Irgendwann

Wenn ich meine Karte nach Osna
ohne Naserümpfen zahlen kann,
mein Konto mich nicht
ins exil sche’ Minus verbannt,

wenn ich wieder mit euch “lunchen” kann,
wieder eine von euch bin,
nicht mehr Bücher verschlinge
sondern Rouladen mit Schmand,

wenn ich Schuhe trage, die mir nicht zu klein sind,
wenn ich ne Runde schmeiße und nicht mehr nur
Kleingeld; wenn ich statt Billigmagarine
mir die Kerrygold vom REWE leisten kann:

ja dann irgendwann, dann irgendwann.

Wenn ich mir aussuchen kann,
welche Airline ich nehme,
ich statt Paperback Hardcover kaufe
und mich nicht nur nach Beständigem sehne,

ich oben stehe, Familie und Freunden danke,
das Werk in der Hand, die Lichterflut tanke,
wenn ich des nachts nicht mehr aufwach’,
weil ich mir den Schlaf nicht leisten kann:

ja dann irgendwann, schon bald irgendwann.

Sommer

Die Menschen in den Cafés rauchen,
etwas Schweiß tropft mir vom Arm,
ich beobachte die Liebenden leise,
das Papier ist weiß und lauwarm.

Niemand hier will sich mehr streiten,
jeder sich unter der Sonne versteh’n,
der Sommer will endlich unter uns kommen -
doch ich kann dem Leben kein Strahlen entnehm’n.

Die Wohnung ist rau und kühl,
der Kühlschrank ist beinahe leer,
die Straßen meiner Stadt,
glühen heiß unter brodelndem Teer.

Will ich denn immer nur wachen?
Dort wo jeder Mensch in der Sonne schläft,
muss ich immer einen Schritt weiter,
weil Wind sich nicht in der Hitze dreht.

So dann, Sommer, lass mich gehen,
bin wieder wild und jung und frei,
an meinem Fenster zum See,
zieht ein rettendes Wölkchen vorbei.

Olga M.

When the ink is empty,
read between the lines,
when she’s looking at you,
you look into Majá de Santa Maria’s eyes.

The Hungarian fever
rocks and shakes up your mind,
there’s grafitti at the wall -
yet you’re plain colourblind.

This woman is a collector
of men’s living souls,
this woman finds freedom,
wherever she goes.

When Olga Moritz smiles,
she’s straight forward in fight,
swiftly eats with her eyes,
like a frog hits the fly.

I should have left her,
years before she left me,
it’s the manifesto of an only child,
with some bad memories.

If you see her ’round here,
tell her I’ll wait at the bar,
I talk to a stranger,
at the Villa la Mar.

- by Olga Moritz and Laura Nunziante

Das Mädchen in rot

Manchmal schaue ich aus dem Fenster
und sehe mich selbst hell und klar,
auf den Straßen nachts laufen Gespenster
aus einem früheren Jahr.

Wie leicht ich mich dort bewege,
wie vertieft in jedes Spiel,
als ob es mich früher noch gäbe,
und ich heute ins Leere fiel.

Neben mir steht ein graues Gespenst,
ich trag’ einen roten Rock,
an dessen Stelle trat schlichtes Blau,
und ein streng gezogener Zopf.

Ach wär’ ich das Gespenst auf der Straße
so ganz ohne Lebensangst,
bät man mich um eine Blamage
auf der Straße hätt`ich getanzt.

Oft sitz’ ich am kalten Fenster,
das Licht draußen lustlos und tot,
ich schließ` die Gardinen und find’s,
nie wieder: das Mädchen in rot.

Ostern mit E.

Wenn du mal sechs bist,
und fragst mich,
mit großen, blauen Augen:
„Hast du den Hasen denn heut’ schon gesehen?“
Werd ich nicht lügen,
sondern dir sagen,
Glauben ist Glaube,
beweisen ist Sehen.

Wenn du mal zwölf bist,
das Spiel ist vorbei;
Blüte ist Blüte,
das Ei ist Ei.
Dann rufe ich laut:
„Schau mal da! Die Spuren im Schnee!“
Du gehst in die Hocke,
sagst ruhig und bedächtig:

„Glaub’ ichs jetzt nur -
oder hab’ ichs gesehen?”

Der letzte Gang

Der Fußraum voll mit leeren Flaschen
das Warnlicht streikt in größter Not.
im Aschenbecher ein Grab aus Kippen,
der TÜV macht mir ein Angebot.

Ich lehne ab, ich fahre weiter;
ein Qualmen aus dem Hinterbug,
die hellen Flammen leuchten heiter,
- des roten Metalltiers letzter Atemzug.

Hundert,
siebzig,
dreißig,

rumms. Die Sicht
wird plötzlich ungenau.
Am Horizont schreit blaues Licht,
dies ist er wohl, der letzte Stau.

Dahin die Jugend, die Leichtigkeit,
die unbeschwerte Heizerei,
mein Leben ist und bleibt und war,
ein Flämmchen italienische Gefahr.

Nichts geht schwerer rein
als der letzte Gang;
mein Cinque, mein Cento,
mein Untergang.

Driving home for christmas

Weihnachten in Osnabrück

Von weit weg hört man die Glocken des Doms,
der Zug fährt quietschend und schnaubend ein,
Menschen drängeln in der Großen Straße,
niemand bleibt stehen, wirklich nichts hat Zeit.

Ein versteinerter Löwe, eine Lichterkette
beleuchtet, was sonst verborgen bleibt.
Das leise Flüstern in den dunklen Straßen;
die Stadt, sie hat mich eingeweiht.