Atemlos durch die Nacht

Sie hatte alles eingepackt. Verstaut in ihre Handtasche.
Eins für den täglichen Gebrauch, ein Tuch zum Abwischen. Wurde einfach reingesteckt und rausgezogen. Hatte sie sich alles erklären lassen. Nochmals las sie seine Nachricht.

Sie würde es heute endlich tun.

Sie betrat den Raum. Schuhe quietschten auf den Fliesen, Flüssigkeit klebte auf dem Boden.
Arme wurden ungelenk in die Luft gerissen. Haare, die verschwitzt auf den Häuptern auflagen: gleich würde sie die seinen bearbeiten.
Die Einladung hatte sie schon vor Wochen bekommen. Sie kannte mehr als die Hälfte der Gäste. Dennoch. Wer sollte sie jetzt noch aufhalten? Gleich würde sie das tun, worauf sie durch monatelangen Dauerbeschall vorbereitet war. Sie würde bis zum Äußersten gehen.

Ob sie die Handtasche abnehmen wolle?
Sie hielt diese umso fester an ihre Schulter gedrückt.
Ein Glas Cola Korn?
Ja. Ohne Cola, bitte.

Farben erhellten und verdunkelten abwechselnd die Gesichter der Anwesenden. Rötliches Licht streifte das ihre. Jemand ließ ein Glas fallen. Ein anderer lallte in ihr Ohr: lallte etwas, das sie an Urgeschrei erinnerte. Von der anderen Seite des Raumes – dort wo er gerade versehentlich einen Klappstuhl umgeworfen hatte – kam er auf sie zu. So nah, dass sie seinen Atem riechen konnte. Immer wieder nahm er von den Stehtischen abgestandene, in Flüssigkeit eingeweichte Salzstangen in sich auf.
Sie nahm derweil noch einen Schluck von ihrem Korn.

„Moinsen”, sagte er.
Sie nickte. Atmete durch. Ihre Herzschläge konnte sie nur vor sich selbst verbergen.
Er öffnete den Mund. Sie konnte seine Zunge sehen.
Dann fing er an zu singen. Laut und ohne Tongrundlage sang er die folgenden Zeilen:

Atemloooos durch die Nacht …

Sie griff in ihre Handtasche. Zog das Gerät heraus und schlug damit direkt in die Mitte seines Schädels. Eine Axt für den alltäglichen Gebrauch, so hatte es der Verkäufer angepriesen.
„Für jede Art von Holz geeignet“, hatte er gesagt. Sie war sich nicht sicher, ob der Verkäufer das hier gewollt hatte. Aber die Axt war ihren Preis wert; spaltete sie doch wirklich jedes Holz.
Sie schlug in einen anderen Schädel ein, der gerade noch gesungen hatte. Blut tropfte auf ihre Bluse und auf ihr Gesicht, das immer noch vom roten Licht gezeichnet war. Vier weitere kamen auf sie zu, wie Zombies, unbeirrt singend, und sie schlug auch auf jene Köpfe ein; immer weiter, bis die dreizehn Anwesenden allesamt übereinander lagen.
Gehirnmasse hing aus ihren Schädeln. Zwischenzeitlich konnte sie wegen des Bluts nicht mehr erkennen, wo noch Alkohol verschüttet lag, oder der eitrige Nachlass der einst so inbrünstig Singenden.

Als sie fertig war, stellte sie sich an den Tresen. Zog ihre Bluse zurecht. Trank den Rest des Korns. Atmete tief ein. Ein friedliches Gefühl überkam sie. Im Hintergrund hörte sie laut ertönen:

Wir sind unzertrennlich, irgendwie unsterblich …

Bevor sie den Raum verließ, warf sie einen letzten Blick auf die Leichen.

Die schönen Zeiten

Gefällt mir nicht; Sieht nicht aus; Drecks-Farbe.
Das waren nur einige seiner Argumente, die er anbrachte, um ihre Lampe nicht aufhängen zu müssen.
So machte er das jeden Sonntag. Seit ein paar Wochen. Sie hatte stattdessen schon seit Stunden überlegt, was sie – jetzt, da sie zusammen wohnten – eigentlich sonst noch miteinander verband.
Wenn sie sich in der Wohnung umschaute, überkam sie das beklemmende Gefühl, das jedes einzelne Möbelstück sie mehr voneinander trennte, als dass es sie zusammenführte. Als sie noch zwei Wohnungen gehabt hatten, war ihr zum Beispiel nicht aufgefallen, dass er auf einem Neunziger Jahre Trend hängen geblieben war: er sammelte leere After Shave Flaschen. Außerdem hatte er dreißig Paar Socken, wovon nicht eine – das schwörte sie – zur anderen passte.
Natürlich musste auch sie sich eingestehen, dass ihr Vogelkäfig, den sie seit ihr Wellensittich gestorben war als Dekorationselement begriff, bei ihm auch nicht den besten Eindruck hinterlassen hatte. Frauenmagazine, sortiert nach Datum und Jahr, erschwerten ihm den gemütlichen Sitz auf der Toilette; er fühlte sich buchstäblich von ihrer Weiblichkeit umzingelt.
Aber so war das, wenn sich zwei Menschen näher kamen: sie mussten erkennen, dass sie nicht nahezu so perfekt waren wie das Bild, das sie von sich aufrecht erhielten.

Regelmäßig trafen sie sich daher in einer Bar, um sich zu betrinken.
Außer-Haus-Date nannten sie das, aber eigentlich war es der verzweifelte Versuch, das hochzubeschwören, was sie anfangs so aneinander fasziniert hatte. Je später der Abend, desto ernsthafter der Streit. Dabei war es nicht etwa eine Kunst, sich die Wahrheit zu sagen, wenn man betrunken war. Überhaupt, dass man Alkohol dazu brauchte, um als Mensch aufrichtig zu reden! Nur um am nächsten Morgen beschämt aufzuwachen. Beschämt darüber, dass man sich hatte gehen lassen, gar losgelassen; dass man es einmal gewagt hatte, man selbst zu sein.
Vorauseilender Gehorsam, nannte sie das. Wenn die Erziehung der Eltern ins Erwachsenenleben reichte und der Kater einen jungen Menschen moralisch niederzwang. Ihre Eltern waren früh gestorben – seine waren unerträglich. Sie ertappte sich nicht selten bei dem Gedanken, wie es wohl wäre, wenn nur sie beide diese Beziehung führen würden, obwohl es rein faktisch von allen Seiten immer so beteuert wurde.
“Deine Mutter ist eine untervögelte Stasisau”, kam es da öfters betrunken aus ihr heraus.
“Und du übertreibst mal wieder.” Das war sein ständiger Vorwurf, der sie erst recht in Rage kommen ließ.
Aber lieber starb sie an Übertreibungen, als an allem Hass, den man als Mensch ständig zu unterdrücken suchte. Achtzig Jahre Unterdrückung mussten einen Menschen doch mürbe machen. Daran war sie nicht interessiert.

Als sie wieder ins Schlafzimmer kam, sah sie, dass die grüne Hektar angebracht war.
“Sieht komplett scheiße aus, deine Drecks-Hektar”, sagte er, schmiss den Schraubenzieher aufs Bett und verließ den Raum.
Sie folgte ihm ins Wohnzimmer und setzte sich neben ihn. Der Tatort hatte gerade angefangen und sie bildete sich ein, ihren verstorbenen Wellensittich im Käfig singen zu hören. Sie schüttelte den Kopf, lehnte sich an ihn. Die schönen Zeiten waren vorbei.

Die neue deutsche Sachlichkeit

In Zeiten des Internets sind Kritiker zu „Hatern“ geworden; eines der menschlichsten Gefühle – nämlich das Beschleichende, das etwas sich nicht richtig anfühlt – wird von der neuen Harmoniesucht ausgeschlachtet. Was aber, wenn niemand mehr etwas sagen darf?

Eine ganze Nation feiert ein künstlerisches Werk. Nicht lange lässt Kritik auf sich warten. Und das ist auch gut so. Welches Werk wird Bedeutung haben, wenn nicht eine Selektion und eine ehrliche Rezension ihre kritischen Augen darüber warfen? Marcel Reich-Ranicki war der Meister der Übertreibung, und er ließ dabei keinen Filter über seine Meinung fließen. Weil sie ehrlich war, authentisch, weil er ein Mensch war, der fühlte.

Eines wird in Internet-Diskussionen immer deutlich: im Grunde werden auch hier die Strukturen von Familienbanden reinszeniert. Da ist jemand, der es wagt auszubrechen; er gibt seinen vermeintlich negativen Senf ab – und die Harmonie ist gestört. Im Familienkreise wird diese überschwängliche Tante nicht ernst genommen, Freunde betiteln den offenkundig Emotionalen als „Dramaqueen“. Nur die Anhänger feiern ihn, sehen die tiefste, menschliche Emotionen als liebenswert, weil sie die Maskierung des ewig Rationalen niederreißt. Hinter jeder harschen Kritik steckt eine Verneigung vor der jeweiligen Disziplin. Niemals ist der Kritiker angetrieben von Gleichgültigkeit.

„Du bist doch nur neidisch“, ist dabei der niederträchtigste Vorwurf; er macht eine ehrliche Kritik an einem Sachverhalt nicht möglich, weil er über das Inhaltliche hinausgeht. Aber eben dieser Vorwurf hätte die Kraft Kritiker am Ende mundtot zu machen – wenn diese nicht in der Regel unharmonisch-denkende Menschen wären, und sich ihre Meinung nicht verbieten lassen würden. Sei es in der Politik, der Literatur, oder in der Familie: Meinung gehört zu einer tiefen Beziehung unweigerlich dazu.

Ein Problem entsteht immer dann, wenn ein Massenmedium oder eine wichtige Stimme in der jeweiligen Disziplin, die es zu kritisieren gibt, entscheidet, dass negative, menschliche Gefühle keiner Anerkennung bedürfen. Die „How to“-Gesellschaft zelebriert grenzenloses Lachen, positive Zenit-Reaktionen, die Suche nach der inneren Harmonie. Das ist der erlaubte Konsens, in dem der Mensch sich bewegen darf. Empörung, Wut, und Neid gilt es auszurotten, wer nichts Nettes zu sagen habe, der sage lieber gar nichts. Dass dabei die Auseinandersetzung mit einem negativen Gefühl auf der Strecke bleibt, dass hierbei der Übermensch als jener angesehen wird, der über allem steht, der sich altruistisch an jedem Kunstwerk, jeder Diskussion, an jeder Unzulänglichkeit ergötzt, wird dem Bild, was Nietzsche damit erschaffen wollte, nicht gerecht. Auch Hesse erkannte in seinem Jahrhundertwerk „Steppenwolf“, dass der Mensch zwei Seiten habe, und wer die eine nicht anerkenne, der sei der anderen nicht würdig.

Unsere einseitig-harmonische Weltsicht kommt gar einer Gleichschaltung nahe. Was alle für richtig befinden, das muss jeder anerkennen. Wer das nicht tut, der ist vogelfrei, auf den wird – besonders in sozialen Netzwerken – mit Hass und Missgunst hinab gespuckt. Aber steckt in eben dieser Reaktion nicht auch Neid? Ist man nicht auch neidisch auf denjenigen, der es sich traut, gegenüber Tausenden von Gegnern seine Meinung kundzutun, auch wenn sie nicht dem Konsens entspricht?

Rebellion gehört unserer Vergangenheit an. Wer als 20-jähriger Contenance in einer Diskussion fordert, ist in der neuen deutschen Sachlichkeit angekommen. Eben jene, die positive Gefühle anerkennt, aber Negativität aus dem menschlichen Repertoire streichen will. Die Selbstkritik nur soweit zulässt, dass sie nicht weh tut. Ehrlichkeit gilt in diesen neuen Zeiten als Schwäche. Aber es gilt auch der Leitsatz “Haters gonna hate”.

Und lasst euch in diesem Gefühl niemals beirren.

Ein Auto voller Frauen

„Also, wenn es euch nichts ausmacht, dann würde ich vorschlagen, wir fahren in Richtung Norden”, sagt Saskia.
„Schöne Idee”, sagt Ute.
„Ja”, sagt Elke.
„Finde ich auch gut”, sagt Hannah.
Saskia steckt den Schlüssel in die Zündung. Sie zögert. Atmet durch.
„Allerdings könnten wir auch Richtung Süden fahren, also nur, wenn da alle mit einverstanden sind, meine ich natürlich.“ Sie winkt ab. „Ach, aber eigentlich ist mir auch alles recht.“
Ute lehnt sich in ihrem Sitz von der Rückbank mit dem Oberkörper leicht nach vorne.
„Nehmt mir das jetzt nicht übel, also ich meine das überhaupt nicht böse oder so, aber – im Westen soll es prinzipiell auch schön sein. Aber ich will da jetzt niemandem zu nahe treten, ich hatte es nur mal so aufgeschnappt. Muss ja auch nicht stimmen.“
„Das habe ich auch schon gehört. Ich kann auch total verstehen, wenn da jemand anderer Meinung ist, eigentlich müssen wir da auch nicht hin. Nur, wenn das alle wollen“, sagt Elke.
„Ist das auch okay für dich, Sassi?“, fragt Hannah.
„Für mich? Jaja, natürlich. Alles was auch für euch okay ist.“
„Ach Quatsch, du sollst doch auch mit in die Entscheidung eingebunden werden”, sagt Ute.
„Ich kann mich aber einfach nicht entscheiden.“
„Oh ja, das kenne ich auch”, sagt Hannah.
„Das ist ganz schlimm, diese Entscheidungsschwierigkeiten”, sagt Elke. „Und man kann es ja auch nicht allen recht machen.“
Einstimmiges Seufzen.
„Also, im Prinzip klingen doch auch alle vier Richtungen toll“, sagt Ute.
„Ich persönlich kann mit dem Süden allerdings nicht soviel anfangen. Aber natürlich kriege ich das auch irgendwie hin, wenn alle jetzt hier, also wenn das jetzt rein demokratisch …“
„Also ich war letztes Jahr dort und es war eigentlich ganz nett”, wirft Elke mit ein.
„Echt?“, fragt Hannah.
„Nein, also wenn das so ist, dann lasse ich mich gerne vom Gegenteil überzeugen.“
Saskia lässt den Motor an. Es brummt und brodelt unter der Motorhaube. Dann lässt sie ihn mit einer Handdrehung wieder absterben.
„Aber ist ja jetzt irgendwie auch doof, wenn ich das entscheide.“ Saskia dreht sich um. „Also jetzt mal ehrlich, was sagt ihr denn dazu?“
„Ganz ehrlich? Mir wäre der Westen sehr, sehr genehm“, sagt Ute.
„Mir der Süden“, sagt Elke, während sie aus dem Fenster schaut.
„Ich richte mich da total nach euch. Vorrangig bin ich aber durchaus östlich interessiert”, sagt Hannah.
Saskia lässt den Motor wieder aufheulen.
„Fahren wir also in den Norden.“
„Okay“, sagt Ute.
„Okay“, sagt Elke.
„Okay“, sagt Hannah.
Alle vier Frauen in dem Auto schnallen sich nacheinander an. Saskia dreht sich wieder zu dem Lenkrad, während der Motor läuft. Dann lässt sie die Schultern sinken.
„Ach, irgendwie fühle ich mich auch nicht wohl dabei, so über eure Köpfe zu entscheiden.“
Sogleich folgen drei Hände, die liebevoll und sanft über ihre Schultern streichen.
„Nein Sassi, das brauchst du dir nicht zum Vorwurf machen, das ist völlig okay. Man kann auch nicht immer nur an andere denken. Du musst da auch ganz klar an dich denken. Einfach mal Egoist sein”, sagt Ute.
„Ja, das kann ich total verstehen, dass dich das überfordert”, sagt Elke.
„Ich auch. Total”, sagt Hanna.
„Wir müssen eigentlich auch nirgendwo hin, wenn ich es mir so ganz genau überlege“, sagt Ute dann.
„Genau, dann fühlt sich am Ende auch keine von uns hintergangen”, sagt Elke.
Die vier Frauen in dem Auto lachen vergnügt.
„Dann bleiben wir hier, machen es uns dieses Wochenende einfach hier schön?”, fragt Hannah.
„Es war aber auch alles viel in letzter Zeit“, sagt Saskia. Ihre Stimme klingt plötzlich hoch und piepsig. „Also jetzt emotional, meine ich.“
Die drei Frauen pflichten ihr bei und nicken verständnisvoll.
„Das kenne ich. Das geht ganz schnell und dann ist wieder alles viel zu viel geworden. Lasst und bleiben. Besonders, wenn es der Sassi jetzt nicht so dolle geht. Da müssen wir jetzt alle Rücksicht nehmen … also nur, wenn es euch allen recht ist. Ich will da auch jetzt keinem …“
„Total recht”, sagt Elke.
„Ganz recht, ja”, sagt Hannah.
Saskia lässt den Motor wieder an. Ihre Hand sinkt zum Sitz, der Schlüssel baumelt in der Luft.
„Aber eigentlich ist der Norden ja auch wirklich ganz schön“, sagt Saskia.
„Das stimmt“, sagt Elke.
„Dann geht es jetzt in den Norden?”, fragt Hannah.
„Prinzipiell eine sehr, sehr schöne Idee”, beginnt Ute wieder. “Man muss aber auch bedenken …”

Ich suche Streit

Jedes Mal, wenn ich den Telefonhörer abnehme, verinnerliche ich den Vorsatz, nicht auf Biegen und Brechen eine Einigung zu erzielen. Konflikte aushalten, das ist die Devise, mein weiblicher Selbsterfahrungstrip, raus aus dem Schoß der Mutter Theresa, rein in die Unberechenbarkeit der Nina Hagen. Das ist das höhere Ziel.

Jeder, der mich kennt, wird verwundert den Kopf schütteln, da er bei mir die typischen weiblichen Harmoniesuchtanzeichen nicht erkennen mag, und jeder, der mich besser kennt, weiß um diese – und wie sehr ich darunter leide. Je näher mir die Menschen stehen, desto schwerer fällt es mir, sie anzugreifen. Weil ich loyal sein will, weil ich sie nicht verraten kann. Aber das ist der falsche Ansatz. Ein sicheres Zeichen von Illoyalität ist immer und unbestreitbar: Unehrlichkeit.

Ich habe dieses Jahr zum Geburtstag ein Pippi Langstrumpf Buch geschenkt bekommen. Besser hätten meine Freunde meine derzeitige Gefühlslage nicht treffen können. Denn mir fehlt sie irgendwie, die Pippi Langstrumpf in mir. Diejenige, die getrost das letzte Stück Kuchen an sich reißt, weil alle anderen es aus Anstandsgründen ablehnen würden. Diejenige, die sich auch mal herrlich streitet, ausrastet, zu ihrer Meinung steht und den erbitterten Kampf um die unbedingte Harmonie beiseite schiebt, um endlich mal echte Gefühle zu zeigen. Noch lebt sie in mir – fragt sich nur, wie lange?

Denn um mich herum sehe ich Menschen in meiner Generation, die brav ihren Lebenslauf abstottern, die Sicherheit und Treue als höchste Tugend sehen, die ihren Chef wieder siezen, weil sie meinen, das würde Respekt erzeugen, und die Sachlichkeit und Redebereitschaft fordern, selbst wenn einem gerade höchstes Unrecht angetan wurde. Menschen, die sich vor jedem Satz entschuldigen, weil sie Angst haben, er könne von der anderen Partei falsch aufgefasst werden. Ich sehe Smileys vor mir. Sie sind überall.

Ich glaube in jedem von ihnen steckt noch eine kleine Pippi Langstrumpf oder, als männliches Pendant, ein kleiner Michel aus Lönneberga. Eine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten. Jedenfalls ein Lindgresches Muster an Beispiellosigkeit. Integrität scheint uns wichtiger als ein eigenes Standing. Der tiefe Status und das neoliberale Duckmäusertum hat den gesunden Egoismus und den zynischen Charakter abgelöst; das böse, böse Ehrliche in uns wird ausgerottet, damit wir alle gemeinsam funktionieren. Nur tun wir das leider nicht mehr. Aber das würde ja öffentlich keiner sagen.

Emotionalität gilt als Schwäche oder im besten Falle als niedliches Accessoire.
“Aber diese Seite lieben wir ja so an dir”, sagen Freunde und Verwandte. Dass sie diesen als Teil einer Persönlichkeit auch respektieren, scheint außer Frage zu stehen. (Ja, ich werde gerade ungerecht, und ich liebe es!)
Wer emotional ist, wird zur Strecke gebracht, wer sich mit der Kassiererin streitet, oder dem unfairen Onkel die Meinung pfeift, wird zur Ordnung gerufen. Schuld ist dann nicht der, der das Unrecht tut. Sondern der, der es ausspricht. Um jeden Preis die Harmonie erhalten, auch um den, dass unsere Beziehungen niemals die Tiefe erreichen werden, die ihnen gebührt.

Wir müssen nicht immer jede Seite verstehen. Wir dürfen auch im herrlichen Unverständnis dünkeln, ein paar Monate nicht mehr mit Freunden reden, weil wir wütend sind, um uns dann umso herzlicher und in tiefer Liebe wieder in die Arme zu fallen. Hören wir nicht auf die in und neben uns, die uns ruhig stellen wollen mit leeren Phrasen aus der NEON – kitzeln wir auch in ihnen die Pippi Langstrumpf hervor. Durch Lautsein, durch Farbbekennung, durch Vulgarität. Durch uns, so wie wir sind.

Anmerkung: Viele werden diesen Artikel vermutlich als zu radikal oder einseitig empfinden. Dazu möchte ich mit Nachdruck anmerken: Mir doch egal. Ätsch.

Die vorherrschende Ethik

Es musste schnell gehen. Anton steckte die Karte in den Türschlitz und wartete auf das Piepen.
Sie lag noch immer, wie sie vor Stunden gelegen hatte: auf dem Rücken, ihre Brüste in die Höhe ragend, Haarsträhnen auf ihren winzig kleinen Nippeln, die wie zu groß geratene Nagelköpfe aussahen. Der dunkle Teppich mit den goldenen Sonnenmustern war unbefleckt geblieben, obwohl Blut aus ihrer Mundhöhle floss. Seit Stunden floss es, aber sie lebte nicht mehr, konnte nicht mehr leben, das sprach gegen jedes anatomische Gesetz.
Anton hatte einen Eimer unter der Bahre installiert, die im Raum stand wie eine Massageliege. Er schaute auf seine Hände. Er hatte den Fehler gemacht seine Handschuhe vor dem Gebäude in einem Gestrüpp liegen zu lassen. Aber es war nicht anders gegangen, sie hatten ihn gejagt, zwei Männer mit tiefdunklen Brauen waren hinter ihm gerannt und hatten mit Schlagstöcken in der Luft herumgewirbelt. Er mache brilliante Kunst, so hatten sie es ihm am Telefon mitgeteilt, aber dennoch wollte er ihnen nicht seinen Aufenthaltsort verraten. In jedem Schmeicheln muss der Vorausschauende auch die wahre Absicht erkennen.
Dass sie hinter ihm her waren, war gut. In seiner Arbeit war es wichtig, dass immer jemand hinter ihm stand und ihn forderte, ihn jagte, ihn zur Strecke brachte. Kein Werk kann wirklich bahnbrechend sein, wenn man dafür nicht getötet werden könnte.

Er schaute aus dem Fenster auf die Stadt. Die Beleuchtung war ausgefallen und nur wenige der Lichter an den Gebäuden flackerten kurzzeitig auf. Geplant gewesen war das nicht, eher ein großzügiges Spiel des Zufalls. Ein Sturmtief in Deutschland dieser Art, wann war es das letzte Mal dazu gekommen, dass dabei Menschen starben? Nicht etwa durch seine eigene Hand, wie üblich, sondern durch die des wahren Schöpfers. Schließlich hatte er selbst nicht unbedingt eine offizielle Berechtigung zum Töten.
Es klopfte.
“Hast du alles dabei?”
Julius antwortete nicht. Als er in den Raum eintrat, erbrach er auf dem Fußboden.
“Du weißt, dass da deine DNA drin ist?”
Er wischte sich den Mund ab.
“Entschuldigung”, sagte er dann, aber sein harter Gesichtsausdruck in Richtung Fenster verriet, dass er es nicht ernst meinte.
“Fang an”, sagte Anton.

Julius nahm den Eimer und hielt ihn unter die Liege, um das Blut aufzufangen, so wie man einen Staubsauger unter den Bohrer hielt, wenn man ein Loch in die Wand bohrte. Erst dachte er, dass Julius sich unentwegt auf die Zähne biss, aber dann begriff er, dass das dumpfe Geräusch in dem Raum daher kam, dass er bei ihren Knochen angelangt war. Draußen stürmte es, ein Fenster ruckelte in seinen Scharnieren. Der Fernseher lief, das beruhigte ihn bei der Arbeit. Nichts war ihm dann lieber als eine Sendung mit übergewichtigen Menschen, die ihre Probleme der Gesellschaft mitteilten. Er wurde erregt, wenn er auf dem Bildschirm in ihre erbärmlichen, winselnden Gesichter schaute und dabei Haut zurechtschnitt, er glaubte, ganz nah an einer crossmedialen Kunstform zu sein, die weit über das moralische Verständnis der vorherrschenden Ethik hinausging. Und die wechselte täglich. Wahrlich eine Kunst war es, ihr immer einen Schritt voraus zu sein.
“Du musst an den Innenwänden aufpassen, da ist die Haut am Hartnäckigsten”, sagte er.
“Werde ich mir merken”, sagte Julius, aber sein Blick auf den Fernseher verriet Anton, dass diese Information geradewegs an seiner Großhirnrinde vorbeigehuscht war.
Er zügelte sich. Diese Gedanken waren nicht besonders förderlich. Er unterschätzte den Jungen regelmäßig. Den letzte Lehrling, den er nicht ernst genommen hatte, hatte er aufgrund unüberwindbarer Differenzen wegschaffen müssen.
“Nimm du kurz die Pfeile”, sagte er und ließ Julius dabei nicht aus den Augen.
Anton ging zum Lichtschalter und drehte das Licht wieder hoch. Wichtig bei dieser Arbeit war, dass sie ausreichend beleuchtet wurde. Er sah, dass ihre schwarzen Haare auf dem Boden verteilt lagen, nur das Blut war unter der Bahre sauber von seinem Lehrling eingefangen worden; der Junge konnte wirklich viel besser den Eimer halten, als er dachte. Er atmete durch und ging zurück zu der Leiche. Sie war das größte Opfer, das er in seiner Karriere hatte bringen müssen.

Als sie die Arbeit beendet hatten, ging er ein paar Schritte zurück und betrachtete sein Werk aus der Entfernung. Julius war unter der Bahre eingeschlafen, den Eimer in der Hand. Die Lichter der Stadt leuchteten wieder über ihr, scheinbar keinen Schritt konnte die Stadt ohne sie tun. Das hatte ihnen einen zeitlichen Vorteil verschafft. Von hier oben sah es so aus, als seien Bäume auf die Straße gefallen, aber das konnte nur bedingt wahr sein: Er wusste um seine ausufernde Fantasie.
Anton zog den Schlafenden hoch.
“Wie findest du es?”, fragte er.
“Besser als beim letzten Mal.”
“Nein. Du wirst besser.”
Julius nickte.
“Wollen Sie sich von ihr verabschieden?”
“Nonsens”, sagte Anton.

Die beiden Männer mit den tiefschwarzen Brauen betraten das Zimmer.
Ein kühler Wind wehte ihnen in die Hemdsärmel. Das Fenster stand weit offen und die ersten Sonnenstrahlen legten sich auf dem Frauenkörper nieder, der immer noch in der Mitte aufgebahrt lag. Die Männer wurden geblendet und mussten einige Sekunden warten, bis sich vor ihnen das volle Bild erstreckte: ihr Kopf war kahl rasiert, Hände und Gesicht intakt geblieben. Einzig aus der Magengegend ragte eine Art von Seerose heraus, die aus Beinen und Füßen geschnitzt worden war. Sie schien zu lächeln.
“Es ist perfekt”, sagte der erste Mann.
Die beiden setzen sich auf das Bett, um sie genauer zu betrachten.
“Es ist immer noch Mord”, sagte der andere.
“Melden wir es?”
“Was willst du sonst machen, eine Ausstellung organisieren?”
Die beiden Männer lachten. Aber jeder hing dem Gedanken noch ein wenig nach.
Dann machten sie sich an die Arbeit.

Horizont

Ich schreibe diesen Text auf meinem Macbook Pro, trinke dabei einen Ingwer-Fenchel Tee und esse ein Croissants, beschmiert mit Bon Maman Feigenmarmelade. Neben mir steht ein Bett, bezogen mit warmer Biberbettwäsche und zwei bis drei Diogenes Romane; gebundene Ausgaben.

Ich schaue aus meinem Fenster direkt in die Wohnung eines Nachbarn. Ich erkenne es nicht richtig, aber ich glaube dort hängt ein – echter oder gefälschter – Monet an der Wand. Eine riesige, orangenfarbene Designerlampe ragt in den Raum hinein, auf einen verglasten Schreibtisch, auf dem Stifte und Blätter gleichmäßig verteilt sind. Es scheint genug davon zu geben.

Ich gehe auf die Straße und sehe Menschen, die dicke Wintermäntel tragen und Stiefel mit Woll-Einlage. Ich sehe vor meiner Haustür einen Mini, in den meine Nachbarin gerade einsteigt. Ich grüße sie mit der Hand, an dem ein silbernen Ring aufblitzt. Hinter dem Mini steht ein rotes Hollandfahrrad, an einem dicken Eisenschloss befestigt, vor einem Mietshaus, in dem Menschen leben, in dem Heizungen stehen und warmes Wasser läuft. Es wird Winter.

Ich gehe in den Rewe um die Ecke und sehe Obst und Gemüse, von jeder Sorte etwa fünfzig Stück.
Daneben etwa zehn Brotsorten, jedes Regal droht an der Menge der Produkte auseinanderzubrechen.
Ich sehe Kinder, die an den Händen von Müttern hängen, die Spangen im Haar tragen, die in der Vegan-Abteilung auf den Humus zeigen und „das da“ zum Abendbrot wollen. Eine alte Frau läuft mir in die Hacken, sie entschuldigt sich nicht, weil ihr Blick bei dem Käse hängen geblieben ist, der ihr hier in über sechsunddreißig Sorten angeboten wird. Für welchen wird sie sich entscheiden?

Zugegeben, Entscheidungen sind nicht einfach. Aber die Entscheidung, Flüchtlinge wieder zurück in ihr zerrüttetes Heimatland zu schicken, ja gar gegen sie zu demonstrieren; einfach gegen sie zu sein, weil man meint, es sei nicht genug für den deutschen Bürger da – das ist für mich eine Entscheidung gegen die Humanität. Und somit eine wesentlich wichtigere, als jene, welchen Käse ich heute kaufe, welchen Laptop ich mir als Arbeitsgerät anschaffe, welchen Wintermantel ich anziehe, damit er zu meinen pinkfarbenen Schuhen passt.

In einer Gesellschaft, die den Überdruss nicht nur gewöhnt ist, sondern ihn auch mit ihrem Leben verteidigen würde, ist es umso wichtiger ein Zeichen zu setzen. Mein Horizont endet dabei eben nicht in diesem Land, sondern geht hinaus, bis in die ganze Welt.

Sag mir, wo endet deiner?

Neuntausenddreihundertdreiundvierzig Glühbirnen

„Ja, ich bin dabei.“
Sie strich den Satz wieder, sie klickte solange auf der Taste, bis alle Buchstaben auf dem Bilschirm verschwunden waren.
„Ich weiß es noch nicht. Eventuell“, schrieb sie und diese Antwort gefiel ihr schon besser, aber es war nicht treffend genug, nicht unauffällig genug.
„Weitere Details gebe ich dir per SMS bekannt.“
Das Licht der Tischlampe fiel auf ihren Papierblock, auf dem sie handschriftlich alle Möglichkeiten der korrekten Wiedergabe durchgespielt hatte, aber es fühlte sich immer noch nicht richtig an.

Sie stand vor dem Regal in dem Supermarkt, zwanzig Minuten von ihrer Wohnung entfernt, früher war sie noch zu dem bei ihr um die Ecke gegangen, heute war sie nicht mehr sicher.
Es war kalt in den Reihen, zu lange stand sie schon vor dem Kühlregal. Sie griff nach der Milch, stutzte aber dann und griff nach dem Sahnejoghurt. Nein, statistisch gesehen war dieser von 34365 Terroristen gekauft worden, kurz bevor sie einen Anschlag verübt hatten – oder verüben wollten. Diese Information hatte sie aus dem Internet, das Hauptmedium aller Information, nein sie konnte keinen Sahnejoghurt kaufen, unmöglich war das.
Irische Butter, das war besser. Irische Butter war unauffällig, die Iren waren ja meist nur mit sich selber beschäftigt; das würde noch gehen. Sie konnten dann auf ihrem Bankkartenbeleg eine Summe von 1,89 Euro einsehen, eine Summe, die noch niemandem Schaden zugefügt hatte. Anders war das bei 2 Euro 12 zum Beispiel. Mit 2 Euro 12 hatte so mancher Staatsfeind seinen Schabernack getrieben. Irische Butter und vielleicht noch etwas Weißbrot.
Ja, heute war sie mutig.

Sie lachte laut, verstummte aber sofort wieder. Die Wände in der Wohnung waren hellhörig.
Sie hatte die Gardinen geschlossen und kein Tageslicht drang mehr ein. Nur das Licht des Fernsehers, das immer seine Farben wechselte, kroch bis zu ihren Füßen vor.
Sie schaltete von einem Sender zum anderen, bei keinem wollte sie zu lange verweilen, wachsam musste sie bleiben, wachsam gegenüber den Sendern und deren Inhalten. Eine Zeitlang hatte sie Fernsehzeitschriften ignoriert, jetzt waren sie wieder von höchster Bedeutung für sie geworden. Nein, unmöglich konnte sie länger als fünf Minuten auf Phoenix hängenbleiben oder auf Arte. Am Ende würden sie sie noch als kritischen Akadmiker entlarven, unangenehme Fragen würde man ihr stellen. RTL, ja vielleicht sogar noch das ZDF, das war massentauglich, das war genehm, hier erlaubte sie sich das Genießen einer ganzen Serie am Abend, auch wenn es dieser Tage riskant war, überhaupt etwas zu genießen.

Sollte sie den roten oder den blauen Schlafanzug anziehen? Es mussten klare Farbverhältnisse geschaffen werden, alles andere verriet eine Unruhe in seinem Träger und Unruhe war ein potentieller Nährboden für kriminelle Energie. Sie würde einfach nackt schlafen, denn nackt fühlte sie sich doch, wann immer sie auf die Straße ging und auch in ihren eigenen vier Wänden kannte man sie bereits. Besser war es da doch, sie trug, sagte, dachte garnichts mehr.
Krebste herum wie eine halbtote Nacktschnecke, auf die jemand getreten war, der aber nicht den Mut gehabt hatte, sie endgültig von ihrem Schmerz zu erlösen.
Sie erlöschte das Kerzenlicht auf ihrem Nachtschrank. Im letzten Jahr noch hatten 9343 Terroristen geheime Botschaften in Glühbirnen versteckt und zu denen wollte sie nun wirklich nicht zählen. Eigentlich war es doch auch ganz schön, wenn man so im Kerzenschein daliegen konnte, einen auf Retro machen; Gott, wer brauchte denn schon Glühbirnen? Sie sicherlich nicht.
„Was für ein cleverer Zug von mir“, dachte sie noch, kurz bevor sie einschlief.
Einzig und allein der menschliche Schlaf, der war noch unauffällig in diesen Zeiten.

Havanna

Ein amerikanischer, blauer Chevy nebelt uns mit schwarzen Abgasen ein. Zwei ältere Frauen diskutieren lautstark auf einer Parkbank. Als wir länger an einer Ampel stehen, sehen wir neben dem Parque Central riesige, kolonialische Gebäude, die dem Anblick europäischer Hauptstädte in nichts nachstehen. Wir gehen an dem Capitolio National vorbei. Ein Hund mit einem halb abgebissenen Ohr läuft neben uns her. Eine Prostituierte zieht einem Jugendlichen die Hose herunter und begutachtet, was auch immer sich darunter verbirgt; ganz ohne Scham. Die Polizei steht nur wenige Meter daneben.
Wir sind in La Habana. Es ist die letzte Station unserer Reise.

Wir checken in ein casa particulares im Stadtteil Old Havana ein. Da wir nicht mehr in der Provinz sind, kostet das Zimmer 35 CUC die Nacht. Auch hier ist diese Art von Unterkunft eine günstige Alternative zu den Sternehotels. Unser Zimmer hat pinkfarbene Wände und einen kleinen Kühlschrank, in dem wir unseren letzten Rum verstauen. Aus unerklärlichen Gründen haben wir es uns auf der Reise angewöhnt, uns schon um zehn Uhr morgens einen cuba libre zu genehmigen. Nenne man es die Vorstufe zum Alkoholismus – in Kuba nennen wir es eine gesunde Einstellung zur Integration.

Mit einem Wagen des staatlichen cubataxi fahren wir am Nachmittag aus der Stadt heraus. Wir wollen nach San Francisco de Paula, Hemingway’s Finca besichtigen. Auf diesen Teil der Reise hatte ich mich schon seit Tag 1 gefreut und heute sollte ich die vielleicht berühmteste Schreibmaschine der Welt zu Gesicht bekommen. Der Fahrer fährt uns auf das Anwesen. Ein Trecker ist willkürlich in dem anliegenden Wald abgestellt worden. Wir folgen den Treppenstufen hinauf zur Finca. Alle Fenster sind weit geöffnet, aber in das Haus dürfen wir nicht. Es ist mit Stoffbinden abgesperrt und ich wage einen Blick hinein. An den Wänden hängen unzählige Jagdtrophäen, sogar Elche und Wildschweine gaffen zu uns herunter. Bücher und Magazine sind ordentlich in ein Regal eingereiht und ein charismatisches Bild des Schriftstellers, der die amerikanische Literatur revolutionierte, hängt über dem Alkoholschrank. Die Zimmer sind ordentlich und sauber hinterlassen worden. Mochten die anderen Touristen doch an seine Reinlichkeit glauben, ich hatte schon immer den Tumult seines Herzens zwischen den Zeilen herausgelesen.

Anliegend an das Haus liegt ein Turm von etwa zehn Metern Höhe. Von hier oben kann man in der Ferne La Habana erkennen. In der Mitte des kleinen Raumes steht ein schwerer Holzschreibtisch. Darauf: Hemingway’s Schreibmaschine.
Zuhause hatte ich mir ausgemalt diese einzustecken und damit unbemerkt das Land zu verlassen; ja ich war bereit, deswegen fortan im Exil leben zu müssen! Aber auch hier wird uns der Eintritt verweigert und eine Kubanerin, die den Turm bewacht, fragt uns freundlich, ob sie denn wenigstens mit unserer Kamera ein Foto von der Schreibmaschine machen solle.
„Si si, gracias“, sage ich und nachdem sie fertig ist, bittet sie uns um ein „presenta“; sie will Geld für ihre Dienstleistung haben, die sie uns eben selbst auferlegt hatte.
„Warum hast du ihr wieder Geld gegeben?“, fährt mein Freund mich später an.

Auf der Rückfahrt in die Stadt denke ich darüber nach, ob ich in einem Land leben könnte, in dem ich meinem eigenen Nachbar nicht vertraue. Schon das lockere Gespräch auf der Straße ist mit Geldausgaben verbunden und in jedem Häuserblock gibt es einen sogenannten presidente, ein Mann der Partei, der dafür sorgt, dass jeder regimekritische Kubaner innerhalb kürzester Zeit aus der Nachbarschaft verschwindet.
Eine starke Nation wie Deutschland mit einem armen Land, das sich seit den späten Fünfzigern auf der Revolution ausgeruht hatte zu vergleichen, erscheint mir dennoch nicht richtig.
Die Menschen hier sind ausgebeutet, mundtot, gar dumm gemacht worden. Die wahre Revolution in den Köpfen scheitert an ihren eigenen Gedanken.

Im El Floridita, das die Kubaner als Hemingway’s Lieblingsbar feiern, trinken wir am Abend einen überteuerten Daquiri. Wir treffen auch hier ausschließlich auf Touristen. Die Vorhänge sind aus rotem, schweren Samt; die Theke mit eingebauten Lichtern verziert.
„Hemingway würde sich im Grabe umdrehen.“ Ich stelle den Daquiri von mir weg. “Er hat immer für die Wahrheit geschrieben.”
„Du nimmst das alles viel zu ernst“, sagt mein Freund.
„Macht dich denn diese Touristenscheiße nicht langsam wahnsinnig? Die verkaufen uns das Land als das Paradies auf Erden, dabei fällt es jeden Moment auseinander.”
„Jetzt sei keine Dramaqueen“, sagt mein Freund und dreht sich zu der Band auf der Bühne vor uns, „wir haben schon viel zu oft darüber geredet.“
Dramaqueen. So betitelt der Mensch andere Menschen, die eben nicht nur vermeintlich locker über den Dingen stehen und jegliche Art von Gefühl hinter einer lachenden Fassade vergraben. Es ist die perfekte Aushebel-Wortschöpfung, die die Gefühle des Gegenübers lächerlich machen soll, so dass er seinen eigenem Handeln nicht mehr vertrauen kann.
Eine unbedachte Aussage meines Freundes – und ich konnte den kubanischen Landsmann plötzlich viel besser verstehen. Wie oft waren ihm wohl seine Gefühle verboten worden?

Ich nehme meine Tasche und gehe. Als ich die Bar verlasse, die Klänge der karibischen, erzwungenen Gute-Laune-Musik noch im Ohr, übergibt sich ein betrunkener Kubaner direkt vor meinen Füße. Etwa acht Taxifahrer fragen mich, ob ich bei ihnen mitfahren will und ein Mann in einem weißen Hemd reicht mir die Karte eines Restaurants.
„Jetzt nicht!“, rufe ich. Der wochenlange Mangel einer Privatsphäre hat mich nervös gemacht.
Mein Freund steht jetzt wieder hinter mir und fasst mich an die Schulter.
„Was ist denn dein Problem?“
„Ich weiß es nicht“, sage ich wahrheitsgemäß, „ich fühle mich hier einfach nicht wohl.“
Ein Kubaner in einem orangenen Shirt und fehlenden Zähnen stellt sich neben uns.
„Don’t worry, be happy,“ sagt er und als wir allmählich wieder darüber lachen können und ihm für seine Offenherzigkeit danken wollen, hält er seine Hand auf. Auch diesen Rat sollen wir bezahlen.

Später setzen wir uns mit unserer Flasche Rum an den Malecon und schauen der Sonne dabei zu, wie sie langsam untergeht. Hinter uns sieht man die historischen Kolonialgebäude und weiter dahinter die bröckelnden, unfertigen Steinhäuser, in denen das echte Kuba mit all’ seiner Armut und Verzweiflung wohnt. Niemand hatte uns vorher über die Schattenseiten aufgeklärt. Wir waren zu naiv gewesen, um Kuba als das zu betrachten, was es war: ein Land, in dem politische Tyrannei seine Bewohner zu Maden macht. Maden, die der Partei hinterher kriechen, um irgendwann trotzdem von ihnen ins offene Meer geschmissen zu werden. Der Hass auf uns Touristen, die in klimatisierten Bussen herumkutschiert werden, ist uns verständlich, aber er hat manch’ einen Kubaner seinen Stolz vergessen lassen.

Nicht ein Reiseführer hat uns über das Elend aufgeklärt. Eher hat man uns bunte, amerikanische Wagen und alte Männer, die Zigarren auf Parkbänken rauchen, gezeigt. Kinder, die mit teuren Fußbällen auf restaurierten Straßen spielen. Weiße Frauen, die an endlosen Sandstränden spazieren gehen.
Aus diesem Grund ist dieser Reisebericht entstanden.

Denn das ist nicht die Wahrheit.

Trinidad


Wir lassen unsere Rucksäcke auf das frischbezogene, aber harte Bett fallen. Wir haben einen guten Preis ausgemacht mit der Mama des Hauses und können für 20 CUC die Nacht in dem kleinen Privathaus schlafen. Um in unser Zimmer zu gelangen, müssen wir erst über ein Hausdach steigen. Es ist mit undichten Brettern festgemacht und die Ziegel sind mit Moos bewachsen.
Von hier aus können wir die Stadt sehen. Ihre Häuser sind rot, blau, grün, gelb und die meisten haben Ziegel verloren. An Wäscheleinen hängen Unterhosen, Kleider und Teddybären, dahinter verfärbt sich der Horizont langsam violett und kaum eine Wolke ist am Himmel zu sehen. Es ist schon fast dunkel als wir ankommen, und das erste Mal auf unserer Reise stellt sich ein Gefühl der Aufregung ein: die süßliche Luft und die in verschiedenen Farben bemalten Häuser, die zutraulichen Streuner, die uns auf dem Weg vom Bahnhof entgegen kommen und das herzliche Lächeln der Einwohner. Sie alle sprechen die Sprache einer Stadt, die sich seit Jahrhunderten selbst treu geblieben scheint. Wir meinen das wahre Kuba gefunden zu haben.

Mit nackten Füßen trete ich wenig später auf das Kopfsteinpflaster. Ich muss aufpassen, fast werde ich von einer Kutsche erfasst. Der Fahrer schreit mir etwas auf kubanisch hinterher und ich entschuldige mich mit einem naiven „Sorry“. Etwas weiter hinter mir läuft mein Freund, der mindestens zwanzig Taxifahrer abwimmeln muss. Sie wollen ihn zum Strand fahren, auch noch spät am Abend, oder nach Varadero, Havanna, ganz egal. Mein Freund erzählt ihnen geduldig, dass wir gerade erst aus Varadero kommen und ich muss darüber lachen, dass er sich nach zwei Wochen immer noch die Mühe macht den Männern genau zu erklären, warum wir kein Taxi brauchen – wo sie sich doch für die Gründe unserer Ablehnung nicht wirklich interessieren.

Wir gehen weiter auf einen großen, weiten Platz und steigen mehrere Treppenstufen auf, um in die Casa de la musica zu gelangen; eine offene Bar unter freiem Himmel.
Eine Band mit Trompeten und Tamburin spielt „Chan Chan“, um die vermeintlich reichen Touristen anzuziehen. Im Hintergrund tanzen drei hübsche, schwarze Kubanerinnen, die mit rot-goldenen Glitterkostümen und ausgebreitenen Armen auf der Stelle tippeln. Die Scheinwerfer leuchten ins Publikum. Auf der Bühne hilft ein abgedunkeltes Licht, die erotisch angehauchte Stimmung zu vertiefen. Der Platz ist überfüllt mit Touristen, nur wenige Kubaner tummeln sich um die Bar herum. Die meisten haben kaum das Geld, um sich ein Bier leisten zu können.
Wir setzen uns auf eine Treppe, den Blick auf die Bühne gerichtet. Die Moskitos schwirren um uns herum und ich schwitze. In Kuba wird es niemals kalt, auch mitten in der Nacht steigt einem die Hitze in den Nacken und auf die Stirn.
Wir trinken Bier nach Bier und mit jedem Schluck gefällt uns die Musik mehr, auch wenn wir wissen, dass das alles hier nichts mit dem traditionellen Kuba zu tun hat, sondern wir Zeuge einer inszenierten Lebensfreude werden, die Armut und dem verzweifelten Neid darunter vor uns verstecken soll.

Leicht angetrunken laufen wir durch die heiße Stadt. An den Straßenecken stehen junge Kubaner, die sich lautstark unterhalten, einige tanzen auf der Straße, andere streiten sich hinter vorgehaltener Hand. Niemand darf auf der Straße laut werden, nur durch Blicke zerwirft sich ihre Aggression. Vor einer Bar bekommen wir eine Zigarre geschenkt. Wir wollen sie nicht annehmen, aber der Barmann besteht darauf. Es ist das erste Geschenk, das wir ohne Gegenleistung behalten dürfen. Wir fragen ihn, wo wir zu dieser Zeit noch hingehen können und er empfiehlt uns „The Cave“, eine Höhlendisko, in der ganz Trinidad sich Abend für Abend einfindet.
Ich rauche ein paar Züge auf Lunge, da ich mich in meinem angesäuselten Kopf nicht daran erinnern kann, wie man Zigarren raucht. Wir beobachten die Kubaner auf der Straße, wie sie in fremde Taxen und Privatwagen einsteigen.
„Why are you driving with these strangers?“ frage ich einen Jugendlichen mit einem blauen Nike Shirt vorlaut.
„In Cuba, if you dont have a car, other people have to take them with you.“
„What kinda system is that?“ sage ich. „Aren’t you scared?“
„No, that’s socialism“, erklärt er, „you help your fellow men.“
Jeden Morgen fährt er so zur Arbeit, erklärt er. Die Kubaner mit Auto sind verpflichtet, andere Landsmänner ohne Gefährt mitzunehmen. Manchmal wartet der Junge bis zu fünf Stunden auf ein Auto, manchmal nur fünf Minuten. Mitgenommen wird er immer.
Ich erinnere mich an die Aufregung um die Deutsche Bahn. Daran, wie mein Gesicht rot anläuft, wenn ich auch nur zwanzig Minuten länger warten muss als geplant. Ich sehe jetzt den Hass meiner Mitfahrer, die Wut, die angezogenen Augenlider, die ausgefüllte Beschwerdebögen.
Nichts davon erkenne ich in dem Gesicht des Jugendlichen.

Das „Cave“ befindet sich etwa dreißig Meter unter der Erde. Dumpfe Basstöne kommen aus den Boxen und Laserlichter zeigen in verschiedene Richtungen. Wir lernen zwei weitere Kubaner kennen und finden uns in tiefen Gesprächen wieder; der Rum lockert die Zungen der Anwesenden. Einer der beiden – ein etwa dreißigjähriger Afrokubaner mit lockigem Haar – erzählt uns, dass er gerade erst wieder auf freiem Fuß ist. Er war für ein Jahr Zuchthaus verurteilt worden, weil er sich im Internet kritisch gegenüber Castro geäußert hatte. Ich will ihn weiter ausfragen, ihn meine Empörung spüren lassen, aber er lässt es nicht zu.
„The police is everywhere“, flüstert er.
Sein Freund zeigt mir, wie man Rumba tanzt, eine eigene Art des Salsa. Ich werde dabei hemmungslos ausgelacht. Mein deutscher, kalter Hüftgang, zäh und unflüssig, steht im absoluten Gegensatz zu dem Kubanischen, bei dem manche Frauen ihr Hinterteil vor ihrem Tanzpartner so heftig durchschütteln, dass ich denke, ihre Knie müssten brechen. Aber die Frauen lachen und schwingen ihre Arme zu dem Takt. Peinlichkeit kennen sie nicht.

Auf dem Nachhauseweg reden wir mit unseren neuen Bekannten über die Redefreiheit.
Wir versuchen leise zu sein, aber der Rum hat uns laut und unberechenbar gemacht.
„I never knew it was that bad“, sage ich.
Die Kubaner zucken nur mit den Schultern, aber ich weiß, das sie das über uns denken, was sie alle denken: diese reichen, dummen Touristen. Wollen die weißen Sandstrände und den Rum, aber nichts von der Landespolitik wissen.
„I just want to know“, fange ich wieder an, „if I say something about Castro, will I be imprisoned as well?“
„No. Only the Cubans can’t speak their mind.”, sagt der mit dem lockigen Haar.
„This is probably why we hate tourists so much“, sagt sein Freund.
Der Kubaner grinst offen, ich sehe sein weißen Zähne in der Dunkelheit, die Straßen sind kaum beleuchtet, und ein kalter Windstoß fährt über meinen Rücken.
„What do you mean?“ frage ich.
Hinter ihm sehe ich einen Berg, der wie der Rücken eines Elefants geformt ist.
“It’s a joke”, sagte er.
“Not sure about that”, sage ich.

Wir dachten in Trinidad sei alles anders. Wir dachten, wir hätten endlich das wahre Kuba gefunden. Aber als die beiden Kubaner mit denen wir über Stunden gelacht, getanzt und getrunken hatten, sich bei uns verabschieden, greifen sie meinem Freund in die Tasche.
Darauf hatten sie wohl den ganzen Abend gewartet: auf 25 CUC und ein Feuerzeug.

Wir gehen über das Dach in unser Zimmer. Unser Vertrauen lassen wir auf dem Kopfsteinpflaster liegen. Wir schließen hinter uns ab. Legen uns schlafen.
Buenas noches, Trinidad.

Der letzte Teil erscheint nächste Woche.