,
der in den Mäulern von Straßenhunden erwachsen ist.
Kein Wort auszumachen als Manifesto;
kein Satzfragment will Neues schaffen.
Du hast die wahre Rebellion verlernt.
Nimmst den Wohlstand der Welt,
ohne den Händen, die an den Wellen hochspringen,
etwas zurückzugeben.
Du winkst ihnen.
Betest, dass sie nie wieder auftauchen.
Du willst alles für dich, alles.
Erlaubst keine Kritik, keine Diskussion;
Unfehlbarkeit ist dein Kalkül.

Du wanderst durch die Gassen der Großstädte,
und bepflasterst sie mit Tiraden,
In Silvesternächten tönst du am Lautesten,
und hast nichts mehr zu sagen.
Es gibt im Internet viele schlaue Menschen,
die viele schlaue Dinge schreiben.
Und wer bist du?
Dir läuft grüner Schleim aus dem Mund,
weil du zu viel Gin Tonic säufst.
Du schaust nur nach nach vorne,
aber nicht in dich hinein.
Vergehst dich an den Erben des Holocaust,
indem du jede Schuld von dir weist.
Dabei lächeln Opfer und Täter in deinen Familienalben,
liegen unter den Straßen deiner Stadt begraben.
An dir ist jedes Gedicht und jeder Film verloren gegangen,
du zerbrichst an deiner eigenen Boshaftigkeit,
die du bei jeder Gelegenheit Satire nennst,
– ohne den Panter je gestreichelt zu haben.

Du kommentierst alles.
Du sagst nichts.
Du willst mit Ausrufezeichen ein Zeichen setzen
und erblasst hinter denen, die einen Punkt machen.
Du lachst über alles, nur nicht über dich selbst.
Stichst das Messer in die Wunden derer, die am Boden liegen;
denen sie das Rückgrat weg gespült
und die Gräten rausgerissen.
Deine Helden sind Schweiger und Leyk,
Adorno sind für dich nur Frühstücksflocken.
Du feierst Stars, die dir ihre Meinung verkaufen,
weil du für eine eigene keine Zeit mehr hast.
Kaufst kein Shampoo ohne Sternchenempfehlung,
fragst nicht nach dem Weg;
denn du bist der Rückschritt.

Du bist nicht der neue Thoreau,
du buchst Pauschalflüge.
Deine Depression ist Lifestyle,
dein Desinteresse füllt das Feuilleton.
Weil du vor einem mehr Angst hast, als vor allem anderen:
in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden.
Dein Hass entzündet die Dächer leer stehender Häuser,
brennt sich ein in jeden Facebook-Kommentar,
hast durch deinen Wahnsinnseifer,
nur die Rente deiner Eltern bezahlt.
Du fühlst dich von allem berührt,
aber nicht ertappt;
feierst Katzen und Babys,
hast sie selbst nie gehabt.
Nur die Welt, die bedeutet dir nichts.
Du: ihre einzige Hoffnung.

Was wir PEGIDA entgegen setzen können

Der PEGIDA-Anhänger fühlt sich unverstanden, fühlt sich als Retter dieser Welt. Ist er es doch, der die Wahrheit in die Gesellschaft hinaus posaunt, der sich – wagemutig gegen alle Wellen des Widerstands – auch an verhassten Montagabenden auf der Straße versammelt. Der den Großen zeigt, was er wirklich von ihnen denkt. Und er hat recht.

Was haben wir falsch gemacht? Wir, die Gutmenschen, die links versiffte Biogesellschaft. Wir, die ihr Sofa mehr lieben als den dreckigen Asphalt vor Deutschlands Ämtern. Es lohnt ein Blick in unseren Alltag.

Ja, wer sagt denn von uns noch die Wahrheit? Wer von uns übt in Freundschaften noch ehrliche Kritik? “Ich komme eine halbe Stunde später”, kriegen wir da zehn Minuten vor dem Treffen per WhatsApp ins Gesicht gedonnert. Und antworten mit einem herzlichen, aber bestimmten: “Ach, kein Problem. Ich warte doch gerne.”

“Entschuldigung, dass ich Ihnen auf den Fuss getreten bin”, wird uns da so lapidar vorgetragen, dass wir gar nicht anders können, als – anstatt dem Tretenden die fieseste Krankheit an den Hals zu wünschen – ihm ein freundliches: “Tut gar nicht weh!“, entgegen zu halten.

Wer stellt sich denn noch dem cholerischen Chef, der die jüngeren Kolleginnen begafft wie dreißig Kilo Hackfleisch – trotz seiner Angst vor dem grassierenden Stellenabbau?

Und wohin all’ die Nächte, in denen Frau Meyer mir ins Gesicht sagte, dass sie mein Partyverhalten zum Kotzen findet, ohne gleich die Polizei zu rufen? Als an Supermarktschlangen nicht erst der Letzte in der Reihe mit Schmackes nach vorne rotzte: “Machen Sie doch mal ‘ne andere Kasse auf. Ich hab’ noch was vor!”

Jahre ist es her, als wir unsere Onkel und Tanten mutwillig über Frauenrechte diskutieren hörten, während unsere Großeltern die Trümmerhände über dem Kopf zusammenschlugen. Jahrzehnte ist es her, dass echte Politik auch mal bedeutete: “Mit Verlaub, Herr Präsident. Aber Sie sind ein Arschloch.”

Heute lassen wir Mandelmilch trinkende Maxi-Cosi-Mütter an uns vorbei tänzeln, obwohl ihre plärrenden Blagen uns im nächsten Moment gegen das Schienbein treten. “Josef-Maria-Samuel, darüber müssen wir diskutieren!”, wird dann dem unerzogenen Blag nahegelegt. (Und wer von uns will in einer Gesellschaft leben, in denen mit Kindern diskutiert wird?)

Es ist eine eigenartige, eine kalte Welt. Niemand sagt die Wahrheit, niemand lässt Emotionen frei. Es sind warme Zeiten für die, die jetzt Feuer legen, die Handgranaten schmeißen; für die Hintermänner der PEGIDA-Fraktion und der AfD. “Endlich sagt’s mal einer”, wird zu ihrem traurigen Leitspruch. Weil wirklich keiner mehr irgendetwas sagt.

Was können wir tun? Jetzt, da nicht mal eine Handgranate uns hinter unserem kuscheligen Bildschirmfeuer wegreißt? “Ey, da wollte ich sitzen!”, rufen, wenn jemand den begehrten Platz in der S-Bahn klaut. “Schatz, ich habe dich betrogen“, beichten, bevor das Handy drei Wochen später von alleine erzählt.

Wir müssen die Wahrheit in die Mitte der Gesellschaft tragen.“Endlich sagt’s mal einer”, wird ab heute unser linksgrün versifftes Mantra sein. Tag für Tag und nicht erst, wenn es zu spät ist. Dann sagen nämlich so viele Wahres, dass uns diese Argumentation aus der rechten Ecke erspart bleiben wird. Fangen wir im Kleinen an. In Cafés, in Schulen, an Tankstellenkassen. Treten wir in einen ehrlichen Diskurs. Je mehr Leute sagen, was sie denken, desto friedlicher wird das Zusammenleben sein. Lassen Sie es raus, Sie Arschloch. Aber mit Verlaub.

Europa – ein Fest fürs Wesen



Angela Merkel hat den Gastarbeitern aus Italien, Griechenland und der Türkei für ihre Hilfe am deutschen Nachkriegswunder gedankt. Auch meine Familie ist davon betroffen. Wir sind Teil der postmodernen, europäischen Geschichte. Eine Liebeserklärung.

Ich bin vor sechs Monaten in das Land meines Vaters gegangen. Ich habe Antworten gesucht und viele Fragen gefunden. Ich bin mehr Deutsche, als es mir lieb ist. Meine Disziplin, die für viele Italiener eine Beleidigung ist, steckt tiefer in meiner DNA, als ich es vermutet hatte. Ich bin deutscher Spießer. Ich will vorher wissen, wie viele zum Abendessen kommen. Einen Teller dazustellen und die Pasta strecken? Eher setze ich Schengen außer Kraft.

Ich habe viel dazu gelernt. Zum Beispiel, dass Rechnungen in Italien nie getrennt bezahlt werden. Einer zahlt für alle. Ausnahmen bestätigt der Pegel. Wein ist eine Aufforderung, keine Entscheidung. Zumindest, wenn mehr als zehn Leute am Tisch sitzen. Das passiert ziemlich oft. Nicht auszuhalten, diese stundenlangen cenas, ergo Abendessen, bei denen sich wiederum nur übers Essen unterhalten wird. Die hitzige Nähe, die der Italiener seinen Mitmenschen aufzwingt, ist ein Graus für unterkühlte Norddeutsche. „Wo steckst du schon wieder?“, ruft Zia mich aufgeregt an, wenn ich länger auf der Arbeit bleibe.

Italienische Beziehungen sind von Tradition geprägt. Ich kenne wenige Frauen, die ohne ihren Freund das Haus verlassen. Eifersucht ist kein Problem, sondern das Fundament einer gesunden Beziehung. Hochzeiten erfreuen sich noch immer einer großen Beliebtheit. Celentano Imitatoren säuseln dann zu billiger Keyboardmusik ins Mikro. Patchwork und Veganismus sind im Kommen, bleiben aber Rarität, während in Berlin die Brühe wiederentdeckt wurde. Der Kontinent ist sich uneinig.

Ich schwimme in Wellen, die ein dunkles Geheimnis in sich tragen. I am in trouble, in bisogno d’aiuto. Mir steht alles offen. Ich habe in London studiert und in Frankfurt gelebt. Meine Wurzeln liegen in Neapel. Ich verbringe Wochenenden in Barcelona und Istanbul. Ich stehe für nichts und alles. Ich liebe drei Männer in drei Ländern. Einen liebe ich besonders. Der weiß, was es bedeutet, Europäer zu sein. Ist in Spanien aufgewachsen und schafft es nie pünktlich zur Arbeit. Den Zug würde er regelmäßig verpassen, wenn die Deutsche Bahn nicht auch eher einer südländischen Organisation zugewandt wäre. Ich habe eine Freundin in Bukarest, die in drei Jahren drei Mal das Land gewechselt hat. Bald will sie nach Island. Manchmal bezweifelt sie, nur in einem Land geboren zu sein.

Wir werden die neuen Helden der Luftfahrt sein. Astronauten der Interkulturalität. Wir buchen Easyjet und Ryanair, fliegen mit SAS und British Airlines. Europa, wir sind deine Kinder. Deine Geschichte und deine Zukunft. Wir haben Bahnhöfe mit Teddys geflutet, als du deine Grenze geöffnet hast. Wir haben WG-Zimmer und Eramus-Programme mit unseren (Alkohol-) Fahnen geschmückt. Wir wachsen bilingual auf, wir wissen; was ‘Bier’ auf fünf verschiedenen Sprachen heißt. Die harte Arbeit unserer Väter ist die Basis unserer Leichtigkeit. Das wird uns in wenigen Jahren zwar zum Verhängnis werden. Aber wir sind Europäer. Wir haben uns bis jetzt aus jeder Scheiße wieder rausgezogen.

60 Jahre Gastarbeiter in Deutschland. Das war in unserer Familie lange kein Thema. Bis ich in die Schule kam und die Lehrerin meinen Namen nicht aussprechen konnte. Heute spreche ich mit Giovanni, der beim LIDL Regale einräumt, über die korrupte, italienische Politik. Im Sommer gehe ich für ein paar Monate zu meiner Freundin nach Bukarest. Wir werden die Polarlichter über Reykjavík verfluchen. Und zusammen ein bisschen einsam sein.

Mein Grundschulfreund, der Nazi


Lieber F.,

es ist lange her, dass wir uns gesehen haben. Jetzt sehe ich nur noch Updates auf deiner Pinnwand. War es schön in Oberbayern? Wie weit bist du mit deinem Gemüsegarten? Bist du immer noch in einer komplizierten Beziehung?

Wenn ich deinen Namen in meiner Timeline sehe, denke ich an vergangene Herbstnachmittage. Jene, in denen wir mit dem Fahrrad in den Wald gefahren sind, um eine Butze aus herumliegendem Holz zu bauen. Ich erinnere mich daran, wie ich bei dir schlafen wollte und meine Mutter mich nach einem Heimwehanfall abholen musste. Du hast nur drei Häuser weiter gewohnt.

Ich weiß, dass du die gelben Haribo Bären lieber magst als die Roten. Das hat dich zu einem Ehrengast auf Kindergeburtstagen gemacht. Dein Ranzen war meist dreckig, aber du konntest ihn immerhin am weitesten von uns in die Pfütze werfen. Die Postkarten, die deine Eltern dich zwangen mir aus Teneriffa zu schreiben, liegen in Kartons im Keller meiner Eltern. Wäre es nach uns gegangen, hätten wir uns nach den großen Ferien nur einen Handschlag gegeben. Wir hätten gesagt: “Und was machen wir heute?“ Wir haben nie zurückgeschaut.

Was ich in letzter Zeit von dir gelesen habe, macht mich wütend. Du hast den Edathy-Status von Jan Leyk geteilt, die Focus-Artikel, in denen die Flüchtlingskrise zu einer Invasion umgeschrieben wird. Du hast dich an einer Online-Petition gegen “Masseneinwanderung” beteiligt und die PEGIDA-Seite geliked. Mein Vater war selbst kroatischer Flüchtling und ist Jahre später als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Du hast mit ihm jeden Mittwoch Spaghetti gegessen; weißt du noch, wie du deine Hose bekleckert hast und er sie waschen und in den Trockner stecken musste, damit du zuhause keinen Anschiss bekamst? Du hättest es besser wissen können. Aber du hast dich dagegen entschieden.

Ich verstehe nicht, wie es dazu kommen konnte. Wir haben uns jeden Tag in der Schule gesehen. Wann haben dich die Lehrer dieser Welt in die rechte Ecke gestellt? Du hast immer noch zwei Bleistifte aus meinem Etui, die du mir im Sommer ’92 zurückgeben wolltest. Du hast noch immer meine Peter Pan CD, die du mittlerweile wohl juristisch ersessen hast. Du konntest jedes Disneylied auswendig. Jetzt schaue ich auf deine Pinnwand und weiß nicht mehr, wer du bist. Dabei warst du mein Sitznachbar in der Grundschule. Vier Jahre lang.

Es tut mir leid, dass ich nicht für dich da war. Es tut mir leid, dass ich dir nicht das Gefühl gegeben habe, dass du in dieser Welt einen Platz verdient hast. Vielleicht hätte das rechte Gedankengut sich niemals in deinem Herzen einnisten können. Es tut mir leid, dass ich dir nicht zugehört habe, als du vom Streit deiner Eltern erzählt hast. Wir waren Kinder, ich wollte keine Konflikte; auch ich hätte es besser wissen müssen. Meinen Kindern werde ich es mal so beibringen: „Behandelt eure Freunde anständig – aus ihnen könnten Rassisten werden.”

Ich werde dich bald anrufen. Ich will wissen, was in dir vorgeht. Die Festnetznummer deiner Eltern weiß ich noch auswendig. Erinnerst du dich an meinen Hamster Speedy? Er ist damals an einem Tumor gestorben. Heute ist die Welt genauso schrecklich. Und ich muss mit dir sprechen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät.

Veritaristan

Früher habe ich meinen Vater bewundert. Er hat dir immer ins Gesicht gesagt, was er denkt. Wenn ich ihm zum Beispiel einen Kinogutschein zu Weihnachten geschenkt habe, weil er so gerne Filme schaut, hat er gesagt: „Mag ich nicht. Ich will lieber Rasierwasser. Sage ich euch jedes Jahr. Ist das denn so schwer?”

Ich bin nach Italien gegangen, weil ich in einem Land leben will, in dem Ehrlichkeit noch eine Tugend ist. In der Notlügen, die little white lies, verpönt sind. In der ich sagen darf: “Ich mag dich nicht; ich will heute nicht; wie hast du das denn jetzt gemeint?”

In Deutschland ist der Wind der Ehrlichkeit in einen Orkan der Harmonie umgeschwungen. Diskussionen werden beschwichtigt, wenn einer zu laut wird. Wir werden heruntergeregelt mit moralischer Überlegenheit. „Man muss das doch sachlich klären können”, sagen die neuen Weisen.
“Man muss”, ein Relikt aus der Jugend unserer Eltern. Wir haben uns nie emanzipiert.

Niemand ist böse aufeinander, niemand schreit sich an. “Kann ich verstehen” – das Mantra unserer Generation. Heute leben wir in Zeiten der Überreglementierung. Wir filmen uns bei jeder Peinlichkeit, stellen Fotos eines abgelaufenen Joghurts vom Edeka ins Netz. Alles muss seine Ordnung haben. Fürs Fehlermachen haben wir keine Zeit. Man muss halt. Außer am Wochenende.

Wenn du einen Italiener fragst, ob er Lust hat mit dir was trinken zu gehen, eröffnet er dir ein Stakkato an Entschuldigungen. Er sagt dir, wie leid es ihm tut, aber er habe noch so viel zu tun. Und dann ist da noch diese ganze Arbeit, Herrgott diese verfluchte Arbeit, die bringt uns alle noch mal um. Eine Absage kommt einem Schuldeingeständnis gleich. Das erlaubt ihm sein Stolz nicht.

Wenn ich von der Arbeit komme, will ich auf dem Bett liegen und lesen. Will dumme Serien gucken, manchmal schreibe ich Tagebuch, um die Dinge rauszulassen, die mich bewegen. Für diese Stunden der Selbstmeditation musste ich hier Glaubenskriege führen. Ich musste kämpfen. Alleinsein ist ein Kriegsverbrechen. Ich müsste mir schon eine verdammt gute Ausrede einfallen lassen, warum ich lieber mit Bücherseiten zusammen sein will, als mit Menschen. Ehrlichkeit ist nicht erwünscht.

Es ist mir ein Rätsel, wie ich das dreißig Jahre lang übersehen konnte. Wie ich das Bild, das ich vom typischen Italiener hatte, jetzt revidieren muss. Ein Traum ist von mir gegangen. Auch hier habe ich nicht die Ehrlichkeit gefunden, die ich mir von dieser Welt erhoffe. Dabei meine ich nicht die schreiende, ungerechte Ehrlichkeit. Manchmal reicht es, dem anderen in die Augen zu schauen und aus tiefstem Herzen und ohne Rechtfertigung zu sagen: „Heute habe ich keine Lust.“ Um mich dann hinter der Buchseite zu verstecken.