Alles egal

Alles ist egal. Alles. Ob du anrufst oder nicht, ob wir uns verabreden, komm halt auf nen Kaffee, stress nicht. Ob du kurz vorher absagst, ob wir uns kennen oder nicht, ich brauch dich nicht, aber ich halte das aufrecht, du hältst das aufrecht, weil wir uns vor zehn Jahren kannten. Alles ist sauegal. Wenn du nicht da wärst, wenn du da bist; juckt mich nicht, berührt mich nicht, da sind noch andere, die mir schreiben. Kann nur antworten, auf die Tasten hausen, scheißegal, wer da vorsitzt; immer der gleiche Witz, immer die gleichen Smileys.
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Ob du anrufst oder nicht? Heute eh keine Zeit, so viel zu tun, so vielen Leuten zu schreiben, kann ich heute, kann ich morgen? Scheißegal. Jeder Tag gleich. Man guckt auf sein Handy und schläft. Zwischendurch isst man, nie alleine, immer mit Ton. Du sagst kurzfristig ab, passt schon, tinder ich halt, treffe jemand, gucke Netflix, hab eh keine Zeit, muss Dinge erledigen, noch dem und dem schreiben, muss ein Buch lesen; muss los, raus, die Stadt entdecken; liege im Bett und scrolle und Alter: eh alles egal.

Ich kann mir Wissen kaufen, kann Intelligenz vorheucheln, kann alles lesen, was ich wissen will. Selbst der Dümmste kann sich einen Scheiß im Internet zusammen klauen und sich schlau stellen. Ich muss nicht alles wissen, muss nicht wissen, wo Syrien liegt. Was der Generationsvertrag ist? Komm Alter, geh. Alles egal, die Werte verschoben, alles dummes Rumgeprolle; Schlacht zwischen intellektualisierten Idioten. Kann den Satz drei Mal schreiben, kann den Satz drei Mal schreiben, kann den Satz drei Mal.

Muss nicht mehr trauern, nicht mehr reflektieren, nicht mehr nachdenken, kann ständig mein Gehirn zuballern, kann mich daneben benehmen, kann ständig unterwegs sein, kann Bier saufen, mit wem ich will. Bin groß, kann zuhause bleiben, kann nachts Cornflakes essen. Was mich an dir gestört hat? Kein Plan, wollte alleine sein, nicht gebunden, eh alles egal, Sex ist anstrengend, zu viel Bewegung, ich will liegen, will alles vergessen, brauche mehr Häuslichkeit. Muss mich nicht mehr selbst entdecken, muss keine Fantasie haben, alles ausgemalt, alles ausgedacht, alles bebildert, alles da.

Kann nicht mehr unterscheiden, wer mir wichtig ist und wen ich nur flüchtig kenne. Alle können mir schreiben, ich kann allen schreiben. Nichts dahinter, kein Gefühl. Ich schicke allen dieselben Smileys, die reihen sich in Chats untereinander. Ich kann Männer vollabern, weil ich ihre Nummer habe; alles austauschbarer Müll, den ich produziere, den ich verbreite. Alles dumme Repetition.

Blauer Himmel, dunkler Himmel, egal. Wo ich wohne, wo ich morgen aufwache? Egal. Weil wir alle überall schon waren, nichts mehr, was es zu entdecken gibt, alle schon mal da gewesen, ständig Abschiedspartys, weil einer ein halbes Jahr weggeht, ständig Fotos von Menschen, die an so viele verrückte Orte fahren, dass ausgerechnet Mallorca einen Touristenboom erlebt. Alles inhaltslos, alles Leere, alles tot. Alle Dinge tot, keiner atmet. Verlust ist unerheblich, Welt ist egal, Freunde sind egal, Tiefe ist egal, Leben ist egal. Ende: eh egal.

Wer Twitter hat, braucht keine Feinde mehr

Peter Tauber von der CDU hat sich online einen Fehltritt geleistet. Dafür musste er büßen. Auch nachdem er sich entschuldigt hat, ist der Mob nicht mehr zu stoppen. Wann ist Twitter zum größten public shaming Monstrum des 21. Jahrhunderts geworden?

Meist sind es dieselben, mutigen Akteure, die öffentlich gegen Onlinemobbing vorgehen. Die sich auflehnen, wenn Menschen wegen ihres Körpers gemobbt werden, wegen ihrer Größe oder Behinderung. Für den unermüdlichen Einsatz muss man ihnen dankbar sein. Dumm nur, wenn diese selbst zum Troll werden.

Liebe mir sonst so teuren Internetmenschen. Wieso bringt ihr mich dazu einen von der CDU zu verteidigen? Was ist aus euch geworden – und was aus mir! Vor Jahren noch wäre ich in die Debatte mit eingesprungen. Hätte mich aufgeregt, hätte nicht losgelassen. Ich kann verstehen, dass es Spaß macht, sich in einer Ungerechtigkeit zu verzetteln, wenn die Timeline mit schlechten Nachrichten durchspült wird. Wenn wir das Gefühl haben, in dieser globalisierten Welt nichts ausrichten zu können. Mittlerweile stehe ich fassungslos bei euren Hexenjagden daneben. Könnt ihr nicht auch mal Dinge gut sein lassen? Besonders solche, die euch morgen nicht mehr interessieren? Morgen wird der Minijob nämlich wieder das sein, was er vorher war: Eine Tragödie, die am Rande der Gesellschaft vor sich hin mäandert.

Was hatte Peter Tauber gesagt? Er hatte Minijobber die Schuld an ihrer eigenen Misere gegeben. Sicherlich war diese Aussage töricht; er wird nicht gerade zufrieden in sein Wochenende gehen. Vielleicht ist Peter Taubers Karriere endgültig vorbei, wegen eines Fehltritts, für den er sich entschuldigt hat. Wer meint, dass er als Person des öffentlichen Lebens selbst daran schuld sei, glaubt auch, dass die Hollywoodschauspielerin ihre Privatsphäre mit dem Millionengehalt abtritt.

In seinem Buch “So you’ve been publicly shamed” erzählt Jon Ronson die Geschichte eines Universitätsprofessoren, dem sämtliche Ehrentitel aberkannt wurden, weil er einen dummen Witz über Frauen auf einer Konferenz machte. Oder die von Justine Sacco, die 140 verhängnisvolle Zeichen vor einem Flug nach Südafrika absetzte, um am Flughafen von einem wütenden Internetmob empfangen zu werden. Ronson zeichnet das Bild einer amerikanischen Gesellschaft, die im digitalen Zeitalter jegliches Maß an Menschlichkeit verloren hat. Mir scheint, dieses Phänomen habe sich exportiert.

Sicher ist Peter Tauber ein Politiker und muss sich seinen politischen Aussagen stellen. Sicher hat er ein wenig Spott und Häme für seine unsensible Aussage verdient. Dass eine Debatte losgetreten wurde, ist positiv. Aber spätestens, wenn wir 800 Mal in der Twitter-Timeline lesen müssen, was jeder Dorftroll ihm “Ordentliches” (haha!) zu sagen hat, ist auch der älteste Witz auserzählt. Wir sollten auch bei Twitter mehr Souveränität wagen. Nicht auf jede Dorfsau aufspringen, im Sinne der Netzkompetenz über unser eigenes Verhalten nachdenken. Oder wie der Historiker und Schriftsteller Prof. Timothy Gorton Ash es formuliert: „Das Recht, etwas zu sagen, heißt nicht, dass es richtig ist, etwas zu sagen.”

Lange nach der Entschuldigung wird Tauber von allen Seiten gedemütigt. Die gestern noch so überschwänglich begrüßte Gesellschaft des Scheiterns ist gescheitert. Twitter kann ein großer Spielplatz für Erwachsene sein. Erwachsene, die nach dem sechsten Mal auffordern immer noch nicht ins Bett wollen; die den Bauklotz unermüdlich an die Wand werfen. Es gibt Kämpfe, die bis zum bitteren Ende gekämpft werden müssen. Aber ein bisschen Bubu tut auch mal gut.

Du und Ich in der Cloud

Ich bin in London während meines Studiums fünf Mal umgezogen. Das ist normal in dieser großen Stadt: Du nimmst deine drei Kartons, deine zwei Koffer, lädst alles in ein Taxi und lässt dich zu deiner neuen Adresse fahren. Dein ganzes Leben, in einem Nachmittag verschleppt.
Einmal habe ich den Sommer in Deutschland gearbeitet und meine Kartons in London gelassen. Der Vermieter hat sie weggeschmissen. Davon habe ich mich nie erholt.
Ich weiß bis heute nicht, was in diesen Kartons gelagert war. Ich hatte nichts daraus vermisst. Vielleicht waren es Ikea-Kerzen, alte Briefe oder Klamotten, die ich schon lange nicht mehr getragen habe. Dennoch schmerzt es mir noch heute, diese Erinnerungen verloren zu haben. Erinnerungen, die mir genommen worden sind; Erinnerungen, die ich nie hatte. Kleine Leben, nie zu Ende gelebt.

Wohin mit den Erinnerungen, wenn eine Beziehung endet? In einen Karton packen, alles wegschmeißen? Wohin mit allem, was du je zu mir gesagt hast, was du mir an den Kopf geworfen hast, wenn du wütend warst. Wohin mit den Orten, die wir gemeinsam besucht haben, wohin mit den Bildern, die vergilben, obwohl sie unsere Farben in die Zukunft tragen. Wir fotografieren den Sonnenaufgang, den schiefen Turm von Pisa, nie aber den Moment des Schlussmachens, des Kündigens, des Verlassenwerdens. Wir legen riesige Datenbanken zu unserem Leben an. Auf Festplatten, in Clouds, auf Facebook-Profilen. Keine Erinnerung darauf eine Unglückliche.
„Lach doch mal“, sagst du, wenn du ein Foto von mir machen willst.

In der Psychologie gibt es den Begriff des Verdrängens. Wir vergessen schwierige Ereignisse, spalten uns ab, zum Schutz unserer Seele. Es gibt Vergewaltigungsopfer, die sich jahrzehntelang nicht an die Tat erinnern, bis sie davon eingeholt werden. Am Ende quillt alles heraus, was uns innerlich belastet.
In einer Deutschlandfunk Sendung über die deutsche Erinnerungskultur erzählt eine ältere Frau über ihren Besuch im Konzentrationslager Dachau. Ihre Tante sei dort umgekommen, sagt sie. Sie habe sich nie vorstellen können, wie es gewesen sein muss, an einer Rampe zu stehen und in den Tod laufen zu müssen. Seitdem sie in Dachau war, sei die Angst und der Schrecken, der sie ihr ganzes Leben lang begleitet hat, verschwunden. Sie könne die kollektiven Erinnerungen der Familie nun einordnen. Ob es nicht an der Zeit wäre, den Holocaust ruhen zu lassen, fragt der Moderator.
„Ich arbeite mit Männern, die als junge Soldaten Schreckliches erlebt haben, die nie darüber gesprochen haben“, sagt die Frau darauf. „Jetzt, wo sie dement sind und keine Chance mehr auf eine Erinnerung haben, fangen sie an zu reden.“

Schöne Erinnerungen finden wir in Datenbanken, auf Festplatten, auf Facebook-Profilen. Unsere Schlechten halten wir geheim. Verstecken diese Kartons, in Briefen, trennen uns davon, um keinen Ballast in die neue Stadt, die neue Wohnung zu nehmen. Wir misten unsere Häuser aus, entledigen uns unserer Vergangenheit. Am Ende quillt alles Schlechte aus uns heraus. Ich finde ein Foto, auf dem du in die Ferne schaust, während ich in die Kamera stiere. Noch wissen wir nicht, dass wir bald zu einer Erinnerung des Anderen werden. Im Moment sind wir das Erlebte. Der Übergang bringt die Stärksten von uns um.

Bildquelle Akio Takemoto

Anders rauscht das Meer in Island

Rauer Wind schleicht in meinen Mantel, ich ziehe die Mütze weiter ins Gesicht. Neben mir stehen rissige Bauten, es fliegt eine Unabhängigkeit in jeder Seele umher, die mir entgegen kommt.
„Wo ist die Hallgrímskirkja?“, frage ich einen älteren Mann, der auf einer Bank sitzt und eine Möwe füttert. Er zeigt nach links, da lang, einfach da entlang. Vorbei am Bonus, am billigsten Supermarkt, der ist vollgepackt mit Touristen. Vor Jahren, während der Finanzkrise, soll die isländische Premierminister Jóhanna Sigurðardóttir im Fernsehen gesagt haben: „Möge Gott uns alle beschützen“. Jetzt ragen riesige Baukräne über der Stadt.

Ich finde die Hallgrímskirkja, die größte Kirche des Landes, sie zeigt Tag und Nacht Punkt zwölf Uhr an, in einer kleinen Stadt wie diesen bist du nie zu spät. Ich nehme den Aufzug nach oben, im achten Stock entkleidet sich vor mir der Blick auf Reykjavik: auf die bunt gestrichenen Häuser, die Plattenbauten in der Ferne, die mit Schnee bedeckten Berge. In der Kirche selbst zählt kein Prunk. Es gibt nur hohe, weiße Decken und Wände mit leichten Einkerbungen, einen Altar aus klar geschnittenem Holz, kein Gold, kaum Statuen, keinen Jesus am Kreuz.

Beim Laufen steigen die Straßen an. Ich zügle das Tempo, ich komme nicht ins Schwitzen; ich will zum alten Hafen, hier soll es billige isländische Fish und Chips geben. Ich bin einer jener Reisenden, die dem Land nicht viel Geld bringen: Ich will lediglich seinen Mythos begreifen.
Ich bestelle „white hake“ mit Salzkartoffeln, alles ist auf Englisch beschrieben, Isländisch sehe ich nur selten in diesen Tagen. Auf jedem Tisch steht eine Flasche Leitungswasser, das so sauber ist, dass es exportiert wird. Ich frage den Kellner, ob man in Reykjavik Trinkgeld gibt. Ich will freundlich sein, will Fragen stellen, die mein Reiseführer nur ohne die kulturellen Zwischentöne beantwortet. Er nickt ab, weicht meiner Frage aus, er schaut auf sein Handy. Ich bin ihm mit meiner forschen, deutschen Art vielleicht zu nahe getreten.

Ich biege ab in Richtung des „old harbour“, des alten Hafens. Hier reihen sich Restaurants aneinander, aber auch kleine Pop-up-Stores. Ich besuche einen nach dem anderen, immer ist sofort jemand da, der dich dann in Ruhe lässt. Reserviert stehen die Verkäuferinnen in der Ecke, drehen sich die Haare zurecht, warten in Leggings, Boots, Wollpullovern, tiefdunkelrotem Lippenstift. Ich laufe weiter auf den Fjord zu, die Farbe an den Fabrikgebäuden blättert ab, Seemänner schreien aus vollem Halse, sie sammeln Netze ein oder scheuchen Möwen weg, die ihnen auf die Schulter scheißen. Sie sehen längst nicht mehr, was ich sehe oder nehmen dies nur als Unterton wahr: die weißen Bergspitzen, die in die Wolken ragen, das kaltblaue Wasser, das in geraden Wellen sein eigenes Lied spielt, die riesigen Schiffe, die auf dem Weg in die Arktis sind. Würden sie fragen, ob ich mitkommen will: Keine Sekunde würde ich zögern. Island ist ein schwerer Traum und eine leichte Realität. Alles, was mich in Deutschland hält, würde im Moment der Entscheidung in den Hintergrund geraten. Wie die Berge, die mich begleiten, wo immer ich bin. Wie die ruhigen Isländer, die neben mir, vor mir, hinter mir laufen; mit denen ich aber nie zusammenstoße.

In der Laugarvegur-Straße, die einzige Partymeile Islands, bestelle ich einen Pint Gullbier für 8 Euro. Ich bin darüber sehr wütend, setze mich an einen Tisch, an dem bereits ein Mann in einer Daunenjacke Platz genommen hat. Seine Wollmütze ist so weit nach hinten gezogen, dass ich seine Geheimratsecken sehen kann.
„Teuer, was?“, flüstert er.
Ich nicke. „In Deutschland kostet ein Bier die Hälfte.” Woher kommt nur der Reflex, alles mit dem Heimatland zu vergleichen; eine einzige Sache zu vergleichen und daran alles andere abzuleiten?
„Ihr müsst alle sehr reich sein“, sage ich noch, weil Bier macht mutig.
Der Mann stiert in sein fast leeres Glas. „Die meisten von uns kommen kaum über die Runden.” Er trinkt aus, steht auf und klopft auf den Tisch. „Wenigstens ist das Leitungswasser so gut, dass man es aus dem Hahn saufen kann.“
„Wir haben noch ein paar Plätze in der EU frei“, rufe ich zum Abschied. Seit der Europameisterschaft lieben wir die Isländer. Und alles, was der europäische Geist liebt, will er besitzen.
Der Mann dreht sich ein letztes Mal zu mir um. „Und was wird dann aus unseren Fischen?“

Ich schlendere die Partymeile hinunter, es ist Freitagabend, betrunkene Engländer torkeln mir entgegen, die müssen aber auch jedes Land vollkotzen. Der Sonnenuntergang steht kurz bevor, beinahe hätte ich ihn verpasst. Aber in einer kleinen Stadt wie diesen bist du nie zu spät. In Reykjavik? Bist du immer da, wo du sein solltest.

Burka, Hotpants oder Botox – Tragt doch, was ihr wollt

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Immer wieder tauchen Online-Petitionen und Pseudodiskussionen über das auf, was frau tragen darf. Nationalfeministen plädieren auf ein Burka-Verbot, weil sie es als alleiniges Symbol der Frauenunterdrückung sehen wollen. Schulleiterinnen schützen sich vor aufreizenden Schülerinnen in Hotpants. Die Boulevardpresse rechtfertigt ihre Auflage mit der Besprechung von Botox-Kuren weiblicher Prominenten. Wann dürfen Frauen tragen, was sie wollen?

Baden-Württemberg 2015. Dort wurde an einer Realschule darüber diskutiert, ob junge Mädchen Hotpants tragen dürfen. Die Schulleiterin verfasste einen Brief an die Eltern, in denen sie sich gegen aufreizende Kleidung aussprach und stattdessen lange Shirts verteilen wollte. Ihr Wortlaut: „Wir wollen damit ein kleines Stück zu einem gesunden Schulklima beitragen, in dem sich alle wohlfühlen und in dem gesellschaftliche und soziale Werte gelebt und gefördert werden.” Es ist eben jene Individualität, eben jene freie Entscheidung der Frauen, die hier im Keim erstickt werden. Denn es ist ja nicht nur das Problem einer Schule, das dort zutage getreten ist. Offenbar scheint es vielen immer noch nicht klar, dass ein Minirock unter das Recht der freien Selbstentfaltung fällt. Was in Großstädten längst angekommen, liegt auf Dorfackern eher brach: Dort fängt der Eklat oft an, wo sich junge Frauen mit Minirock auf der Straße zeigen.

Blättern wir in Boulevardmagazinen, wird uns regelmäßig der Körperbau und die Cellulite prominenter Frauen vorgeführt. „Die ist ja auch nur ein Mensch“, soll uns damit suggeriert werden. Was zunächst begrüßenswert wäre, hat einen hohen Preis. Nämlich den der Privatsphäre. Warum müssen Frauen vor die Linse gezerrt und entmündigt werden, damit wir uns besser fühlen? Haben sie ihr Recht auf Privatsphäre mit ihrem überdurchschnittlich großen Gehalt verwirkt? Auch Frauen, die sich Botox-Kuren unterziehen, sind vor der ständigen Beobachtung der Öffentlichkeit nicht sicher – es ist übrigens dieselbe, die sie bei nicht behandelter Haut an den Pranger stellen. Sicherlich ist zu diskutieren, ob Eingriffe in die Schönheit der richtige Weg sind, um Anerkennung zu erlangen. Grundsätzlich gilt auch hier: Botox ist ein Menschenrecht.

“Ich will meinem Gegenüber in die Augen schauen.” Dies, ein beliebter Satz, der in der Diskussion um das Burka-Verbot immer wieder angeführt wird. Unser Wohlbefinden soll fortan wichtiger sein als geltende Gesetze: Individualwohl über Gemeinwohl, so soll es laufen. Nachweislich ist es in Frankreich, wo das Burkaverbot 2011 durchgesetzt wurde, zu Zwischenfällen gekommen. Frauen kassierten hohe Geldstrafen, weil sie sich weigerten, ohne Burka oder Nikab das Haus zu verlassen. Andere bissen Polizisten in die Hand, als diese sie zwingen wollten, ihre Vollverschleierung abzulegen. Nachdem sie sich körperlich gegen diese Grenzverletzung wehrten, gab es die Quitting: Sie wurden in die radikal-islamistische Ecke eingeordnet. Wir müssen behutsamer argumentieren, um Radikalismus einzudämmen. Wir müssen uns auf die Justiz verlassen, wenn wirkliche Unterdrückung herrscht. Ein Amerika der Herzen gibt es nicht.

Burka-Verbot, Hotpants-Aus, Botox-Kur: Das ist die komplexe Welt, die uns diese Differenzierung abverlangt. Wir leben in einem Europa, das auseinanderzubrechen droht. Uns erreichen jeden Tag viele Flüchtlinge; Weltvölker vermischen sich. Frauen aus allen Völkern sind heute gefragt, sich vermehrt Fragen zu stellen: Welches Recht will ich in dieser Gesellschaft durchsetzen? Dass ich anziehen darf, was ich will? Oder, dass ich meine Individualität und Religionsfreiheit fortan staatlich reglementieren lasse? Es liegt gerade heute, am Weltfrauentag, aber auch sonst an uns, das neue Frauenbild in Europa zu formen. Das geht nicht über Facebook, auf Twitter und nicht mithilfe der AfD. Auch wenn alle uns einen Umbruch versprechen. Dies ist unsere Zeit. Wie wir uns darin zeigen, sollte unsere Sorge sein.


Das Bild habe ich mit freundlicher Genehmigung von Claudia Dea benutzt.

Von Müttern und Töchtern und dem Drama drumherum

Liebe Leser,

nun habe ich mich wochenlang mit der klassischen Mutter-Tochter-Beziehung beschäftigt und dabei vor allen Dingen herausgefunden, dass dies noch ein höchst unerforschtes Feld ist. Uff.

Für EDITION F habe ich in einem Artikel meine weiteren Erkenntnisse aufgeschrieben, wer daran interessiert ist, der kann gerne hier mit hinkommen.

Wie immer freue ich mich über Kommentare, Antworten und qualifizierte Kritik.

Die Birken am Ende der Rampe

Ein Besuch in Auschwitz Birkenau

Wir fahren mit dem Bus nach Birkenau. Das Vernichtungslager liegt ein paar Kilometer vom Stammlager Auschwitz entfernt. Ich folge der Gruppe durch den Haupteingang, laufe unter freiem Himmel. Er gibt mir die Freiheit nach oben zu schauen, liegt nicht weniger bedrückend auf meinen Schultern. Wir gehen die Gleise entlang zur Rampe, an der die Gefangenen selektiert wurden, nachdem sie in überfüllten Zügen aus ganz Europa eingefahren waren. Arbeitsfähig oder nicht, darüber entschied ein Daumen. Alte, Kranke und Kinder wurden sofort in die Gaskammern geschickt. Damit sie vor ihrem Tod nicht aufbegehren, wurde ihnen erzählt, sie würden in ein Sonderlager kommen. Eines, in dem sie nicht arbeiten müssten, in dem es frische Milch für die Kinder gäbe. Den Nazis war keine Lüge zu perfide, damit ihre Tötungsmaschinerie reibungslos funktionierte. Aber ich weiß jetzt, was hier passiert ist.

Ich folge Barbara zu den Gedenktafeln am Ende der Rampe. „Hier ermordeten die Nazis etwa anderthalb Millionen Männer, Frauen und Kinder”, steht da. An den Massengräbern lauschen wir Barbaras Worten. Beide Krematorien wurden zerstört, erst teilweise bei einem Aufstand vom “Sonderkommando”, also von den ausgewählten Juden, die gezwungen wurden, ihr Volk aus den Gaskammern herauszutragen, zu plündern und zu verbrennen. Am Ende des Krieges zerstörten es die Nazis vollständig, um Spuren zu verwischen. „Mögen die Opfer in Frieden ruhen”, schließt Barbara diesen Teil der Führung nach einer inoffiziellen Gedenkminute. Zum Schweigen auffordern musste sie uns kein einziges Mal an diesem Tag.

Vom Scheißmeister und den Todesbaracken

Barbara will uns jetzt die Baracken zeigen. Die meisten sind unbegehbar aufgrund eines Unwetters, das vor ein paar Jahren den Grund auf den Feldern aufgeweicht hatte. „Uns fehlt das Geld, diese zu konservieren.” Zwei Baracken dürfen wir näher betrachten. Durch die Fenster sehe ich zwanzig Löcher in einem Balken: Toilettensitze. Hier hatten die Häftlinge 30-40 Sekunden Zeit zur Benutzung, das wurde genauestens angeordnet, die Häftlinge nannten die Aufsicht dafür “Scheißmeister“. Das erste Mal muss ich heute lächeln. Was für ein zutiefst menschliches Bedürfnis selbst im schrecklichsten aller Vernichtungslager geherrscht haben musste, den Dingen einen Namen zu geben.

Die zweite Baracke wirkt auf mich wesentlich bedrückender. Hier schliefen die Häftlinge. Am Ende der Pritschen stehen zwei kleine Öfen, die im Winter nicht ansatzweise ausreichend geheizt hatten, wie Barbara uns erzählt. Auf den Pritschen selbst, davon waren drei übereinander gereiht, schliefen bis zu neun Menschen unter zwei Decken. Die Kranken schafften es meist nur in die unterste Pritsche auf den Steinboden. Kein Heu, keine Kissen. Nur Decken und Holz, von harten Steinen gehalten. Anders als im Stammlager Auschwitz lebten die Menschen hier nur zum Sterben. „Hunderte von ihnen waren in diesen Baracken zusammengepfercht. Kaum eine Chance auf ein Überleben.”

Der Himmel über Auschwitz Birkenau lockert sich auf, ein weiches Rosa erhebt sich über ihn und erhellt den Kommandoturm. Ich werde den verbrannten Geruch in der Nase nicht los. Ob ich mir diesen einbilde, weiß ich nicht. Ich drehe mich um, zum Ende der Rampe, dort wo die Birken stehen, die Namensgeber für diesen Ort. „Ich kenne eine Überlebende, die bis heute keine Birken sehen kann”, erzählt Barbara. Ihrer Stimme ist ebenso ruhig wie am Anfang der Führung. Sie fordert weder Trauer noch Mitleid. Ich frage Barbara, wie viele Deutsche das Lager im Jahr besuchen. „Es sind verhältnismäßig wenige. Dafür kommen viele Japaner.”


Wir alle tragen eine Erbschuld in uns

Wir klatschen, die Tour ist beendet. Ich gebe Barbara zehn Zloty, umgerechnet sind das zwei Euro. Sie lächelt und bedankt sich höflich. Eine Schweizerin, die mit ihrer Tochter und ihrem Mann hier ist, fragt mich, ob es mich nicht nerve, dass die Deutschen das Thema Holocaust immer wieder hervorholen würden. „Das ist doch längst Geschichte“, sagt sie.
„Waren Sie heute nicht mit uns hier?“, frage ich. „Ich finde, man kann das Thema gar nicht oft genug herausholen.“

Ich glaube der Frau, dass die deutsche Aufarbeitung der Nazizeit für Ausländer schwer zu begreifen ist. Ich habe meine Erbschuld als Teil meiner Identität längst akzeptiert. Sie gehört für mich zum Deutschsein dazu und ich werde niemals begreifen, wie es auch nur einem Menschen einfallen kann, das Thema auf sich beruhen zu lassen. Wie kann man den systematischen und grausamen Mord an Millionen von Juden vergessen wollen – und wieso fühle ich mich davon gestört? Wichtiger noch: Was ist das für eine lächerliche Bürde, die ich zu tragen haben im Gegensatz zu den Opfern? Für mich war dieser Besuch heute wichtig. Ich fühle mich aufgeklärt, ich habe die Opfer betrauert, ich habe mich diesem Teil unserer Vergangenheit gestellt. Und ich werde davon erzählen.

Dies ist der zweite Teil meines Besuchs im Vernichtungslager Auschwitz Birkenau.

Auschwitz sehen und nie vergessen

Ich fahre am frühen Morgen mit einem weißen Reisebus in Krakau los. Das größte Vernichtungslager ist eine Touristenattraktion für die Gegend, überall sind Plakate angeschlagen, überall liegen Flyer aus. 35 Euro zahle ich umgerechnet für den Tag in Auschwitz-Birkenau. Im Bus sind wir nur deutschsprachige Touristen: zwei Studentinnen, die in Polen ein Auslandssemester machen, ein Ehepaar aus der Schweiz mit ihrer erwachsenen Tochter und zwei schweigsame Männer Anfang Zwanzig.

Ich tausche mich mit den anderen über die Transportmöglichkeiten aus, ein Zug wäre für weniger Geld nach Auschwitz gefahren, aber das, so finden wir alle, wäre zu makaber gewesen. Ich spüre eine leichte Angst in mir aufkommen, dass es mich bereits am Eingang in die Knie zwingt, aber noch ist die Stimmung wie die auf einer Klassenfahrt. Ich erzähle den Studentinnen von meinen ersten Tagen in Krakau, es ist neblig und dunkel, der Bus ist warm. „Die Milchbars hier sind geil, oder?” Ich nicke kurz ein und wache erst auf, als wir an dem großen Schild vorbeifahren.

Welcome to Auschwitz-Birkenau

Unsere Gruppe wird von einem jungen Mann auf dem Parkplatz empfangen. Hier gibt es ein Restaurant und ein Toilettenhäuschen. Er bringt uns über die Straße zum Stammlager und stellt uns Barbara vor, die uns zwei Stunden vom Stammlager Auschwitz erzählen wird. Barbara spricht mit einem starken polnischen Akzent. Sie trägt eine Pudelmütze, eine Brille und einen Gehstock der Hand. Sie ist streng geschminkt. Ihre tiefe Stimme wirkt beruhigend. Sie spricht getragen, aber klar. Sie bittet uns die Kopfhörer einzuschalten und Kanal 5 einzustellen, auf dem wir ihre Stimme empfangen.

Etwa hundert Meter entfernt sehe ich den Schriftzug: Arbeit macht frei. Ich schlucke, erst jetzt wird mir klar, dass es diesen zynischen Spruch wirklich gegeben hat. Ich schlucke nochmals, ich will die Tränen unterdrücken: Alles, was ich in den Schulbüchern gesehen habe, wird zur unwiderruflichen Wahrheit. Barbara erklärt uns, dass wir jetzt in das größte Massenvernichtungslager der Nazizeit eintreten. Wir gehen durchs Tor in das Lager hinein, eine Frau telefoniert neben uns laut auf Polnisch. Barabara wirft ihr einen kurzen, scharfen Blick zu.

Wir gehen in einer Reihe hinter Barbara hinterher, wie hinter einer Mutter, die uns schützen soll. Wir betreten das erste Gebäude in einer Reihe von roten Backsteinhäusern. Die Wände sind grau und kahl, die Räume fassen, wie in einem Museum, nur wenige Gegenstände. Wir erfahren, wie viele Menschen hier gestorben sind, wissen bald über ihre Nationalität. Ich seufze nicht, das steht mir in Anbetracht dessen, was hier passiert ist, nicht zu.


Der Lageralltag

Barbara erzählt unentwegt, vom Lageralltag, vom berüchtigten Block 11, dem Todesblock, in denen viele Gefangene nach 12 Stunden harter Arbeit in „Stehzellen“ strammstehen mussten, wenn ihnen ein Sabotageversuch angelastet wurde. Langsamer arbeiten, zum Beispiel. Auf Toilette gehen, wenn es nicht erlaubt ist. Sie zeigt uns den Appellplatz, auf dem die Häftlinge vor und nach der Arbeit stundenlang parieren mussten, einmal 22 Stunden lang. Wer umfiel, wurde erschossen oder erschlagen. Sie erzählt von polnischen Häftlingen, denen die Flucht gelungen war, sie erzählt von einem kleinen Orchester, das bei Hinrichtungen oder beim Morgenmarsch zur Arbeitsstätte spielen musste. Sie erzählt von den „Kapos“, den Blockaufsehern, selbst Gefangene, die für Ruhe in den Baracken sorgten, teils unter mörderischen Konsequenzen und mit sadistischer Freude.

Wir folgen ihr auf jeden Schritt, wir begehren nicht auf. Unsere Gruppe sucht die Nähe in sich selbst, während alles um uns lebendig wird. Ich kann mir jetzt vorstellen, wie auch Kinder, wie auch Jugendliche hier herumliefen, vielleicht Fangen spielten, wie zwischen all dem Leid ein wenig Menschlichkeit herrschte. So wie neben uns jetzt eine italienische Schulklasse herläuft, einige Jungs reden laut miteinander, zwei Mädchen kichern. Aber auch das ist okay, das alles gehört hierhin: die Trauer, die Freude, das Leben. Ich lerne heute ein anderes Auschwitz kennen als jenes aus dem Unterricht.

Der Raum mit den Haaren

Ich gehe vorsichtig an der Ferse meines Vordermannes. Meine Schritte machen auf dem Kies anspruchslose Geräusche. Niemand redet, niemand stellt Fragen. Ein andächtiges Schweigen hält uns zusammen. Barbara will uns den berühmten Raum mit den Haaren zeigen. Ich halte mich an die anderen, versuche den Blick abzuwenden. Der Raum ist im dunklen Violett ausgestrahlt. Dann gehen wir direkt vorbei, an dem Haufen voller aufgebahrter Haare. Sie gehörten zu den kahl geschorenen Häftlingen, den Toten, die in den Gaskammern starben und deren Verbleib durch den Verkauf von Haaren monetisiert werden sollte. Es zieht mich mit, reißt mich nach unten, ich schluchze und verstecke mich hinter dem Schal. Ich habe kein Recht jetzt hier zu sein; kein Recht diese Haare zu sehen.

Atmen, raus, an die frische Luft. Ich folge Barbara durch die Gaskammer, im automatisierten Schritt gehe ich durch das Krematorium hindurch. Wir betreten ein Gebäude, in dem Hunderte von Bildern der Häftlinge hängen. Und ich lerne Aurelia Bienka kennen. Sie lächelt verschmitzt auf dem Bild, welches direkt nach der Ankunft von jedem Häftling angefertigt wurde. „Ihr könnt mich alle mal“, sagt sie scheinbar, und ich nehme eines der wenigen Fotos im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau mit meiner Handykamera auf.

Barbara erzählt von den mageren Essensrationen, von der braunen „Kaffee“-Flüssigkeit am Morgen, einer Suppe und ein paar Stück Brot am Abend: systematisch weit unter dem Tagesbedarf eines schwer arbeitenden Erwachsenen. Sie erzählt uns, dass einer der Lagerkommandanten gesagt haben soll, dass ein guter Häftling in drei Monaten sterbe – alles andere wäre finanzieller Ballast für die Deutschen. Die Häftlinge mussten um 4 Uhr aufstehen, auf die Toilette gehen, schnell “essen”, zum Appell geradestehen. Dann kilometerweit zur Arbeit laufen, dort 12 Stunden unsinnige Schwerstarbeit leisten, um neun Uhr in den Baracken liegen. Wer danach außerhalb der Backsteingebäude gesichtet wurde, wurde sofort erschossen. Viele „gingen in den Zaun“, wie es im Lagerjargon hieß, sie nahmen sich das Leben, in dem sie in den mit 5000 Volt geladenen Elektrozaun liefen. Fragen, wie: „Hätte ich überlebt?“, stelle ich mir nicht mehr. Es gibt keine Antwort darauf.

Dies ist der erste Teil des Berichts über das Lager Auschwitz-Birkenau in der Nähe von Krakau.

Worüber wir reden müssen, wenn wir über die Frankfurter Buchmesse reden

Es ist Sonntag. Am leeren Sektglas klebt ein Herbstblatt, der letzte Tag der Buchmesse ist fast vorbei. Heute tummeln sich die Leser auf der Messe, die schieben sich durch die Gänge, blockieren die Rolltreppen, bilden Schlangen bei den Signierstunden an den Verlagsständen. Eine Nachricht raunt durch die Hallen: Das Buch ist nicht tot.

Und alles, was dahinter steht, atmet ruhig und gleichmäßig. Es hyperventiliert nicht, veranstaltet aber auch kein freudiges Lungenkitzeln. Vor ein paar Jahren war das Ebook laut der Panels und Diskussionsrunden noch todgeweiht. Heute wurde dem Digitalen – natürlich nicht zum ersten Mal, aber vielleicht mit mehr Tiefgang – eine angemessene Plattform geboten.

Mit dem Orbanism Space zum Beispiel, in dem bei Freibier über das Internet und seine Möglichkeiten diskutiert wurde. Der Begriff der neuen Schönheit wurde uns durch Selfies erklärt; bei einem Twittertreffen sah man in Gesichter, denen man endlich Zeilen zuordnen konnte. Mit dem “Blogbuster” allerdings schwimmt das Konzept. Das Publikum war vollzählig, aber die Idee dahinter nicht neu: Im Internet soll nun die literarische Entdeckung des Jahres gefunden werden. Dieses Mal mit der Hilfe von Literaturbloggern und Headlinern wie dem Klett-Cotta Verlag und Denis Scheck. Aber wie sich das von unzähligen anderen Versuchen (neobooks, Oetinger34, …) in dieser Richtung absetzen wird, bleibt unbeantwortet.

Amazon ist nicht mehr der große Nemesis, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. Warum auch? 7100 Aussteller aus 100 Ländern sind auf dieser Buchmesse. Die meisten Publikumsverlage fahren im 68. Jahr des Ereignisses mit großen Ständen auf, die Tische sind gut besetzt. Im Agenten-Pavillon herrscht eine Geräuschkulisse, die Schulhöfen zur Mittagszeit ähneln. Harry Potter und Gandalf schlendern mit Cosplayern aus ganz Deutschland über den Innenhof und lassen sich von Journalisten fotografieren.

Diogenes ist zurück.

Selten scheint die Sonne. Mit der Buchmesse kommt der Herbst in die Stadt. Auch darüber müssen wir reden, wenn wir über die Buchmesse reden: über den nebligen Schleier, der sich in diesen Tagen über Frankfurt legt. Gelbe Taxilichter durchbrechen die dunkle Nacht. Sie sind auf dem Weg in die Restaurants, Hotels, ins Literaturhaus oder ins Bahnhofsviertel zu einer Lesung. Die einst “hässlichste Stadt Deutschlands” wird nun zu einer unerreichten Ästhetik für alle, die das nächste große Ding der Buchbranche suchen. Alleine dieses bleibt dieses Jahr aus.