Am anderen Ende der Zeit


Es ist Herbst. Die Jahreszeit mit dem besten Ruf. Die Blätter sind gelb und braun. Sie sind welk und knirschen in der Hand. Darin herumzustampfen, kitzelt in der Herzgegend. Wir sitzen unter einer Wolldecke, wärmen das Innerste bei Kerzenlicht. Endlich haben wir Zeit. Für Besuche, fürs Schreiben, für Freundschaften und Ingwertee. Zeit, um auf diejenigen zu warten, die uns immer wieder warten lassen.

Niemand meldet sich mehr. Niemand hat mehr Zeit. Wir sind nur noch unterwegs, die Arbeit macht wohl zu viel Spaß, ein Gespräch am Telefon wird im Laufen erledigt, mit einer WhatsApp Nachricht ersetzt. Alles stresst. Die Wohnung, der Vermieter, der Handyvertrag. Wir wollen wechseln, ein Anruf wäre das. Wir wollen umziehen, aber schaffen es nicht die Kartons zu packen. Wie die Zeit an sich reißen?

Wir haben auf die Viertagewoche umgestellt. Jetzt sind da am Freitag noch die eigenen Projekte. Das Buch mit den fünfhundert Seiten will gelesen werden. Bei der Hälfte blättern wir ans Ende und schauen, wie viele Seiten wir noch müssen. Das Serienfinale droht. Wir stoppen den Balken, um zu sehen, wie viele Minuten kommen, bis wir endlich fressen dürfen. Dafür ist immer Zeit. Tütensuppe. Die steht auf dem Herd und will von uns umgerührt werden. Mindestens alle drei Minuten. 750 ml Wasser aufkochen, acht Minuten auf mittlerer Stufe vor sich hinköcheln lassen. Diese Suppe hat mehr Macht über unsere Zeit als wir.

Dreißig Bewerbungen haben wir in diesem Jahr rausgeschickt. Fünfzehn Exposés und neun Pitchideen.

“Aufgrund der Vielzahl der Bewerbungen können wir keine individuellen Absagen schicken.”

Keine Zeit. Alles stapelt sich, häuft sich, will abgearbeitet werden. Der Tisch droht auseinanderzubrechen. Ist von der Gegenseite ein Interesse da, wird der Tisch plötzlich ganz leicht. Wenn wir, die etwas wollen, allerdings nicht mehr warten können, weil wir meinen, keine Zeit zu haben; weil wir uns herausnehmen wie alle anderen irgendwann zu sterben, dann reicht eine kurze Nachfrage für diese Antwort aus:

“Leider habe ich es bisher nicht geschafft zu antworten. Dafür kann ich mich nur entschuldigen.”

Wir schweigen. Wollen niemandem auf die Nerven gehen. Die Tage, Wochen, Monate, die wir für die Bewerbung auf eine Stelle oder für das Manuskript auf eine Veröffentlichung hin verschwendet haben: alles weniger wert. Immer weniger wert, als die Zeit derer, die am anderen Ende des Hörers sitzen. Immer weniger wert als die, die uns vor dem Café warten lassen, weil sie es verdammt noch mal nie schaffen pünktlich zu sein. Die Zeit ist immer mit denen, die sie kraftvoll einfordern. Die sie an sich reißen und uns – die geduldig Wartenden – herzlos und unwiderruflich genommen wird. Uns, die kleinlaut um die Ihre bitten. Die auf das Glas ihrer Uhr tippen, weil sie insgeheim wissen: Wir alle leben nach der gleichen Zeit. Welche davon ist wichtiger?

So schön Durchschnitt

Ich brauche den Durchschnitt. Den, der an die Nordsee fährt und nicht auf Sauftour nach Bukarest. Der Monate vorher seine Reisen bucht. Für den Guacamole ein Feiertagsessen aus fernen Kulturen ist. Der sich mit seiner Arbeit zufriedengibt. Seinen Chef trotzdem hasst. Der sich nicht dauernd abgrenzen muss, nicht dauernd verwirklichen. Er liest Zeitung, wenn andere sich von ihrer App diktieren lassen, wie viele Kilometer sie vor der Arbeit laufen sollten. Er lacht über Snapchat. Und er hat recht.

Klingt konservativ. I know. Ich schreibe “I Know”, weil “Ich weiß” schon lange abgenutzt ist. Ich kann nicht anders. Ist in mir drin. Neulich habe ich versucht, für ein paar Stunden mein Handy zur Seite zu legen. Hat nicht geklappt. Alles um mich herum so langweilig. Brauche im Sekundentakt Nachrichten. News. Scheißegal, was. Wenn mein E-Mail-Postfach nicht nach zwei Stunden überquillt, fühle ich mich wertlos. Fühle ich in dieser Gesellschaft nicht angenommen. Bin raus.

Gut so. Ich bin ja auch voll anders. Ätsch. Lasse mich nicht geißeln von gesellschaftlichen Konventionen. Dada, motherfucker. Heute bleibe ich bis eins in der Nacht auf. Krass. Mache ich morgen mit Leistung wett. Mit meinem frischen Wesen. Meinem roten Lippenstift und grünem Baumwollkleid. Dann trinke ich Sojamilch und erkläre denen, die es nicht hören wollen, warum.

Ich bin wieder bereit. Für den Durchschnitt. Alles so hyper, hyper. Bis wir zusammenbrechen und zu einem großen, braunen Brocken zusammenschmelzen. Dann wird die Stunde der Durchschnittlichen kommen. Sie werden an ihrem Frühstückstisch sitzen mit ihren Zeitungen. Sie werden aus ihrer Tasse, die sie von ihrer Urgroßmutter geerbt haben, ihren schwarzen Kaffee schlürfen; werden – durchschnittlich, wie sie sind – keinen schlauen Spruch für uns parat haben. Sie werden nicht über den braunen Brocken lachen oder einen Blogpost schreiben. Sie tun weiter das, was sie die ganze Zeit getan haben. Durchschnittlich sein. Sie werden uns erlösen.

Europa – ein Fest fürs Wesen



Angela Merkel hat den Gastarbeitern aus Italien, Griechenland und der Türkei für ihre Hilfe am deutschen Nachkriegswunder gedankt. Auch meine Familie ist davon betroffen. Wir sind Teil der postmodernen, europäischen Geschichte. Eine Liebeserklärung.

Ich bin vor sechs Monaten in das Land meines Vaters gegangen. Ich habe Antworten gesucht und viele Fragen gefunden. Ich bin mehr Deutsche, als es mir lieb ist. Meine Disziplin, die für viele Italiener eine Beleidigung ist, steckt tiefer in meiner DNA, als ich es vermutet hatte. Ich bin deutscher Spießer. Ich will vorher wissen, wie viele zum Abendessen kommen. Einen Teller dazustellen und die Pasta strecken? Eher setze ich Schengen außer Kraft.

Ich habe viel dazu gelernt. Zum Beispiel, dass Rechnungen in Italien nie getrennt bezahlt werden. Einer zahlt für alle. Ausnahmen bestätigt der Pegel. Wein ist eine Aufforderung, keine Entscheidung. Zumindest, wenn mehr als zehn Leute am Tisch sitzen. Das passiert ziemlich oft. Nicht auszuhalten, diese stundenlangen cenas, ergo Abendessen, bei denen sich wiederum nur übers Essen unterhalten wird. Die hitzige Nähe, die der Italiener seinen Mitmenschen aufzwingt, ist ein Graus für unterkühlte Norddeutsche. „Wo steckst du schon wieder?“, ruft Zia mich aufgeregt an, wenn ich länger auf der Arbeit bleibe.

Italienische Beziehungen sind von Tradition geprägt. Ich kenne wenige Frauen, die ohne ihren Freund das Haus verlassen. Eifersucht ist kein Problem, sondern das Fundament einer gesunden Beziehung. Hochzeiten erfreuen sich noch immer einer großen Beliebtheit. Celentano Imitatoren säuseln dann zu billiger Keyboardmusik ins Mikro. Patchwork und Veganismus sind im Kommen, bleiben aber Rarität, während in Berlin die Brühe wiederentdeckt wurde. Der Kontinent ist sich uneinig.

Ich schwimme in Wellen, die ein dunkles Geheimnis in sich tragen. I am in trouble, in bisogno d’aiuto. Mir steht alles offen. Ich habe in London studiert und in Frankfurt gelebt. Meine Wurzeln liegen in Neapel. Ich verbringe Wochenenden in Barcelona und Istanbul. Ich stehe für nichts und alles. Ich liebe drei Männer in drei Ländern. Einen liebe ich besonders. Der weiß, was es bedeutet, Europäer zu sein. Ist in Spanien aufgewachsen und schafft es nie pünktlich zur Arbeit. Den Zug würde er regelmäßig verpassen, wenn die Deutsche Bahn nicht auch eher einer südländischen Organisation zugewandt wäre. Ich habe eine Freundin in Bukarest, die in drei Jahren drei Mal das Land gewechselt hat. Bald will sie nach Island. Manchmal bezweifelt sie, nur in einem Land geboren zu sein.

Wir werden die neuen Helden der Luftfahrt sein. Astronauten der Interkulturalität. Wir buchen Easyjet und Ryanair, fliegen mit SAS und British Airlines. Europa, wir sind deine Kinder. Deine Geschichte und deine Zukunft. Wir haben Bahnhöfe mit Teddys geflutet, als du deine Grenze geöffnet hast. Wir haben WG-Zimmer und Eramus-Programme mit unseren (Alkohol-) Fahnen geschmückt. Wir wachsen bilingual auf, wir wissen; was ‘Bier’ auf fünf verschiedenen Sprachen heißt. Die harte Arbeit unserer Väter ist die Basis unserer Leichtigkeit. Das wird uns in wenigen Jahren zwar zum Verhängnis werden. Aber wir sind Europäer. Wir haben uns bis jetzt aus jeder Scheiße wieder rausgezogen.

60 Jahre Gastarbeiter in Deutschland. Das war in unserer Familie lange kein Thema. Bis ich in die Schule kam und die Lehrerin meinen Namen nicht aussprechen konnte. Heute spreche ich mit Giovanni, der beim LIDL Regale einräumt, über die korrupte, italienische Politik. Im Sommer gehe ich für ein paar Monate zu meiner Freundin nach Bukarest. Wir werden die Polarlichter über Reykjavík verfluchen. Und zusammen ein bisschen einsam sein.

Mein Grundschulfreund, der Nazi


Lieber F.,

es ist lange her, dass wir uns gesehen haben. Jetzt sehe ich nur noch Updates auf deiner Pinnwand. War es schön in Oberbayern? Wie weit bist du mit deinem Gemüsegarten? Bist du immer noch in einer komplizierten Beziehung?

Wenn ich deinen Namen in meiner Timeline sehe, denke ich an vergangene Herbstnachmittage. Jene, in denen wir mit dem Fahrrad in den Wald gefahren sind, um eine Butze aus herumliegendem Holz zu bauen. Ich erinnere mich daran, wie ich bei dir schlafen wollte und meine Mutter mich nach einem Heimwehanfall abholen musste. Du hast nur drei Häuser weiter gewohnt.

Ich weiß, dass du die gelben Haribo Bären lieber magst als die Roten. Das hat dich zu einem Ehrengast auf Kindergeburtstagen gemacht. Dein Ranzen war meist dreckig, aber du konntest ihn immerhin am weitesten von uns in die Pfütze werfen. Die Postkarten, die deine Eltern dich zwangen mir aus Teneriffa zu schreiben, liegen in Kartons im Keller meiner Eltern. Wäre es nach uns gegangen, hätten wir uns nach den großen Ferien nur einen Handschlag gegeben. Wir hätten gesagt: “Und was machen wir heute?“ Wir haben nie zurückgeschaut.

Was ich in letzter Zeit von dir gelesen habe, macht mich wütend. Du hast den Edathy-Status von Jan Leyk geteilt, die Focus-Artikel, in denen die Flüchtlingskrise zu einer Invasion umgeschrieben wird. Du hast dich an einer Online-Petition gegen “Masseneinwanderung” beteiligt und die PEGIDA-Seite geliked. Mein Vater war selbst kroatischer Flüchtling und ist Jahre später als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Du hast mit ihm jeden Mittwoch Spaghetti gegessen; weißt du noch, wie du deine Hose bekleckert hast und er sie waschen und in den Trockner stecken musste, damit du zuhause keinen Anschiss bekamst? Du hättest es besser wissen können. Aber du hast dich dagegen entschieden.

Ich verstehe nicht, wie es dazu kommen konnte. Wir haben uns jeden Tag in der Schule gesehen. Wann haben dich die Lehrer dieser Welt in die rechte Ecke gestellt? Du hast immer noch zwei Bleistifte aus meinem Etui, die du mir im Sommer ’92 zurückgeben wolltest. Du hast noch immer meine Peter Pan CD, die du mittlerweile wohl juristisch ersessen hast. Du konntest jedes Disneylied auswendig. Jetzt schaue ich auf deine Pinnwand und weiß nicht mehr, wer du bist. Dabei warst du mein Sitznachbar in der Grundschule. Vier Jahre lang.

Es tut mir leid, dass ich nicht für dich da war. Es tut mir leid, dass ich dir nicht das Gefühl gegeben habe, dass du in dieser Welt einen Platz verdient hast. Vielleicht hätte das rechte Gedankengut sich niemals in deinem Herzen einnisten können. Es tut mir leid, dass ich dir nicht zugehört habe, als du vom Streit deiner Eltern erzählt hast. Wir waren Kinder, ich wollte keine Konflikte; auch ich hätte es besser wissen müssen. Meinen Kindern werde ich es mal so beibringen: „Behandelt eure Freunde anständig – aus ihnen könnten Rassisten werden.”

Ich werde dich bald anrufen. Ich will wissen, was in dir vorgeht. Die Festnetznummer deiner Eltern weiß ich noch auswendig. Erinnerst du dich an meinen Hamster Speedy? Er ist damals an einem Tumor gestorben. Heute ist die Welt genauso schrecklich. Und ich muss mit dir sprechen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät.

Ausländer zu sein

Manchmal nennen sie mich Hitler, manchmal Merkel. Sie sagen “Arbeit macht frei” und fragen mich, was ich von Juden halte. Ich lache, manchmal ist es ein wenig komisch, manchmal schweige ich und senke nachdenklich den Kopf.

Wenn ich mit der Schwarzhaarigen mit dem Popeye-Tattoo in der Tabaccheria ein Gespräch anfange, zögere ich.
“Un pachhetto di …”
“Si … ?”, sagt die Tattoo-Frau.
“Di sigarette?”
“Perfetto.”
Die Frau ist stolz auf mich, sie lächelt, wartet, bis ich den Satz beendet habe, sie kennt mich nicht, ist daran interessiert, dass ich die Sprache lerne. Jeden Morgen stellt sie mir ungefragt meinen café hin.

Die Farbigen im Bus sprechen fließend Italienisch. Für ältere Damen stehen sie auf. Einer, der gebrochen spricht, hat einen Zehneuroschein in der Hand: Die Ticketmaschine nimmt nur Kleingeld. Ich gebe ihm einen Euro und verlange nichts. Er bedankt sich überschwänglich, ich weiß nicht, was er durchgemacht hat. Wir sitzen jetzt im selben Boot.

Ich spreche Infinitiv-Italienisch. Ich haben, gehen, sein. Zeiten lerne ich jeden Abend auf dem Laufband, beim Abendessen, wenn ich auf den Bus warte. Oft fehlen mir die richtigen Worte; mich verlässt der Mut vor anderen zu sprechen. Ich werde rot, setze neu an, zeige auf Gegenstände. Ich werde nicht verstanden. Fremd zu sein, Ausländer zu sein, ich kann nur erahnen, was das bedeutet. An Frustration, an Hass, an Ausgrenzung.

Aber ich bin Deutsche. Ich stehe nicht an. Nicht in Pozzallo. Nicht in Mineo. Dort, wo die größten Auffanglager für diejenigen sind, die über Lampedusa mit Bussen aufs Festland verfrachtet werden. Ich bin freiwillig hergekommen, habe im Zug meinen Ausweis nicht zeigen müssen. Wenn ich etwas falsch sage, wird mir freundlich erklärt, wie es richtig ausgesprochen wird; sie finden meine Sprachfehler süß.

Ich komme aus dem Frankfurter-Westend, wohne in Modena nicht weit vom Centro entfernt. Manchmal, wenn ich Unterhaltungen lausche, am Nebentisch, wenn sie schnell reden und ich nichts verstehe, fehlt mir mein deutscher Humor, mit dem ich unangenehme Situationen überspiele. Mein altes Ich? Verschwunden, aus dem Kopf, und das Neue betet, dass es die richtigen Worte finden möge.

Sie nennen die Aussätzigen aus Lampedusa gli stranieri. Die Fremden. Bin ich nicht auch ein Fremder? Bin ich nicht auch einer, der in Italien sein Glück finden will? Alles ist neu. Für die, die in das gelobte Land wollen. In dem, in dem ich einst wohnte, zünden sie Heime an.

Rituale und Heimat

Morgens, um kurz nach acht, nehme ich die 13 in Richtung Ospedale Bravvaggio. Bevor ich in die 9 umsteige, die mich zu meinem Büro in der Cittanova fährt, gehe ich in die kleine Tabaccheria, an deren Wände die rote Farbe abbröckelt und der Sonnenschirm auf der Terrasse ein wenig zur Seite knickt. Ich trinke un café, einen Espresso, wie wir ihn in Deutschland nennen, nur, dass der Name hier verpönt ist.

Meine Cousine sagt, in Italien ist ein normaler Kaffee, ein café americano, eine Vergewaltigung der Bohne. Dieses Land hält es für eine Sünde historischen Ausmaßes, aus einem 100 ml Getränk eine versione lunga, eine verlängerte Variante zu machen und diese auch noch zu trinken. Porka miseria. Was für eine Schweinemisere.

Der Bus kommt weitgehend pünktlich, selten warte ich länger als eine Viertelstunde. Ich nehme immer denselben Platz ein und schaue aus dem Fenster. Neben mir ziehen die Zypressen, die toskanischen Bauten mit den Flachdächern und grünen Fensterläden vorbei und eine alte Dame spricht mit ihrem Hund.

Mit jedem neuen Tag verstehe ich die Sprache besser. Ich erinnere mich, wie ich als Kind mit meinem Bruder und den Eltern für einige Wochen in Modena war und nach nur wenigen Tagen ein passables Italienisch sprach. Sie hatte eine Leichtigkeit, diese Sprache, damals, als sie noch mutig von meiner Zunge sprang. Diese kann ich heute bestenfalls unter Alkoholkonsum nachahmen.
Zwanzig Jahre später spreche ich vorsichtig, frage drei Mal nach, bevor ich etwas Falsches sage. Es ist vor allen Dingen die Melodie, die ich versuche aufzunehmen. Das Deutschsein hat mich Jahre gefangen gehalten. Loslassen fällt schwer.

Ich glaube, dass Rituale wichtig sind, wenn wir eine Heimat suchen. Es ist eben dieser beschissene café, den ich jeden Morgen trinke; den ich von dem dicken Mann mit den Schweißflecken unter dem weißen Hemd bekomme.

Es sind die klimatisierten Busse, die mich jeden Tag ans Ziel bringen, es ist der Schlüssel, den ich von meiner Cousine habe; der Code, den ich eingeben muss, wenn ich das Haus betrete. Es ist das buongiorno, das ich flüstere, wenn ich mir am Mittag ein Stück Pizza kaufe, um den Tag bis zum späten Abendessen zu überstehen.

Es ist die Stimme meiner längst verstorbenen Großeltern, die in mir summt, wenn ich daran denke, wie mein Vater als junger Mann in ein anderes Land gegangen ist, um dort etwas zu finden, was ihm lange verwehrt wurde. Eine Arbeit, ein Zuhause. Eine Familie.

Am Abend, wenn ich auf dem Balkon sitze und den Ramadan-Gebeten aus dem Muslim Center lausche, grüße ich unsere Brüder im Geiste. Es ist die Fremdheit, die uns zu Verbündeten macht in einem Land, das vielen Hoffnung schenkt. Ob wir aus dem Krieg flüchten, uns vom Freund getrennt haben oder die Reise über das Meer überleben. Das Glück liegt nicht in uns: Es zieht weite Kreise. Lassen wir uns darin treiben, im Blut der Hinterbliebenden. Wir sind auf dem Weg in eine bessere Welt.

Tutte il mondo

Da öffnet sich eine Tür, du gehst auf kalten, weißen Fliesen. Du schwitzt, hast deinen Rucksack abgenommen; tief eingeschnitzte Riemen an deinen Schulterblättern. 
Da geht eine Tür auf, dahinter neue Gesichter, Altbekannte, das ist jetzt deine Familie, alles bereit, in deinem Zimmer, ein Laken übers Bett geworfen, nicht die leichte Daunendecke in 4-Sterne-Qualität.

Jeder bezahlt für dich mit, vergeblich versuchst du ihnen die Euroscheine in die Tasche zu stecken, es ist für sie eine Beleidigung, sie geben dir ihr Auto, ihr Fahrrad. Keine Sorge um Versicherungen oder, dass du sie ausnutzt. Ohne Grenzen, Bedenken, wer ablehnt, wird kein zweites Mal gefragt.

Da draußen scheint die Sonne, eine andere, der Himmel ist weiter, das helle, rosafarbene Knäuel versteckt sich unter dem dunklen Faden, der dich vor der Nacht trennt. Sie riecht nach Lavendel, nach Kaugummi; diese Nacht. Der Morgen nach Pinien und Zucker.

Da ist eine neue Welt in dir aufgegangen, du bist auf die Reise gegangen, du suchst Antworten, noch nie hattest du so viele Fragen. Es trübt dich, hier zu sein, gleichzeitig tut es gut, wie ein Druckverband, der Schmerz mit mehr Schmerz ausgleicht.

Da geht eine Tür auf, eine neue Welt mit Redewendungen, die du nicht kennst, die aber in dem Moment in dich übergehen, in dem du sie zum ersten Mal benutzt; da ist ein neuer Mensch in dir, ewig hat er geschlummert, er wird wach, will sich beweisen, im jugendlichen Leichtsinn die Hochhäuser dieser Stadt erklimmen; er trägt drei Einkaufstaschen an den Fahrradlenkern und kippt. Er fällt niemals.

Da ist ein Koffer voll Tupperdosen, deine Gedanken recycelt. Du weißt nicht, wie es weitergeht, du springst in den kalten Fluss. Wenn du hochkommst, spürst du die Strahlen der Sonne auf deiner blassen Haut. Sie will rote Flecken schießen.

Da ist eine Tür, ohne Schlüssel, die ganze Zeit geöffnet. Du musst hindurchgehen, wenn du ein neues Leben führen willst. Eines, das zu dir passt. Du musst Mut beweisen, jeden Tag, bis alles leicht von der Hand geht, bis sich alles fügt, diese: deine letzte Chance.

Du musst dem Leben vertrauen, dich ihm zuwenden, dich in einer dunklen Höhle zusammenkauern, du hinterlässt Leichen auf deinem Weg; Blutspuren und Angstschweiß. Jeder, der geht, verliert etwas auf dem Weg.

Da ist eine Tür, ihr altbekannten Gesichter. In dir gibt es viel zu entdecken. Zu dieser Zeit, an diesem Ort.

Tutto il mondo é paese.

Kiosk 43

Schon seit Wochen gehe ich zu dem Kiosk fünf Straßen weiter. Früher bin ich zu dem Kiosk in meiner Straße gegangen; der mit den Hochglanzzeitschriften. Oder an die Aral Tankstelle, die mit dem Kaffee-Vollautomaten. Seit ein paar Monaten gehe ich zum Kiosk 43, wenn ich Zigaretten brauche.

Zurguk hat den roten Softpack Gauloises nie für mich bereitgelegt. Er nimmt den Hardpack raus, wenn ich den Kiosk 43 betrete, weil der teurer ist, aber er hat jedenfalls eine ganze Reihe an Softpack-Varianten zur Auswahl, aber er vergisst immer den meinen. Zurguk grinst nicht so überfreundlich, wenn ich den Laden betrete, wie der Alte hinter der Theke bei Aral.

Zurguk fragt mich schon lange nicht mehr nach meinem Ausweis. Dabei bin ich nur selten bei ihm, ein oder zwei Mal im Monat. Es scheint ihn entweder nicht zu interessieren, wie alt ich bin, oder er denkt, ich sei alt genug.

Wenn ich früher zur Aral Tankstelle gegangen bin und meinen Ausweis nicht dabei hatte, dann wurde ich von den Menschen in der Schlange zur Seite gedrängt. „Ohne Ausweis, keine Kippen“, hatte der Alte dann immer gesagt und mit den Zähnen geknirscht. Ich wurde dann nach ganz hinten in die Schlange gedrängt, von denen in den langen Mänteln; eine Vergessene im Strudel der Ausweiskontrollen.

Zugruk hat mich nur ein einziges Mal nach dem Ausweis gefragt. Wieder hatte ich ihn nicht dabei, weil ich nie etwas lerne im Leben, sagt mein Vater. „Macht nix, nächste Mal du kannst zeigen“, hatte Zugruk gesagt und ich habe ihm den Ausweis nie wieder zeigen müssen. In Zugruks Laden hängt keine Kamera.

Ich finde, diese überreglementierte Welt, in der wir uns nicht mal mehr in eine Diskussion um vergessene Ausweise verwickeln lassen, wird von der Welt, die es in Kauf nimmt, eine hypothetisch 15-Jährige mit Kippen zu versorgen, um Längen geschlagen.

Das klingt hart. Es klingt unverantwortlich. Aber ich schätze eine Gesellschaft, in der die Ausweise, die Gutscheine und die Nummern nicht wichtiger sind, als meine Worte. Ich will manchmal ungerecht sein und selbstverherrlichend. Ich will mich mit dem Alten beim Aral streiten und sagen: „Mann du Arsch, ich bin jeden zweiten Tag hier und du weißt nicht mehr, dass ich schon lange über achtzehn bin?“ Aber alles was der Alte sagt, ist: „Vorschriften sind Vorschriften.“

Deswegen gehe ich zum Kiosk 43. Ich gehe fünf Straßen weiter, das stresst. Zugruk vergisst mich jedes Mal, jedes Mal vergisst er, dass ich den Softpack will, aber er vertraut mir mehr als jeder andere; er kennt mich besser als einer, der mich an einer frequentierten Kasse zum dreizehnten Mal nach dem Ausweis fragt. Er nickt nur kurz, wenn ich den Laden betrete. Seine Miene verzieht sich nicht vom Überfreundlichen zum apokalyptischen Hass, wenn ich meinen Ausweis wieder vergessen habe. Weil ich nie dazu lerne, sagt mein Vater. Weil ich immer so nachtragend bin, sagt mein Freund.
Und Zugruk? Der reicht mir einfach eine rote Schachtel Zigaretten.

Ziehen Sie eine Nummer

Ich wünschte, es würde etwas passieren. Ich wünschte, ich würde hier nicht nur sitzen und warten; nicht nur auf Facebook den Dünnschiss von Unbekannten lesen, hier weiter sitzen und warten.

Ich wünschte, ich würde einen Anruf bekommen. Nicht wieder einen von RTL Extra, die eine zehnminütige Reportage über Liebesbriefe machen wollen, um diese dann auf dreißig Sekunden zu kürzen. Nein, ein richtiger, professioneller Anruf von einer Literaturagentur, die mein Manuskript für gut befunden hat. Also das gesamte Skript, nicht nur wie sonst immer die ersten zwanzig Seiten. Schön wäre auch ein Anruf von dem großen Publikumsverlag, der vor zwei Jahren reges Interesse an meinem Schreiben bekundete. Der seitdem wohl immer noch den Telefonhörer anstarrt, weil er sich einfach nicht traut, zurückzurufen. Dabei habe ich doch so viel Verständnis.

Ich wünschte, ich hätte nicht so viel Zeit. Oder würde sie nicht damit verbringen, im Sessel zu sitzen und über die Spiegel Bestseller Liste nachzudenken. Würde mir nicht dauernd vorstellen, wie mein Name darauf falsch geschrieben worden wäre – gab es mal Rechtschreibfehler auf der Liste? – und wie ich öffentlich darüber hinwegsehen würde. “Nunziante wird doch mit einem U geschrieben, hahahaha!” Gnädig, selbstironisch, ein wenig herrisch. Eben so, wie ich mich selbst gerne sähe.
Aber ich verbringe einfach zu viel Zeit damit, die Löffel in meiner Schublade zu sortieren und die Zeitungsseiten umzuschlagen, nur, damit ein Geräusch in der Wohnung entsteht.

Im Büro, da mache ich viel. Aber es ist so, als würde mein Kopf diese Dinge von alleine erledigen. Manchmal, da starre ich lange auf den Schreibtisch meines Vordermanns und frage mich, ob er auch so viel Zeit mit dem Warten verbringt. Ich frage mich, ob er auch so einen großen Traum hat wie ich. Einer von diesen Träumen, die die eigenen Schultern nicht mehr tragen können. Frage mich, ob er auch nachts um fünf Uhr aufwacht und nachschaut, ob eine E-Mail oder ein Anruf eingegangen ist. Hat er auch einen Traum, der ihn so einnimmt, wie ein zu großer Wintermantel? Oder trägt er nur den seines Vaters auf?

Ich finde das schwierig, dass eine Nachricht so viel verspricht, und so wenig halten kann. Dieses Mal ist es eine von einem Radiosender in Luxemburg, der etwas mit Ghostwritern und Herzkissen machen will. „Das wäre doch schön, oder nicht?“ – „Hm, ja sehr schön.“ Das ist darum schwierig, weil ich mich so schlecht begeistern lassen für Dinge, die die Miete jenes Büros zahlen, in dem ich Texte schreibe, die keiner liest. Folter für die Seele ist das. Wenn man einen so großen Traum hat, dass der die ganze Zeit wie ein Ballon über dem Schreibtisch hängt, und immer wieder ein bisschen zu einem herunterkommt. Um dann schnell wieder hochzugehen. Um außer Reichweite zu gelangen.
Aber irgendwann, da muss etwas passieren. Und sei es, dass der Ballon platzt.

Atemlos durch die Nacht

Sie hatte alles eingepackt. Verstaut in ihre Handtasche.
Eins für den täglichen Gebrauch, ein Tuch zum Abwischen. Wurde einfach reingesteckt und rausgezogen. Hatte sie sich alles erklären lassen. Nochmals las sie seine Nachricht.

Sie würde es heute endlich tun.

Sie betrat den Raum. Schuhe quietschten auf den Fliesen, Flüssigkeit klebte auf dem Boden.
Arme wurden ungelenk in die Luft gerissen. Haare, die verschwitzt auf den Häuptern auflagen: gleich würde sie die seinen bearbeiten.
Die Einladung hatte sie schon vor Wochen bekommen. Sie kannte mehr als die Hälfte der Gäste. Dennoch. Wer sollte sie jetzt noch aufhalten? Gleich würde sie das tun, worauf sie durch monatelangen Dauerbeschall vorbereitet war. Sie würde bis zum Äußersten gehen.

Ob sie die Handtasche abnehmen wolle?
Sie hielt diese umso fester an ihre Schulter gedrückt.
Ein Glas Cola Korn?
Ja. Ohne Cola, bitte.

Farben erhellten und verdunkelten abwechselnd die Gesichter der Anwesenden. Rötliches Licht streifte das ihre. Jemand ließ ein Glas fallen. Ein anderer lallte in ihr Ohr: lallte etwas, das sie an Urgeschrei erinnerte. Von der anderen Seite des Raumes – dort wo er gerade versehentlich einen Klappstuhl umgeworfen hatte – kam er auf sie zu. So nah, dass sie seinen Atem riechen konnte. Immer wieder nahm er von den Stehtischen abgestandene, in Flüssigkeit eingeweichte Salzstangen in sich auf.
Sie nahm derweil noch einen Schluck von ihrem Korn.

„Moinsen”, sagte er.
Sie nickte. Atmete durch. Ihre Herzschläge konnte sie nur vor sich selbst verbergen.
Er öffnete den Mund. Sie konnte seine Zunge sehen.
Dann fing er an zu singen. Laut und ohne Tongrundlage sang er die folgenden Zeilen:

Atemloooos durch die Nacht …

Sie griff in ihre Handtasche. Zog das Gerät heraus und schlug damit direkt in die Mitte seines Schädels. Eine Axt für den alltäglichen Gebrauch, so hatte es der Verkäufer angepriesen.
„Für jede Art von Holz geeignet“, hatte er gesagt. Sie war sich nicht sicher, ob der Verkäufer das hier gewollt hatte. Aber die Axt war ihren Preis wert; spaltete sie doch wirklich jedes Holz.
Sie schlug in einen anderen Schädel ein, der gerade noch gesungen hatte. Blut tropfte auf ihre Bluse und auf ihr Gesicht, das immer noch vom roten Licht gezeichnet war. Vier weitere kamen auf sie zu, wie Zombies, unbeirrt singend, und sie schlug auch auf jene Köpfe ein; immer weiter, bis die dreizehn Anwesenden allesamt übereinander lagen.
Gehirnmasse hing aus ihren Schädeln. Zwischenzeitlich konnte sie wegen des Bluts nicht mehr erkennen, wo noch Alkohol verschüttet lag, oder der eitrige Nachlass der einst so inbrünstig Singenden.

Als sie fertig war, stellte sie sich an den Tresen. Zog ihre Bluse zurecht. Trank den Rest des Korns. Atmete tief ein. Ein friedliches Gefühl überkam sie. Im Hintergrund hörte sie laut ertönen:

Wir sind unzertrennlich, irgendwie unsterblich …

Bevor sie den Raum verließ, warf sie einen letzten Blick auf die Leichen.