Dröge Parties, Neurechte, das gedruckte Buch: Die Literaturbranche braucht mehr Bumms


„Das ist wie Party im Internat hier“, sagt meine Freundin Magda, als wir im Literaturhaus Frankfurt ankommen. „Wie so eine Studentenparty in der Mensa.“ Sie findet noch fünf andere Metaphern, die ich nicht mehr wiedergeben kann, da ich die Langeweile dieses Abends versuche in Weißwein zu ertränken. Koks hätte vielleicht geholfen, aber selbst das lastet sich diese Branche nicht an, schließlich müssen jeder morgen früh raus und das weiße Teufelszeug ist schädlich. „Ich muss noch bis nach Odenwald“, höre ich eine junge Lektorin auf der Toilette einer anderen erzählen. „Ich nehme mir aber ein Taxi, muss um acht wieder auf der Matte stehen.“ Und das von Leuten, die in derselben Branche wie einst Hemingway und Simone de Beauvoir arbeiten.

Wir hängen unsere Jacken an einer für alle zugänglichen Kleiderstange auf: Das hier geklaut wird, ist unwahrscheinlich. Dabei sind wir in Frankfurt, der Stadt mit einer der höchsten Kriminalitätsraten des Landes. Aber ich kann die Korrektheit förmlich in der Luft riechen; jedes Jahr tanzen hier Lektorinnen gegensätzlich des Taktes auf die unbeholfene Musikauswahl von den Autoren der unabhängigen Verlage.
Dieses Korrekte zieht sich durch die gesamte Messe. Kaum eine andere Branche hat mit der Spießigkeit und dem gähnend langweiligen Bürgertum zu kämpfen, wie die der Literatur. Am Ende mag die Frankfurter Buchmesse sogar Nazis körperlich walten lassen und plädiert dann schlussendlich für einen besonnenen Dialog auf beiden Seiten. Eine Branche, die von Vielfalt lebt, die Marginalen eine Stimme gibt, hat den Faschisten wirklich nur Bücher entgegenzusetzen: nichts als Bücher?

Halle 4 aber spielt exzellente Zukunftsmusik und lässt erahnen, wozu die Frankfurter Buchmesse fähig wäre. Die Comic Solidarity setzt sich alleine durch die Farbauswahl der Standwände für mehr Vielfalt ein. Die Künstler kommen aus den verschiedensten Ländern und Kulturen und sprechen verschiedenste Themen in ihren Werken an. Der stark digital ausgerichtete Orbanism Space bietet Veranstaltungen dazu, wie man mit Andersdenkenden ins Gespräch kommt und sie überzeugt. Und Plakate, auf denen “Kein Ort für Nazis” steht, zieren die Wände rund um den Stand der rechtsgerichteten ‘Junge Freiheit’.

Man kann nur hoffen, dass von dieser jungen, kreativen Branche mehr ausgeht, dass dieser Keim in den nächsten Jahren heranwächst zu einer herrlichen Pflanze, die auch in die anderen Hallen übergeht. Bis jetzt herrscht in denen sonst nur dröges Business; einen richtigen Knaller gab es dieses Jahr wieder nicht. Vielleicht hat die Literaturszene nicht verstanden, dass gerade auf Messen, Kongressen und Weihnachtsfeiern mehr Sex in der Luft liegt, als in einem Swinger Club. Dass dies die besten Gelegenheiten sind, Rassisten mehr Protest zu bieten, als nur einen Stand, als nur die gedruckten Bücher.

Den ganzen Abend im Literaturhaus schütte ich Weißwein in mich rein. Ich hatte bis zum Schluss gehofft, dass jemand einen Bus voller Berliner Hipster ablädt, die den Laden mal so richtig aufmischen. Die lautesten Statements auf der Buchmesse aber werden jene von Faschisten und neutralen Veranstaltern bleiben. Aber nichts muss ewig so bleiben, wie es immer war. Besonders, wenn Wegschauen einfach nicht mehr funktioniert.

Same old, same old: Die Frankfurter Buchmesse 2017

Jedes Jahr das Highlight einer ganzen Branche: Die Frankfurter Buchmesse. Egal, wie verstaubt und spießig sie zuweilen sein mag, egal wie rechtsgerichtet und politisch, wie europäisch oder zögerlich in ihrer aufklärerischen Tätigkeit. Man muss allerdings das Buch lieben, um sie zu verstehen.

Rund 278.000 Besucher hatte die Frankfurter Buchmesse im Jahr 2016 vorzuweisen. Ob es dieses Jahr mehr werden, ist noch nicht abzusehen, aber schon am Mittwochnachmittag ist die Halle 3 gut besucht: ungewöhnlich für einen ersten Messetag. Die Cebit konnte dieses Jahr nur mit 200.000 Besuchern auftrumpfen, seit Jahren kämpft sie mit Besucherzahlen und hat sich nun auf Fachbesucher ausgerichtet. Ähnlich ist die Idee auf den ersten drei Messetagen der Frankfurter Buchmesse. Nur, dass sie trotz des intellektuellen Anstrichs des Mediums auch branchenferne Leser, vor allen Dingen Cosplayer, zu begeistern weiß. Am Samstag und Sonntag ist die Messe für Leser und Fans geöffnet. Manch ein Fachbesucher verlässt da die Stadt; ihn ängstigen die Massen, die plötzlich durch die Hallen drängen.

Zu viel Zukunftsmusik darf man hier nicht erwarten. Keine neue Technik, vor der die Besucher staunend stehen, vor der Journalisten sich tummeln, um ein Interview mit den Erfindern abzugreifen. Keine Holgramme, die Buchcharaktere ins Kinderzimmer beamen, keine Computergreifarme, die die Buchseiten umschlagen. Auf der Buchmesse geht es um Persönlichkeiten, um Autoren, ihre Bücher, die Verlage: um den Zustand einer ganzen Branche. Das Buch muss dabei für sich alleine kämpfen. Dabei ist das E-book mehr oder minder unerheblich, still und heimlich hat es sich in den Markt etabliert. 5,4 Prozent des Buchmarktes macht es aus, so zumindest war es im ersten Halbjahr 2017.

Aber es riecht ja auch so gut, das Buch. Es ist ein haptischer, paradiesischer Zustand, der dort mit den Seiten geliefert wird. Auch, wenn oft die Zeit nicht bleibt am Stand zu verweilen und sich in einer Geschichte zu vertiefen – die Lektoren und Lektorinnen wittern in jedem Vorbeigehenden einen potenziellen Hobbyautoren, der sie zu Tode nerven könnte – ist es das Buch, dass Besucher und Aussteller antreibt. Man mag das als konservativ betiteln, als reaktionär. Aber es macht den Buchmarkt sympathisch. Dabei verzichtet dieser keinesfalls auf ihren Profit. Wie immer wirken die Hallen der Internationalen Verlage geschäftig, wie immer ist der Agenten-Pavillon in kalter Büroatmosphäre darauf ausgerichtet, Projekte vorzustellen und Deals abzuschließen.

Die Halle 4 zeigt sich derweil mit dem Stand der Comic Solidarity als nischenmäßigen Gegenpol, mit einer großen Antiquariatsfläche und der THE ARTS+, der Repräsentation der digital vernetzten Kultur- und Kreativbranche. Das Gastland Frankreich stellt sich, wie immer, mit eigenem Pavillon vor. Die Frankfurter Buchmesse ist also durchaus vielfältig.

Besonders aufregend ist sie für Außenstehende aber nicht. Wer hierher anreist, darf keine Epiphanien oder die digitale Zukunft erwarten, trotz durchaus beachtlicher Zwischentöne. Wer hier herkommt, der hat zu Hause nichts zu erzählen. Aber er wird das Buch wiederentdecken. Und wer das Buch liebt, der weiß, was das bedeutet.

Ashak mit Amir

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Salam Alaikum.“ Amir schaut zur Decke, als er meine Wohnung betritt. Ob er das immer machen müsse, frage ich ihn. “Ich lasse das Gebäude von Gott segnen”, sagt er. „Aber nur beim ersten Besuch, so viel Zeit hat er nicht.“

Amir ist Anfang 30. Er lebt seit knapp zwei Jahren in Frankfurt, so lange gebe ich ihm in unregelmäßigen Abständen Nachhilfe. Manchmal treffen wir uns zum Essen. Heute hat er Ashak mitgebracht, das sind afghanische Nudeltaschen. In Kabul war er Englischlehrer. Er ist auf einem Schlauchboot über die Türkei nach Griechenland gekommen. Über Mazedonien und Österreich ist er mit dem Zug weiter nach Deutschland eingereist.

Am Anfang lernte er jeden Sonntag Deutsch bei einer Gruppe Ehrenamtlicher. ‘Wie geht es Ihnen?’, ‘Wie alt sind Sie?’, ‘Ausstieg in Fahrtrichtung links.’ Erst kürzlich hat er die Prüfung zu B1 bestanden. „Ich dachte wirklich, ich kann zur Uni gehen“, sagt er.

Jetzt soll er abgeschoben werden.

Klage gegen den Bescheid hat er eingereicht, den Anwalt muss er in Raten bezahlen. Aber er macht sich keine Hoffnungen. „Inschallah“, sagt er und schaut dabei betreten auf den Teller. „Wenn Gott will, sterbe ich früh und alles ist vorbei.“

Amir erzählt, dass der Motor seines Schlauchboots auf dem Mittelmeer drei Mal ausgefallen war. Schlepper in schwarzen Kapuzen hatten sie mit 50 Menschen auf ein kleines Boot gedrängt. Jeder, der umkehren wollte, wurde mit der Waffe bedroht.
Auf der Hälfte des Weges stand ihnen das Wasser bis zu den Knien. Sie versuchten das Wasser auszuschöpfen – mit einer aufgeschnittenen Plastikflasche. Die teuer erstandenen Rettungswesten ließen sie am Ufer zurück.

Das alles, bei Weitem nicht so schlimm, wie die Anschläge. „Wenn sie glauben, dass du mit der Regierung zusammenarbeitest, drohen sie dir“, sagt Amir. Die, das sind die Taliban. Jeden Tag könnten seine Eltern und Geschwister ihnen zum Opfer fallen. Nach zehn Uhr abends geht in Kabul niemand gerne auf die Straße. Strom gibt es nur stundenweise. “Du musst den Deutschen sagen, dass in Afghanistan nur der Tod auf uns wartet“, sagt Amir.

Ich weiß nicht, wie ich ihm erklären soll, warum er Deutschland verlassen muss. Er, der seit zwei Jahren jeden Deutschkurs macht, der ihm angeboten wird – obwohl er diese jedes Mal selber finanziert. Er, der zu jeder Jobmesse geht, der Bewerbungen schreibt, der zur Uni will, um zu studieren, seinen Beitrag zu leisten. Wie soll ich ihm erklären, dass in der Leistungsgesellschaft Leistung nichts wert ist, solange du nicht deutsch bist? Wie den ganzen Ehrenamtlichen begreiflich machen, dass ihre Arbeit umsonst ist, wenn einer am Ende sowieso abgeschoben wird?

Amir schaut zur Decke. „Warum soll ich mich integrieren, wenn ich keine Chance habe, zu bleiben?“ Er ist kaum zwei Jahre hier und denkt logisch wie ein Deutscher. „Das ergibt doch keinen Sinn.”

Auf dem Weg zur U-Bahn reichen wir uns die Hände. Wir gleiten in eine freundschaftliche Umarmung über. Unsere Wangen berühren sich, wie es in Afghanistan so üblich ist. Wir machen ein Selfie für seine Familie in Kabul.

„Ich sehe schlimm auf dem Foto aus“, sagt Amir, dem türkische Polizisten die Nase gebrochen haben.
„Schau dir mal meine Augenringe an“, sage ich, die am Wochenende zu tief ins Glas geschaut hat.
Dann verabschieden wir uns. Ob wir uns nächste Woche treffen?
Inschallah. Wenn Gott will, sehen wir uns wieder.

Was wir aufs Spiel setzen, wenn wir unsere Verletzlichkeit verleugnen

Es ist okay, Schwäche zu zeigen. Es ist okay, diesen Text mit Klarnamen zu schreiben. Es ist okay, sich zu entschuldigen, aber auch zu zeigen: Du hast mich verletzt – ich finde, jetzt bist du mal dran. Wo Menschen eher töten, als zu diskutieren, ist das die einzige Chance, die uns bleibt.

Die neue Welt der Kommunikation hat uns viel Gutes gebracht. Sie ist laut und aufregend; sie bildet weiter und schafft Arbeitsplätze. Aber sie verdammt auch Meinungen zu Postulaten und kultiviert Plattitüden zu Jahrhundertwerken. Sie lässt wenig Zeit für Zwischentöne. Die Musik dieser Welt wird eintöniger.

Ich weiß nicht, wie es dir geht, lieber Leser. Aber ist es in deinem Umfeld auch zur Seltenheit geworden, dass Menschen ehrlich miteinander kommunizieren? Ist es denn keine Last für dich, auf allen Kanälen präsent zu sein, und gleichzeitig die wichtigsten Menschen in deinem Leben wahrzunehmen? Ihnen das zu geben, was sie verdient haben – und von ihnen ehrlich zu fordern, was du brauchst? Ich meine damit nicht die verletzende Ehrlichkeit, die in ihrem Wesen unauthentisch ist, weil sie von der eigenen Unzufriedenheit ablenken will. Sondern die Art von Ehrlichkeit, die die Luft zwischen uns vibrieren lässt.

Wir aber haben einen anderen Weg gewählt. Wir kommunizieren durch Hass und Verletzungen. Wir glauben, je cooler und abgeklärter wir wirken, desto besser lässt es sich in dieser Welt überleben. Es ist schwer gegen die ganze Welt zu kämpfen, wenn man kein nordkoreanischer Diktator ist. Aber in dem Moment, wo wir nicht mehr die Größe finden, offen zu unseren Gefühlen zu stehen – egal, wie dunkel diese sind –; wenn wir nicht mehr das Herz in uns finden uns unter all’ der Coolness auch mal verletzlich zu zeigen, verlieren wir einen Teil unserer Menschlichkeit. Und nichts wird in Zeiten des Terrors und der Atombombe dringender gebraucht.

Wir müssten wieder auf die Straße gehen. Sowieso. Dem Gegenüber ins Gesicht schauen und ihm sagen, was wir fühlen. Ob das auf einem Plakat ist oder in einem privaten Gespräch. Ob das auf einem ersten Date ist oder innerhalb einer jahrelangen Freundschaft. Wir werden dafür verurteilt werden. Vielleicht sogar verachtet. Aber damit müssen wir umgehen lernen. Die Kraft dazu finden wir in unserem diskursiven europäischen Geist verankert. Wahrhaftigkeit schützt Frieden.

Auf Datingportalen, zum Beispiel, wird Frauen und Männern dazu geraten, ihre Emotionen im Zaum zu halten. “Wenn du sie ins Bett kriegen willst, musst du das Arschloch spielen.” “Sei nicht die emotionale Frau die du bist – sonst bekommst du ihn nicht.” Der Tenor: Stehe niemals zu deinen Fehlern; niemals zu deinen Gefühlen und Bedürfnissen, wenn du geliebt werden willst.

Das Internet ist voll von diesen How-to-Texten. Sie gaukeln uns eine einfache Welt vor, dabei könnte sie komplexer gerade nicht sein. Sie lassen uns glauben, dass wir uns nur der inneren Sonne zuwenden müssen. Aber das Glück liegt, wie so oft, in der dunkelsten Ecke unseres Darmtrakts begraben.

Diesen Unannehmlichkeiten müssen wir uns stellen. Unserer Scham und Schuld, unserem Neid, unserer Angst. Nicht über Whatsapp, über Twitter, über Tinder. Nicht mit austauschbaren Sprüchen, die wir auf Postkarten klatschen: Das sind nichts weiter als Plattitüden, die uns weismachen wollen, dass wir okay sind. Denn wir sind überhaupt nicht okay. Zumindest nicht immer. Wir sind auch das Schlechteste in uns. Wir machen Fehler, wir verletzen, wir werden verletzt. Wir lieben zu früh, wir hassen zu intensiv; wir brauchen Aufmerksamkeit, um die Einsamkeit in uns zu überdauern. Uns allen geht es schlecht, weil die Welt gerade schlecht ist. Dazu werden wir irgendwann stehen müssen.

Alles egal

Alles ist egal. Alles. Ob du anrufst oder nicht, ob wir uns verabreden, komm halt auf nen Kaffee, stress nicht. Ob du kurz vorher absagst, ob wir uns kennen oder nicht, ich brauch dich nicht, aber ich halte das aufrecht, du hältst das aufrecht, weil wir uns vor zehn Jahren kannten. Alles ist sauegal. Wenn du nicht da wärst, wenn du da bist; juckt mich nicht, berührt mich nicht, da sind noch andere, die mir schreiben. Kann nur antworten, auf die Tasten hausen, scheißegal, wer da vorsitzt; immer der gleiche Witz, immer die gleichen Smileys.
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Ob du anrufst oder nicht? Heute eh keine Zeit, so viel zu tun, so vielen Leuten zu schreiben, kann ich heute, kann ich morgen? Scheißegal. Jeder Tag gleich. Man guckt auf sein Handy und schläft. Zwischendurch isst man, nie alleine, immer mit Ton. Du sagst kurzfristig ab, passt schon, tinder ich halt, treffe jemand, gucke Netflix, hab eh keine Zeit, muss Dinge erledigen, noch dem und dem schreiben, muss ein Buch lesen; muss los, raus, die Stadt entdecken; liege im Bett und scrolle und Alter: eh alles egal.

Ich kann mir Wissen kaufen, kann Intelligenz vorheucheln, kann alles lesen, was ich wissen will. Selbst der Dümmste kann sich einen Scheiß im Internet zusammen klauen und sich schlau stellen. Ich muss nicht alles wissen, muss nicht wissen, wo Syrien liegt. Was der Generationsvertrag ist? Komm Alter, geh. Alles egal, die Werte verschoben, alles dummes Rumgeprolle; Schlacht zwischen intellektualisierten Idioten. Kann den Satz drei Mal schreiben, kann den Satz drei Mal schreiben, kann den Satz drei Mal.

Muss nicht mehr trauern, nicht mehr reflektieren, nicht mehr nachdenken, kann ständig mein Gehirn zuballern, kann mich daneben benehmen, kann ständig unterwegs sein, kann Bier saufen, mit wem ich will. Bin groß, kann zuhause bleiben, kann nachts Cornflakes essen. Was mich an dir gestört hat? Kein Plan, wollte alleine sein, nicht gebunden, eh alles egal, Sex ist anstrengend, zu viel Bewegung, ich will liegen, will alles vergessen, brauche mehr Häuslichkeit. Muss mich nicht mehr selbst entdecken, muss keine Fantasie haben, alles ausgemalt, alles ausgedacht, alles bebildert, alles da.

Kann nicht mehr unterscheiden, wer mir wichtig ist und wen ich nur flüchtig kenne. Alle können mir schreiben, ich kann allen schreiben. Nichts dahinter, kein Gefühl. Ich schicke allen dieselben Smileys, die reihen sich in Chats untereinander. Ich kann Männer vollabern, weil ich ihre Nummer habe; alles austauschbarer Müll, den ich produziere, den ich verbreite. Alles dumme Repetition.

Blauer Himmel, dunkler Himmel, egal. Wo ich wohne, wo ich morgen aufwache? Egal. Weil wir alle überall schon waren, nichts mehr, was es zu entdecken gibt, alle schon mal da gewesen, ständig Abschiedspartys, weil einer ein halbes Jahr weggeht, ständig Fotos von Menschen, die an so viele verrückte Orte fahren, dass ausgerechnet Mallorca einen Touristenboom erlebt. Alles inhaltslos, alles Leere, alles tot. Alle Dinge tot, keiner atmet. Verlust ist unerheblich, Welt ist egal, Freunde sind egal, Tiefe ist egal, Leben ist egal. Ende: eh egal.

Wer Twitter hat, braucht keine Feinde mehr

Peter Tauber von der CDU hat sich online einen Fehltritt geleistet. Dafür musste er büßen. Auch nachdem er sich entschuldigt hat, ist der Mob nicht mehr zu stoppen. Wann ist Twitter zum größten public shaming Monstrum des 21. Jahrhunderts geworden?

Meist sind es dieselben, mutigen Akteure, die öffentlich gegen Onlinemobbing vorgehen. Die sich auflehnen, wenn Menschen wegen ihres Körpers gemobbt werden, wegen ihrer Größe oder Behinderung. Für den unermüdlichen Einsatz muss man ihnen dankbar sein. Dumm nur, wenn diese selbst zum Troll werden.

Liebe mir sonst so teuren Internetmenschen. Wieso bringt ihr mich dazu einen von der CDU zu verteidigen? Was ist aus euch geworden – und was aus mir! Vor Jahren noch wäre ich in die Debatte mit eingesprungen. Hätte mich aufgeregt, hätte nicht losgelassen. Ich kann verstehen, dass es Spaß macht, sich in einer Ungerechtigkeit zu verzetteln, wenn die Timeline mit schlechten Nachrichten durchspült wird. Wenn wir das Gefühl haben, in dieser globalisierten Welt nichts ausrichten zu können. Mittlerweile stehe ich fassungslos bei euren Hexenjagden daneben. Könnt ihr nicht auch mal Dinge gut sein lassen? Besonders solche, die euch morgen nicht mehr interessieren? Morgen wird der Minijob nämlich wieder das sein, was er vorher war: Eine Tragödie, die am Rande der Gesellschaft vor sich hin mäandert.

Was hatte Peter Tauber gesagt? Er hatte Minijobber die Schuld an ihrer eigenen Misere gegeben. Sicherlich war diese Aussage töricht; er wird nicht gerade zufrieden in sein Wochenende gehen. Vielleicht ist Peter Taubers Karriere endgültig vorbei, wegen eines Fehltritts, für den er sich entschuldigt hat. Wer meint, dass er als Person des öffentlichen Lebens selbst daran schuld sei, glaubt auch, dass die Hollywoodschauspielerin ihre Privatsphäre mit dem Millionengehalt abtritt.

In seinem Buch “So you’ve been publicly shamed” erzählt Jon Ronson die Geschichte eines Universitätsprofessoren, dem sämtliche Ehrentitel aberkannt wurden, weil er einen dummen Witz über Frauen auf einer Konferenz machte. Oder die von Justine Sacco, die 140 verhängnisvolle Zeichen vor einem Flug nach Südafrika absetzte, um am Flughafen von einem wütenden Internetmob empfangen zu werden. Ronson zeichnet das Bild einer amerikanischen Gesellschaft, die im digitalen Zeitalter jegliches Maß an Menschlichkeit verloren hat. Mir scheint, dieses Phänomen habe sich exportiert.

Sicher ist Peter Tauber ein Politiker und muss sich seinen politischen Aussagen stellen. Sicher hat er ein wenig Spott und Häme für seine unsensible Aussage verdient. Dass eine Debatte losgetreten wurde, ist positiv. Aber spätestens, wenn wir 800 Mal in der Twitter-Timeline lesen müssen, was jeder Dorftroll ihm “Ordentliches” (haha!) zu sagen hat, ist auch der älteste Witz auserzählt. Wir sollten auch bei Twitter mehr Souveränität wagen. Nicht auf jede Dorfsau aufspringen, im Sinne der Netzkompetenz über unser eigenes Verhalten nachdenken. Oder wie der Historiker und Schriftsteller Prof. Timothy Gorton Ash es formuliert: „Das Recht, etwas zu sagen, heißt nicht, dass es richtig ist, etwas zu sagen.”

Lange nach der Entschuldigung wird Tauber von allen Seiten gedemütigt. Die gestern noch so überschwänglich begrüßte Gesellschaft des Scheiterns ist gescheitert. Twitter kann ein großer Spielplatz für Erwachsene sein. Erwachsene, die nach dem sechsten Mal auffordern immer noch nicht ins Bett wollen; die den Bauklotz unermüdlich an die Wand werfen. Es gibt Kämpfe, die bis zum bitteren Ende gekämpft werden müssen. Aber ein bisschen Bubu tut auch mal gut.

Du und Ich in der Cloud

Ich bin in London während meines Studiums fünf Mal umgezogen. Das ist normal in dieser großen Stadt: Du nimmst deine drei Kartons, deine zwei Koffer, lädst alles in ein Taxi und lässt dich zu deiner neuen Adresse fahren. Dein ganzes Leben, in einem Nachmittag verschleppt.
Einmal habe ich den Sommer in Deutschland gearbeitet und meine Kartons in London gelassen. Der Vermieter hat sie weggeschmissen. Davon habe ich mich nie erholt.
Ich weiß bis heute nicht, was in diesen Kartons gelagert war. Ich hatte nichts daraus vermisst. Vielleicht waren es Ikea-Kerzen, alte Briefe oder Klamotten, die ich schon lange nicht mehr getragen habe. Dennoch schmerzt es mir noch heute, diese Erinnerungen verloren zu haben. Erinnerungen, die mir genommen worden sind; Erinnerungen, die ich nie hatte. Kleine Leben, nie zu Ende gelebt.

Wohin mit den Erinnerungen, wenn eine Beziehung endet? In einen Karton packen, alles wegschmeißen? Wohin mit allem, was du je zu mir gesagt hast, was du mir an den Kopf geworfen hast, wenn du wütend warst. Wohin mit den Orten, die wir gemeinsam besucht haben, wohin mit den Bildern, die vergilben, obwohl sie unsere Farben in die Zukunft tragen. Wir fotografieren den Sonnenaufgang, den schiefen Turm von Pisa, nie aber den Moment des Schlussmachens, des Kündigens, des Verlassenwerdens. Wir legen riesige Datenbanken zu unserem Leben an. Auf Festplatten, in Clouds, auf Facebook-Profilen. Keine Erinnerung darauf eine Unglückliche.
„Lach doch mal“, sagst du, wenn du ein Foto von mir machen willst.

In der Psychologie gibt es den Begriff des Verdrängens. Wir vergessen schwierige Ereignisse, spalten uns ab, zum Schutz unserer Seele. Es gibt Vergewaltigungsopfer, die sich jahrzehntelang nicht an die Tat erinnern, bis sie davon eingeholt werden. Am Ende quillt alles heraus, was uns innerlich belastet.
In einer Deutschlandfunk Sendung über die deutsche Erinnerungskultur erzählt eine ältere Frau über ihren Besuch im Konzentrationslager Dachau. Ihre Tante sei dort umgekommen, sagt sie. Sie habe sich nie vorstellen können, wie es gewesen sein muss, an einer Rampe zu stehen und in den Tod laufen zu müssen. Seitdem sie in Dachau war, sei die Angst und der Schrecken, der sie ihr ganzes Leben lang begleitet hat, verschwunden. Sie könne die kollektiven Erinnerungen der Familie nun einordnen. Ob es nicht an der Zeit wäre, den Holocaust ruhen zu lassen, fragt der Moderator.
„Ich arbeite mit Männern, die als junge Soldaten Schreckliches erlebt haben, die nie darüber gesprochen haben“, sagt die Frau darauf. „Jetzt, wo sie dement sind und keine Chance mehr auf eine Erinnerung haben, fangen sie an zu reden.“

Schöne Erinnerungen finden wir in Datenbanken, auf Festplatten, auf Facebook-Profilen. Unsere Schlechten halten wir geheim. Verstecken diese Kartons, in Briefen, trennen uns davon, um keinen Ballast in die neue Stadt, die neue Wohnung zu nehmen. Wir misten unsere Häuser aus, entledigen uns unserer Vergangenheit. Am Ende quillt alles Schlechte aus uns heraus. Ich finde ein Foto, auf dem du in die Ferne schaust, während ich in die Kamera stiere. Noch wissen wir nicht, dass wir bald zu einer Erinnerung des Anderen werden. Im Moment sind wir das Erlebte. Der Übergang bringt die Stärksten von uns um.

Bildquelle Akio Takemoto

Anders rauscht das Meer in Island

Rauer Wind schleicht in meinen Mantel, ich ziehe die Mütze weiter ins Gesicht. Neben mir stehen rissige Bauten, es fliegt eine Unabhängigkeit in jeder Seele umher, die mir entgegen kommt.
„Wo ist die Hallgrímskirkja?“, frage ich einen älteren Mann, der auf einer Bank sitzt und eine Möwe füttert. Er zeigt nach links, da lang, einfach da entlang. Vorbei am Bonus, am billigsten Supermarkt, der ist vollgepackt mit Touristen. Vor Jahren, während der Finanzkrise, soll die isländische Premierminister Jóhanna Sigurðardóttir im Fernsehen gesagt haben: „Möge Gott uns alle beschützen“. Jetzt ragen riesige Baukräne über der Stadt.

Ich finde die Hallgrímskirkja, die größte Kirche des Landes, sie zeigt Tag und Nacht Punkt zwölf Uhr an, in einer kleinen Stadt wie diesen bist du nie zu spät. Ich nehme den Aufzug nach oben, im achten Stock entkleidet sich vor mir der Blick auf Reykjavik: auf die bunt gestrichenen Häuser, die Plattenbauten in der Ferne, die mit Schnee bedeckten Berge. In der Kirche selbst zählt kein Prunk. Es gibt nur hohe, weiße Decken und Wände mit leichten Einkerbungen, einen Altar aus klar geschnittenem Holz, kein Gold, kaum Statuen, keinen Jesus am Kreuz.

Beim Laufen steigen die Straßen an. Ich zügle das Tempo, ich komme nicht ins Schwitzen; ich will zum alten Hafen, hier soll es billige isländische Fish und Chips geben. Ich bin einer jener Reisenden, die dem Land nicht viel Geld bringen: Ich will lediglich seinen Mythos begreifen.
Ich bestelle „white hake“ mit Salzkartoffeln, alles ist auf Englisch beschrieben, Isländisch sehe ich nur selten in diesen Tagen. Auf jedem Tisch steht eine Flasche Leitungswasser, das so sauber ist, dass es exportiert wird. Ich frage den Kellner, ob man in Reykjavik Trinkgeld gibt. Ich will freundlich sein, will Fragen stellen, die mein Reiseführer nur ohne die kulturellen Zwischentöne beantwortet. Er nickt ab, weicht meiner Frage aus, er schaut auf sein Handy. Ich bin ihm mit meiner forschen, deutschen Art vielleicht zu nahe getreten.

Ich biege ab in Richtung des „old harbour“, des alten Hafens. Hier reihen sich Restaurants aneinander, aber auch kleine Pop-up-Stores. Ich besuche einen nach dem anderen, immer ist sofort jemand da, der dich dann in Ruhe lässt. Reserviert stehen die Verkäuferinnen in der Ecke, drehen sich die Haare zurecht, warten in Leggings, Boots, Wollpullovern, tiefdunkelrotem Lippenstift. Ich laufe weiter auf den Fjord zu, die Farbe an den Fabrikgebäuden blättert ab, Seemänner schreien aus vollem Halse, sie sammeln Netze ein oder scheuchen Möwen weg, die ihnen auf die Schulter scheißen. Sie sehen längst nicht mehr, was ich sehe oder nehmen dies nur als Unterton wahr: die weißen Bergspitzen, die in die Wolken ragen, das kaltblaue Wasser, das in geraden Wellen sein eigenes Lied spielt, die riesigen Schiffe, die auf dem Weg in die Arktis sind. Würden sie fragen, ob ich mitkommen will: Keine Sekunde würde ich zögern. Island ist ein schwerer Traum und eine leichte Realität. Alles, was mich in Deutschland hält, würde im Moment der Entscheidung in den Hintergrund geraten. Wie die Berge, die mich begleiten, wo immer ich bin. Wie die ruhigen Isländer, die neben mir, vor mir, hinter mir laufen; mit denen ich aber nie zusammenstoße.

In der Laugarvegur-Straße, die einzige Partymeile Islands, bestelle ich einen Pint Gullbier für 8 Euro. Ich bin darüber sehr wütend, setze mich an einen Tisch, an dem bereits ein Mann in einer Daunenjacke Platz genommen hat. Seine Wollmütze ist so weit nach hinten gezogen, dass ich seine Geheimratsecken sehen kann.
„Teuer, was?“, flüstert er.
Ich nicke. „In Deutschland kostet ein Bier die Hälfte.” Woher kommt nur der Reflex, alles mit dem Heimatland zu vergleichen; eine einzige Sache zu vergleichen und daran alles andere abzuleiten?
„Ihr müsst alle sehr reich sein“, sage ich noch, weil Bier macht mutig.
Der Mann stiert in sein fast leeres Glas. „Die meisten von uns kommen kaum über die Runden.” Er trinkt aus, steht auf und klopft auf den Tisch. „Wenigstens ist das Leitungswasser so gut, dass man es aus dem Hahn saufen kann.“
„Wir haben noch ein paar Plätze in der EU frei“, rufe ich zum Abschied. Seit der Europameisterschaft lieben wir die Isländer. Und alles, was der europäische Geist liebt, will er besitzen.
Der Mann dreht sich ein letztes Mal zu mir um. „Und was wird dann aus unseren Fischen?“

Ich schlendere die Partymeile hinunter, es ist Freitagabend, betrunkene Engländer torkeln mir entgegen, die müssen aber auch jedes Land vollkotzen. Der Sonnenuntergang steht kurz bevor, beinahe hätte ich ihn verpasst. Aber in einer kleinen Stadt wie diesen bist du nie zu spät. In Reykjavik? Bist du immer da, wo du sein solltest.

Burka, Hotpants oder Botox – Tragt doch, was ihr wollt

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Immer wieder tauchen Online-Petitionen und Pseudodiskussionen über das auf, was frau tragen darf. Nationalfeministen plädieren auf ein Burka-Verbot, weil sie es als alleiniges Symbol der Frauenunterdrückung sehen wollen. Schulleiterinnen schützen sich vor aufreizenden Schülerinnen in Hotpants. Die Boulevardpresse rechtfertigt ihre Auflage mit der Besprechung von Botox-Kuren weiblicher Prominenten. Wann dürfen Frauen tragen, was sie wollen?

Baden-Württemberg 2015. Dort wurde an einer Realschule darüber diskutiert, ob junge Mädchen Hotpants tragen dürfen. Die Schulleiterin verfasste einen Brief an die Eltern, in denen sie sich gegen aufreizende Kleidung aussprach und stattdessen lange Shirts verteilen wollte. Ihr Wortlaut: „Wir wollen damit ein kleines Stück zu einem gesunden Schulklima beitragen, in dem sich alle wohlfühlen und in dem gesellschaftliche und soziale Werte gelebt und gefördert werden.” Es ist eben jene Individualität, eben jene freie Entscheidung der Frauen, die hier im Keim erstickt werden. Denn es ist ja nicht nur das Problem einer Schule, das dort zutage getreten ist. Offenbar scheint es vielen immer noch nicht klar, dass ein Minirock unter das Recht der freien Selbstentfaltung fällt. Was in Großstädten längst angekommen, liegt auf Dorfackern eher brach: Dort fängt der Eklat oft an, wo sich junge Frauen mit Minirock auf der Straße zeigen.

Blättern wir in Boulevardmagazinen, wird uns regelmäßig der Körperbau und die Cellulite prominenter Frauen vorgeführt. „Die ist ja auch nur ein Mensch“, soll uns damit suggeriert werden. Was zunächst begrüßenswert wäre, hat einen hohen Preis. Nämlich den der Privatsphäre. Warum müssen Frauen vor die Linse gezerrt und entmündigt werden, damit wir uns besser fühlen? Haben sie ihr Recht auf Privatsphäre mit ihrem überdurchschnittlich großen Gehalt verwirkt? Auch Frauen, die sich Botox-Kuren unterziehen, sind vor der ständigen Beobachtung der Öffentlichkeit nicht sicher – es ist übrigens dieselbe, die sie bei nicht behandelter Haut an den Pranger stellen. Sicherlich ist zu diskutieren, ob Eingriffe in die Schönheit der richtige Weg sind, um Anerkennung zu erlangen. Grundsätzlich gilt auch hier: Botox ist ein Menschenrecht.

“Ich will meinem Gegenüber in die Augen schauen.” Dies, ein beliebter Satz, der in der Diskussion um das Burka-Verbot immer wieder angeführt wird. Unser Wohlbefinden soll fortan wichtiger sein als geltende Gesetze: Individualwohl über Gemeinwohl, so soll es laufen. Nachweislich ist es in Frankreich, wo das Burkaverbot 2011 durchgesetzt wurde, zu Zwischenfällen gekommen. Frauen kassierten hohe Geldstrafen, weil sie sich weigerten, ohne Burka oder Nikab das Haus zu verlassen. Andere bissen Polizisten in die Hand, als diese sie zwingen wollten, ihre Vollverschleierung abzulegen. Nachdem sie sich körperlich gegen diese Grenzverletzung wehrten, gab es die Quitting: Sie wurden in die radikal-islamistische Ecke eingeordnet. Wir müssen behutsamer argumentieren, um Radikalismus einzudämmen. Wir müssen uns auf die Justiz verlassen, wenn wirkliche Unterdrückung herrscht. Ein Amerika der Herzen gibt es nicht.

Burka-Verbot, Hotpants-Aus, Botox-Kur: Das ist die komplexe Welt, die uns diese Differenzierung abverlangt. Wir leben in einem Europa, das auseinanderzubrechen droht. Uns erreichen jeden Tag viele Flüchtlinge; Weltvölker vermischen sich. Frauen aus allen Völkern sind heute gefragt, sich vermehrt Fragen zu stellen: Welches Recht will ich in dieser Gesellschaft durchsetzen? Dass ich anziehen darf, was ich will? Oder, dass ich meine Individualität und Religionsfreiheit fortan staatlich reglementieren lasse? Es liegt gerade heute, am Weltfrauentag, aber auch sonst an uns, das neue Frauenbild in Europa zu formen. Das geht nicht über Facebook, auf Twitter und nicht mithilfe der AfD. Auch wenn alle uns einen Umbruch versprechen. Dies ist unsere Zeit. Wie wir uns darin zeigen, sollte unsere Sorge sein.


Das Bild habe ich mit freundlicher Genehmigung von Claudia Dea benutzt.

Von Müttern und Töchtern und dem Drama drumherum

Liebe Leser,

nun habe ich mich wochenlang mit der klassischen Mutter-Tochter-Beziehung beschäftigt und dabei vor allen Dingen herausgefunden, dass dies noch ein höchst unerforschtes Feld ist. Uff.

Für EDITION F habe ich in einem Artikel meine weiteren Erkenntnisse aufgeschrieben, wer daran interessiert ist, der kann gerne hier mit hinkommen.

Wie immer freue ich mich über Kommentare, Antworten und qualifizierte Kritik.