Kartenlos

Dresden, 9 Uhr 28. Ich weiß genau, wie spät es ist, weil ich alle drei Sekunden auf mein verdammtes Handy schauen muss. Ich will den Weg wissen, welchen Bus oder welche Tram ich nehmen muss, um in die Innenstadt zu kommen. Drei Mal verlaufe ich mich, weil mir Google Maps die falsche Richtung anzeigt. Dann stecke ich das Handy weg und wage mich in unbekannte Sphären: Ich frage nach dem Weg.

Ich versuche mich daran zu erinnern, nach welchem Prinzip ich früher die Anzusprechenden ausgewählt habe. Nach ihrem Geschlecht, ihrem Alter, der Statur? Heute habe ich keine Wahl, denn an der Bushaltestelle vor mir steht nur ein Mädchen mit einem Schulrucksack.

„Wo fährt die 62 eigentlich hin?“, frage ich sie, denn an dem Schild über uns wird nur diese Buslinie angezeigt.

„Wowolln Sie dennin?“ Das Mädchen dreht sich zu mir. Ihr Gesicht ist von Akne befallen, ihre dünnen Haare sind fettig. Sie spricht undeutlich, ich muss genauer hinhören.

„Ich schätze, zum Hauptbahnhof“, sage ich.

„InehmSi mid“, antwortet das Mädchen. Sie richtet ihren Blick wieder nach vorne.

Der Ostwind rauscht mir um die Ohren. Ich befinde mich außerhalb der Stadt, gegenüber steht ein eigelber Plattenbau, an den Fenstern hängen Deutschlandfahnen und auf einem der Balkons sind Gartenzwerge in einer Reihe aufgestellt. Wenn jemand das alte Deutschland sucht: Hier ist es.

Ich gehe einen Schritt vor, stelle mich neben das Mädchen. Wir schauen gemeinsam auf die Hauswand.

„Ganz schön große Stadt”, sage ich.

„Sie sinnich von hier?“, fragt sie.

Mich stört, dass sie mich siezt, allerdings habe ich es in ihrem Alter genauso gemacht. Ich will ihr das Du anbieten, aber ich weiß, dass sich das Bedürfnis der Höflichkeit mit den Jahren von alleine legt.

„Ne, ich komme aus Berlin”, antworte ich also.

Ihre Augen werden größer. „Da warnwirr lesses Jahr!“ Dann erzählt sie mir jeden der dort mit der Schule verbrachten Tage chronologisch auf. Es habe eine Stadtrallye gegeben, bei der sie den letzten Platz gemacht habe, eindeutig die Schuld ihrer Gruppe sei das gewesen. Abends, da hätten die anderen immer trinken wollen, aber sie hatte natürlich abgelehnt und am letzten Tag – zufällig ihr Geburtstag – da seien sie in ein „Wusikell“ gegangen.

„Du meinst ein Musical?“, frage ich vorsichtig.

„Ja, genau das.“ Sie bemüht sich bei der Aussprache, konzentriert sie auf die einzelnen Silben. “Kläckna vonnodre Damm.”

Der Bus kommt, wir springen hinein und die Deutschlandfahnen winken, vom Ostwind getragen. Das Mädchen klopft auf den Sitz neben sich. Sie hat sich hinter den Fahrer gesetzt und ich will ihr erklären, dass das der uncoolste Platz im Bus ist. Das war schon vor fünfzehn Jahren so, das ist heute noch so: Da darf keiner sitzen, der was auf sich hält. Aber das Mädchen muss jetzt erst mal an ihr Handy gehen.

“Mama?”, spricht sie in den Hörer. So viel verstehe ich noch, der Rest ist mir neu. Als sie auflegt, schaut sie zufrieden raus auf die Elbe, die wir jetzt mit dem Bus überqueren.

„War das Holländisch?“, frage ich in die Stille zwischen uns.

Das Mädchen lacht, wie kann ich auch nur so dumm sein. Sie erklärt, dass sie Russin ist und vor acht Jahren nach Dresden gekommen sei. Seitdem beherrsche sie weder Deutsch noch Russisch, weil sie ständig zwischen zwei Sprachen wechseln muss, daher auch ihre undeutliche Aussprache.

Ich bin erleichtert, dass dieses Mysterium gelöst ist. Egal, wo dieses Mädchen mich hinführt, egal, in welchem Teil Dresdens ich heute lande: Wenigstens weiß ich, warum dieses arme Mädchen so verflucht undeutlich spricht.

Sie zieht mich am Jackenärmel mit, offenbar müssen wir aussteigen. Ich fliege beinahe, ihr jugendlicher Unsinn für gesellschaftliche Gepflogenheiten macht mich glücklich. Draußen landen wir direkt vor einem Einkaufscenter, davor fahren die Tramlinien.

Das Mädchen sagt, dass sie um die Ecke wohnt, sie nennt mir ihre Adresse. Sie denkt sich nichts Böses dabei, für sie ist Dresden eine sichere Stadt. Sie bewegt sich wie eine, die nicht erst seit ein paar Jahren hier wohnt, sondern die hier geboren ist: lässig, zügig, sie muss sich nicht umschauen, wenn sie eine neue Richtung einschlägt.

Gegenüber stehen keine Plattenbauten mehr, sondern viktorianische Gebäude. Keine Deutschlandfahnen, keine Gartenzwerge. Nur Arztpraxen und Yogastudios.
„Ibin übrikens Sofia“, ruft das Mädchen aus der offenen Tram heraus. Aber es ist zu spät, ich kann nicht mehr antworten, die Türen schließen sich, kein Laut dringt mehr hinein.

Ich warte einen Moment, will mein Handy rausholen, sehen, ob mir jemand geschrieben hat. Dann schaue ich nochmal hoch. „Sönentarg Sofia!“, rufe ich ihr hinterher und winke.

Sag mir wann und wo

Ich warte auf einen Anruf. Einen Anruf, der eine Person von dieser Welt und ihrem Scherz erlöst und der mich meine Zeit besser planen lässt. Es macht mich wahnsinnig, nicht zu wissen, wann es so weit sein wird, wann ich in meine Heimatstadt reisen muss, ob ich das Wochenende mit Freunden, das ich seit Monaten plane, absagen muss. Das Einzige was ich nicht weiß, ist, wann dieser Anruf kommen wird.

Ich habe keine Kontrolle. Das bin ich nicht gewohnt. Meine Wochen sind durchgetaktet, meine Wochenenden genau aufgeteilt, ich weiß, in welcher Stadt ich wann sein werde und buche die Tickets, wenn sie am günstigsten sind.

Also befrage ich jeden Tag die Deutsche Bahn, wie teuer ein Ticket jeweils am darauffolgenden Tag wäre, wenn ich spontan Abschied nehmen muss in der Heimatstadt. Ich lasse meine Freunde wissen, dass ich eventuell am Wochenende doch nicht kommen kann und plane schon das Nächste. Meinen Tiefpunkt erreiche ich, als ich Google frage:

Wie lange lebt ein Mensch noch, wenn er nicht mehr isst und trinkt?

Alles im Leben ist planbar. Alles. Ich weiß, wann ich wohin fliegen werde, wo ich an jenem Tag sein werde, denn mein Kalender ist synchronisiert. Es macht mir Freude Termine zu finden und sie zu besetzen, von der ersten bis zur letzten Minute. Jeden Tag suche ich in meinen Apps nach Möglichkeiten. Wann kann ich günstig nach London fliegen, nach Bologna? In den Whats-App-Gruppen kontrollieren meine Freunde und ich jedes Detail eines Geburtstags, einer Hochzeit; sogar eine Geburt könnte ich, wenn ich denn wollte, auf einen bestimmten Tag legen. Und wenn ich abends im Bett liege, plane ich, wie viele Folgen meiner neuen Lieblingsserie ich schaffe, bevor ich einschlafe.

Manchmal erwische ich, wie ich auf der anderen Seite anrufe und frage, wie es aussieht, aber ich erhalte keine Antwort, natürlich nicht. Sie steht mir nicht zu, ich bin gerade die geringste Priorität in dieser Angelegenheit und muss erkennen: Unplanbar bleibt alleine der Tod. Er ist vielleicht der letzte Überraschungsmoment in einem durchgeplanten Leben. Zynisch ist nur mein Wunsch, ihn nach seiner Planung zu befragen.

Der Tod reißt ein riesiges Loch in den Tag. Mit eiserner Faust regiert er wie ein Diktator, er ignoriert die Tickets für den Zug, er zerbröselt die Stunden, die ich durchgeplant hatte. Ich weiß um seine Kraft, aber wann er zuschlagen wird, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es bald sein wird und alles, was mir dazu einfällt zu tun, ist zu googlen:

Wie bald denn ungefähr?

Fotoquelle: https://www.flickr.com/photos/realhorax/

Auschwitz sehen und nie vergessen: Die Birken am Ende der Rampe

Ich fahre am frühen Morgen mit einem weißen Reisebus in Krakau los. Das größte Vernichtungslager ist eine Touristenattraktion für die Gegend, überall sind Plakate angeschlagen, überall liegen Flyer aus. 35 Euro zahle ich umgerechnet für den Tag in Auschwitz-Birkenau. Im Bus sind wir nur deutschsprachige Touristen: zwei Studentinnen, die in Polen ein Auslandssemester machen, ein Ehepaar aus der Schweiz und zwei schweigsame Männer Anfang Zwanzig.

Ich tausche mich mit den anderen über die Transportmöglichkeiten aus, ein Zug wäre für weniger Geld nach Auschwitz gefahren, aber das, so finden wir alle, wäre makaber. Ich spüre eine leichte Angst in mir aufkommen, dass es mich bereits am Eingang in die Knie zwingt, aber noch ist die Stimmung wie die auf einer Klassenfahrt. Ich erzähle den Studentinnen von meinen ersten Tagen in Krakau, es ist neblig und dunkel, der Bus ist warm. „Die Milchbars hier sind geil, oder?” Ich nicke kurz ein und wache erst auf, als wir an dem Ortsschild vorbeifahren.

Welcome to Auschwitz-Birkenau

Unsere Gruppe wird von einem jungen Mann auf dem Parkplatz empfangen. Hier gibt es ein Restaurant und ein Toilettenhäuschen. Er bringt uns über die Straße zum Stammlager und stellt uns Barbara vor, die uns zwei Stunden von Auschwitz erzählen wird. Barbara spricht mit einem starken polnischen Akzent. Sie trägt eine Pudelmütze, eine Brille und einen Gehstock der Hand. Sie ist streng geschminkt. Ihre tiefe Stimme wirkt beruhigend. Sie spricht getragen, aber klar. Sie bittet uns die Kopfhörer einzuschalten und Kanal 5 einzustellen, auf dem wir ihre Stimme empfangen.

Etwa hundert Meter entfernt sehe ich den Schriftzug: Arbeit macht frei. Ich schlucke, erst jetzt wird mir klar, dass es diesen zynischen Spruch wirklich gegeben hat. Ich will die Tränen unterdrücken: Alles, was ich in den Schulbüchern gesehen habe, wird zur unwiderruflichen Wahrheit. Barbara erklärt uns, dass wir jetzt in das größte Massenvernichtungslager der Nazizeit eintreten. Wir gehen durchs Tor, eine Frau telefoniert neben uns laut auf Polnisch. Barabara wirft ihr einen kurzen, aber scharfen Blick zu.

Wir gehen in einer Reihe hinter Barbara hinterher, wie hinter einer Mutter, die uns schützen soll. Wir betreten das erste Gebäude in einer Reihe von roten Backsteinhäusern. Die Wände sind grau und kahl, die Räume fassen, wie in einem Museum, nur wenige Gegenstände. Wir erfahren, wie viele Menschen hier gestorben sind, wissen bald über ihre Nationalität. Ich seufze nicht, das steht mir in Anbetracht dessen, was hier passiert ist, nicht zu.


Der Lageralltag

Barbara erzählt unentwegt, vom Lageralltag, vom berüchtigten Block 11, dem Todesblock, in denen viele Gefangene nach 12 Stunden harter Arbeit in „Stehzellen“ strammstehen mussten, wenn ihnen ein Sabotageversuch angelastet wurde. Da reichte es, langsamer zu arbeiten, als üblich. Oder auf Toilette gehen, wenn es nicht erlaubt ist. Sie zeigt uns den Appellplatz, auf dem die Häftlinge vor und nach der Arbeit stundenlang parieren mussten, einmal 22 Stunden lang. Wer umfiel, wurde erschossen. Sie erzählt von polnischen Häftlingen, denen die Flucht gelungen war, sie erzählt von einem kleinen Orchester, das bei Hinrichtungen oder beim Morgenmarsch zur Arbeitsstätte spielen musste. Sie erzählt von den „Kapos“, den Blockaufsehern, selbst Gefangene, die für Ruhe in den Baracken sorgten, teils unter mörderischen Konsequenzen und mit sadistischer Freude.

Wir folgen ihr auf jeden Schritt, wir begehren nicht auf. Unsere Gruppe sucht die Nähe in sich selbst, während alles um uns lebendig wird. Ich kann mir jetzt vorstellen, wie auch Kinder, wie auch Jugendliche hier herumliefen, vielleicht Fangen spielten, wie zwischen all dem Leid ein wenig Menschlichkeit herrschte. So wie neben uns jetzt eine italienische Schulklasse herläuft, einige Jungs singen, zwei Mädchen kichern. Aber auch das ist okay, das alles gehört hierhin: die Trauer, die Freude, das Leben. Ich lerne ein anderes Auschwitz kennen als das aus dem Unterricht.

Der Raum mit den Haaren

Ich gehe vorsichtig an der Ferse meines Vordermannes. Meine Schritte machen auf dem Kies anspruchslose Geräusche. Niemand redet, niemand stellt Fragen. Schweigen hält uns zusammen. Barbara will uns den berühmten Raum mit den Haaren zeigen. Ich halte mich an die anderen, versuche den Blick abzuwenden. Der Raum ist im dunklen Violett ausgestrahlt. Dann gehen wir direkt vorbei, an dem Haufen voller aufgebahrter Haare. Sie gehörten zu den kahl geschorenen Häftlingen, den Toten, die in den Gaskammern starben und deren Verbleib durch den Verkauf von Haaren monetisiert werden sollte. Es zieht mich mit, reißt mich nach unten, ich schluchze und verstecke mich hinter dem Schal. Ich habe kein Recht jetzt hier zu sein; kein Recht diese Haare zu sehen.

Atmen, raus, an die frische Luft. Ich folge Barbara durch die Gaskammer, im automatisierten Schritt gehe ich durch das Krematorium hindurch. Wir betreten ein Gebäude, in dem Hunderte von Bildern der Häftlinge hängen. Und ich lerne Aurelia Bienka kennen. Sie lächelt verschmitzt auf dem Bild, welches direkt nach der Ankunft von jedem Häftling gemacht wurde. „Ihr könnt mich alle mal“, sagt sie scheinbar, und ich nehme eines der wenigen Fotos im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau mit meiner Handykamera auf.

Barbara erzählt von den mageren Essensrationen, von der braunen „Kaffee“-Flüssigkeit am Morgen, einer Suppe und ein paar Stück Brot am Abend: systematisch weit unter dem Tagesbedarf eines schwer arbeitenden Erwachsenen. Sie erzählt uns, dass einer der Lagerkommandanten gesagt haben soll, dass ein guter Häftling in drei Monaten sterbe – alles andere wäre finanzieller Ballast für die Deutschen. Die Häftlinge mussten um 4 Uhr aufstehen, auf die Toilette gehen, schnell “essen”, zum Appell geradestehen. Dann kilometerweit zur Arbeit laufen, dort 12 Stunden unsinnige Schwerstarbeit leisten, um neun Uhr in den Baracken liegen. Wer danach außerhalb der Backsteingebäude gesichtet wurde: erschossen. Viele „gingen in den Zaun“, wie es im Lagerjargon hieß, sie nahmen sich das Leben, in dem sie in den mit 5000 Volt geladenen Elektrozaun liefen. Fragen, wie: „Hätte ich überlebt?“, stelle ich mir nicht mehr. Es gibt keine Antwort darauf.

Am Ende der Rampe

Wir fahren weiter mit dem Bus nach Birkenau. Das Vernichtungslager liegt ein paar Kilometer vom Stammlager Auschwitz entfernt. Ich folge der Gruppe durch den Haupteingang, laufe unter freiem Himmel. Er gibt mir die Freiheit nach oben zu schauen, liegt nicht weniger bedrückend auf meinen Schultern. Wir gehen die Gleise entlang zur Rampe, an der die Gefangenen selektiert wurden, nachdem sie in überfüllten Zügen aus ganz Europa eingefahren waren. Arbeitsfähig oder nicht, darüber entschied ein Daumen. Alte, Kranke und Kinder wurden sofort in die Gaskammern geschickt. Damit sie vor ihrem Tod nicht aufbegehren, wurde ihnen erzählt, sie würden in ein Sonderlager kommen. Eines, in dem sie nicht arbeiten müssten, in dem es frische Milch für die Kinder gäbe. Den Nazis war keine Lüge zu perfide, damit ihre Tötungsmaschinerie reibungslos funktionierte. Aber ich weiß, was hier passiert ist.

Ich folge Barbara zu den Gedenktafeln am Ende der Rampe. „Hier ermordeten die Nazis etwa anderthalb Millionen Männer, Frauen und Kinder”, steht da. An den Massengräbern lauschen wir Barbaras Worten. Beide Krematorien wurden zerstört, erst teilweise bei einem Aufstand vom “Sonderkommando”, also von den ausgewählten Juden, die gezwungen wurden, ihr Volk aus den Gaskammern herauszutragen, zu plündern und zu verbrennen. Am Ende des Krieges zerstörten es die Nazis vollständig, um Spuren zu verwischen. „Mögen die Opfer in Frieden ruhen”, schließt Barbara diesen Teil der Führung nach einer Gedenkminute. Zum Schweigen auffordern musste sie uns kein einziges Mal an diesem Tag.

Vom Scheißmeister und den Todesbaracken

Barbara will uns jetzt die Baracken zeigen. Die meisten sind unbegehbar aufgrund eines Unwetters, das vor ein paar Jahren den Grund auf den Feldern aufgeweicht hatte. „Uns fehlt das Geld, diese zu konservieren.” Zwei Baracken dürfen wir näher betrachten. Durch die Fenster sehe ich zwanzig Löcher in einem Balken: Toilettensitze. Hier hatten die Häftlinge 30-40 Sekunden Zeit zur Benutzung, das wurde genauestens angeordnet, die Häftlinge nannten die Aufsicht dafür “Scheißmeister“. Das erste Mal muss ich heute lächeln. Was für ein zutiefst menschliches Bedürfnis selbst im schrecklichsten aller Vernichtungslager geherrscht haben musste, den Dingen einen lächerlichen Namen zu geben.

Die zweite Baracke wirkt bedrückender. Hier schliefen die Häftlinge. Am Ende der Pritschen stehen zwei kleine Öfen, die im Winter nicht ansatzweise ausreichend geheizt hatten, wie Barbara uns erzählt. Auf den Pritschen selbst, davon waren drei übereinander gereiht, schliefen bis zu neun Menschen unter zwei Decken. Die Kranken schafften es meist nur in die unterste Pritsche auf den Steinboden. Kein Heu, keine Kissen. Nur Decken und Holz, von harten Steinen gehalten. Anders als im Stammlager Auschwitz lebten die Menschen hier nur zum Sterben. „Hunderte von ihnen waren in diesen Baracken zusammengepfercht. Kaum eine Chance auf ein Überleben.”

Der Himmel über Auschwitz Birkenau lockert sich auf, ein weiches Rosa erhebt sich über ihn und erhellt den Kommandoturm. Ich werde den verbrannten Geruch in der Nase nicht los. Ob ich mir diesen einbilde, weiß ich nicht. Ich drehe mich um, zum Ende der Rampe, dort wo die Birken stehen, die Namensgeber für diesen Ort. „Ich kenne eine Überlebende, die bis heute keine Birken sehen kann”, erzählt Barbara. Ihrer Stimme ist ebenso ruhig wie am Anfang der Führung. Sie fordert weder Trauer noch Mitleid. Ich frage Barbara, wie viele Deutsche das Lager im Jahr besuchen. „Wenig. Dafür kommen viele Japaner.”


Wir alle tragen eine Erbschuld in uns

Wir klatschen, die Tour ist beendet. Ich gebe Barbara zehn Zloty, umgerechnet sind das zwei Euro. Sie lächelt und bedankt sich höflich. Eine Schweizerin, die ihrem Mann hier ist, fragt mich, ob es mich nicht nerve, dass die Deutschen das Thema Holocaust immer wieder hervorholen würden. „Das ist doch längst Geschichte“, sagt sie.
„Waren Sie heute nicht mit uns hier?“, frage ich. „Haben Sie etwa nicht gesehen, was ich gesehen habe?”

Ich glaube der Frau, dass die deutsche Aufarbeitung der Nazizeit für Ausländer schwer zu begreifen ist. Ich habe meine Erbschuld als Teil meiner Identität längst akzeptiert. Sie gehört für mich zum Deutschsein dazu und ich werde niemals begreifen, wie es auch nur einem Menschen einfallen kann, das Thema auf sich beruhen zu lassen. Wie kann man den systematischen und grausamen Mord an Millionen von Juden vergessen wollen? Wichtiger noch: Was ist das für eine lächerliche Bürde, die ich zu tragen haben im Gegensatz zu den Opfern? Für mich war dieser Besuch wichtig. Ich fühle mich aufgeklärt, ich habe die Opfer betrauert, ich habe mich diesem Teil unserer Vergangenheit gestellt. Und ich werde davon erzählen.

Kreativ sein kann jeder? Warum Schreiben Schwerstarbeit ist

Ständig kämpfen Kreative mit den Klischees, die ihr Umfeld über das selbstständige Arbeiten verbreitet. Wir Freien könnten doch immer ausschlafen, ständig Urlaub nehmen, würden den ganzen Tag nur lustige Ideen spinnen. Dass der Beruf voller persönlicher Krisen steckt, bleibt im Verborgenen.

Beim Schreiben zeige ich alles. Ich stelle mich den Teilen meines Selbst, denen ich mich lieber nicht stellen würde. Aber das ist der Job: Schreiben ist intimste Schwerstarbeit. Anders, als beim Kalkulieren oder dem Produktverkauf – übrigens alles Facetten meiner Arbeit – muss ich den Mut aufbringen, mich selbst mit aufs Papier zu schmeißen. Kein Wunder, dass die Größten unserer Spezies Suchtkranke waren.

Die Selbstzweifel

Ich glaube nicht an Schreibblockaden. Ich glaube an Schreibdepressionen. Warum sollte gerade ich schreiben, wenn Millionen von Werken auf dieser Welt gedruckt worden sind? Was habe gerade ich zu sagen, wo bereits alles zu allem gesagt wurde? Im Internet wirkt dieses Phänomen erdrückender: Jeder Mensch mit eigenem Facebook-Account kann heute aufschreiben, was er denkt. Oft sind deren Texte erhellender als alles, was ich hinbekomme, weil unhandwerkliches Schreiben von Natur aus authentischer wirkt.

Warum versuche ich mich überhaupt an Qualität? Warum schwitze ich Dutzende Korrekturrunden aus, nur damit mein Text den richtigen Rhythmus findet? Die, die kein Talent haben – dafür aber ein großes Mundwerk – überholen mich mit einem Fingerschnipsen. Sie werden von der Industrie und ihren Follower gepusht; sie werden zum Hype, der unaufhaltsam rollt. Sie ziehen mit Fanfaren vorbei, während ich bis spät vor dem weißen Papier sitze; es mich anspuckt und in Dauerschleife fragt: Wer bist du denn, du mieser Abklatsch großer Weltliteratur?

Die wenigsten Kreativen bekommen positives Feedback. Wenn deine Geschichte oder deine Idee gefällt, wird kein großes Aufsehen darum gemacht. Dafür wird das deutschbürokratische Beamtentum in Lauf gesetzt: Es werden Verträge geschrieben, Honorare abgesprochen, dann dreht das Rad sich weiter. Die Mail, in dem dir erzählt wird, dass dein großer Durchbruch bevorsteht, bleibt ungeschrieben. Der Anruf, in dem dir ein Werk nachgesagt wird, welches Generationen nach dir beeinflussen wird: An dessen Stelle wird für immer ein Freizeichen bleiben.

Du bist Deutschlands Durchschnitt

Die Wahrheit ist, dass du so lange von der Branche verbrannt wirst, bis eine deiner Ideen vielleicht zündet. Dann kannst du froh sein, wenn sie sich mit mäßigem Erfolg verkauft. Von unzähligen Tagen, an denen du hoffst und wartest, wirst du oft nur mit einem schwachen „Wir melden uns“, erlöst. Du bist der Durchschnitt Deutschlands und publizierst diese Übel vor aller Augen.

Für die, die in der Branche sind, ist dein Erfolg keine Glanzleistung. Er ist ihr Job. Deine Familie und Freunde jubeln zwar mit dir, aber das legt sich mit der Zeit, wenn die Erfolge sich regelmäßig einstellen. Dabei hast du so lange gekämpft, so lange gebraucht, um hier anzukommen. Aber niemals wirst du zufrieden sein mit dem, was du kreierst. Es soll Schriftsteller geben, die ihr Buch nicht mehr in der Hand hielten, nachdem es publiziert worden war.

Woher kommt das Geld?

Dazu der ständige finanzielle Druck. Du führst dein eigenes Unternehmen, aber Kreative werden in Deutschland aus Tradition schlecht bezahlt. Du nimmst neben der Kunst kommerzielle Projekte an, um dich über Wasser zu halten. Du gerätst wiederum in Panik, wenn du drei Wochen keine Projekte findest. So lange brauchst du deine finanziellen Reserven auf und schreibst an Texten, die dir weder Ruhm noch Reichtum bescheren. Nicht mal ein Prozent der Schriftsteller in Deutschland können von ihrem Beruf leben.

Du trinkst hin und wieder zu viel, weil dann die Stimmen in dir leiser werden, die dir ständig sagen, dass du kein Talent hast. Du wünscht dir nichts sehnlicher, als bei einer Versicherung zu arbeiten, weil die Arbeit da unpersönlicher zugeht. Du willst Geld auf deinem Konto, regelmäßig; willst dich nicht ständig mit deinen inneren Dämonen befassen. Du wimmelst Kritiker ab, die meinen, dein Job wäre ach so flexibel und ach so einfach. Sie selbst sind natürlich nur keine Bestsellerautoren, weil sie nicht die Zeit dazu finden.

Dabei bräuchtest du sie nur ein einziges Mal zu fragen:

Willst du wirklich jeden Tag mit Kater, Selbstzweifeln und Minus auf dem Konto aufzuwachen, nur um alle paar Jubeljahre etwas rauszubringen, das im besten Falle Durchschnitt ist? Meinst du, du kannst mit der ständigen Angst leben, niemals gut genug zu sein? Glaubst du wirklich, es macht Spaß dein Inneres durchzukauen, um es vor der ganzen Welt auszubreiten? Dann gratuliere ich dir: Hiermit bist du Schriftstellerin. Und jetzt gib’ mir deinen Rotwein, der wird sonst schlecht. Wir sehen uns morgen um halb acht am Schreibtisch.

Dröge Parties, Neurechte, das gedruckte Buch: Die Literaturbranche braucht mehr Bumms


„Das ist wie Party im Internat hier“, sagt meine Freundin Magda, als wir im Literaturhaus Frankfurt ankommen. „Wie so eine Studentenparty in der Mensa.“ Sie findet noch fünf andere Metaphern, die ich nicht mehr wiedergeben kann, da ich die Langeweile dieses Abends versuche in Weißwein zu ertränken. Koks hätte vielleicht geholfen, aber selbst das lastet sich diese Branche nicht an, schließlich müssen jeder morgen früh raus und das weiße Teufelszeug ist schädlich. „Ich muss noch bis nach Odenwald“, höre ich eine junge Lektorin auf der Toilette einer anderen erzählen. „Ich nehme mir aber ein Taxi, muss um acht wieder auf der Matte stehen.“ Und das von Leuten, die in derselben Branche wie einst Hemingway und Simone de Beauvoir arbeiten.

Wir hängen unsere Jacken an einer für alle zugänglichen Kleiderstange auf: Das hier geklaut wird, ist unwahrscheinlich. Dabei sind wir in Frankfurt, der Stadt mit einer der höchsten Kriminalitätsraten des Landes. Aber ich kann die Korrektheit förmlich in der Luft riechen; jedes Jahr tanzen hier Lektorinnen gegensätzlich des Taktes auf die unbeholfene Musikauswahl von den Autoren der unabhängigen Verlage.
Dieses Korrekte zieht sich durch die gesamte Messe. Kaum eine andere Branche hat mit der Spießigkeit und dem gähnend langweiligen Bürgertum zu kämpfen, wie die der Literatur. Am Ende mag die Frankfurter Buchmesse sogar Nazis körperlich walten lassen und plädiert dann schlussendlich für einen besonnenen Dialog auf beiden Seiten. Eine Branche, die von Vielfalt lebt, die Marginalen eine Stimme gibt, hat den Faschisten wirklich nur Bücher entgegenzusetzen: nichts als Bücher?

Halle 4 aber spielt exzellente Zukunftsmusik und lässt erahnen, wozu die Frankfurter Buchmesse fähig wäre. Die Comic Solidarity setzt sich alleine durch die Farbauswahl der Standwände für mehr Vielfalt ein. Die Künstler kommen aus den verschiedensten Ländern und Kulturen und sprechen verschiedenste Themen in ihren Werken an. Der stark digital ausgerichtete Orbanism Space bietet Veranstaltungen dazu, wie man mit Andersdenkenden ins Gespräch kommt und sie überzeugt. Und Plakate, auf denen “Kein Ort für Nazis” steht, zieren die Wände rund um den Stand der rechtsgerichteten ‘Junge Freiheit’.

Man kann nur hoffen, dass von dieser jungen, kreativen Branche mehr ausgeht, dass dieser Keim in den nächsten Jahren heranwächst zu einer herrlichen Pflanze, die auch in die anderen Hallen übergeht. Bis jetzt herrscht in denen sonst nur dröges Business; einen richtigen Knaller gab es dieses Jahr wieder nicht. Vielleicht hat die Literaturszene nicht verstanden, dass gerade auf Messen, Kongressen und Weihnachtsfeiern mehr Sex in der Luft liegt, als in einem Swinger Club. Dass dies die besten Gelegenheiten sind, Rassisten mehr Protest zu bieten, als nur einen Stand, als nur die gedruckten Bücher.

Den ganzen Abend im Literaturhaus schütte ich Weißwein in mich rein. Ich hatte bis zum Schluss gehofft, dass jemand einen Bus voller Berliner Hipster ablädt, die den Laden mal so richtig aufmischen. Die lautesten Statements auf der Buchmesse aber werden jene von Faschisten und neutralen Veranstaltern bleiben. Aber nichts muss ewig so bleiben, wie es immer war. Besonders, wenn Wegschauen einfach nicht mehr funktioniert.

Same old, same old: Die Frankfurter Buchmesse 2017

Jedes Jahr das Highlight einer ganzen Branche: Die Frankfurter Buchmesse. Egal, wie verstaubt und spießig sie zuweilen sein mag, egal wie rechtsgerichtet und politisch, wie europäisch oder zögerlich in ihrer aufklärerischen Tätigkeit. Man muss allerdings das Buch lieben, um sie zu verstehen.

Rund 278.000 Besucher hatte die Frankfurter Buchmesse im Jahr 2016 vorzuweisen. Ob es dieses Jahr mehr werden, ist noch nicht abzusehen, aber schon am Mittwochnachmittag ist die Halle 3 gut besucht: ungewöhnlich für einen ersten Messetag. Die Cebit konnte dieses Jahr nur mit 200.000 Besuchern auftrumpfen, seit Jahren kämpft sie mit Besucherzahlen und hat sich nun auf Fachbesucher ausgerichtet. Ähnlich ist die Idee auf den ersten drei Messetagen der Frankfurter Buchmesse. Nur, dass sie trotz des intellektuellen Anstrichs des Mediums auch branchenferne Leser, vor allen Dingen Cosplayer, zu begeistern weiß. Am Samstag und Sonntag ist die Messe für Leser und Fans geöffnet. Manch ein Fachbesucher verlässt da die Stadt; ihn ängstigen die Massen, die plötzlich durch die Hallen drängen.

Zu viel Zukunftsmusik darf man hier nicht erwarten. Keine neue Technik, vor der die Besucher staunend stehen, vor der Journalisten sich tummeln, um ein Interview mit den Erfindern abzugreifen. Keine Holgramme, die Buchcharaktere ins Kinderzimmer beamen, keine Computergreifarme, die die Buchseiten umschlagen. Auf der Buchmesse geht es um Persönlichkeiten, um Autoren, ihre Bücher, die Verlage: um den Zustand einer ganzen Branche. Das Buch muss dabei für sich alleine kämpfen. Dabei ist das E-book mehr oder minder unerheblich, still und heimlich hat es sich in den Markt etabliert. 5,4 Prozent des Buchmarktes macht es aus, so zumindest war es im ersten Halbjahr 2017.

Aber es riecht ja auch so gut, das Buch. Es ist ein haptischer, paradiesischer Zustand, der dort mit den Seiten geliefert wird. Auch, wenn oft die Zeit nicht bleibt am Stand zu verweilen und sich in einer Geschichte zu vertiefen – die Lektoren und Lektorinnen wittern in jedem Vorbeigehenden einen potenziellen Hobbyautoren, der sie zu Tode nerven könnte – ist es das Buch, dass Besucher und Aussteller antreibt. Man mag das als konservativ betiteln, als reaktionär. Aber es macht den Buchmarkt sympathisch. Dabei verzichtet dieser keinesfalls auf ihren Profit. Wie immer wirken die Hallen der Internationalen Verlage geschäftig, wie immer ist der Agenten-Pavillon in kalter Büroatmosphäre darauf ausgerichtet, Projekte vorzustellen und Deals abzuschließen.

Die Halle 4 zeigt sich derweil mit dem Stand der Comic Solidarity als nischenmäßigen Gegenpol, mit einer großen Antiquariatsfläche und der THE ARTS+, der Repräsentation der digital vernetzten Kultur- und Kreativbranche. Das Gastland Frankreich stellt sich, wie immer, mit eigenem Pavillon vor. Die Frankfurter Buchmesse ist also durchaus vielfältig.

Besonders aufregend ist sie für Außenstehende aber nicht. Wer hierher anreist, darf keine Epiphanien oder die digitale Zukunft erwarten, trotz durchaus beachtlicher Zwischentöne. Wer hier herkommt, der hat zu Hause nichts zu erzählen. Aber er wird das Buch wiederentdecken. Und wer das Buch liebt, der weiß, was das bedeutet.

Ashak mit Amir

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Salam Alaikum.“ Amir schaut zur Decke, als er meine Wohnung betritt. Ob er das immer machen müsse, frage ich ihn. “Ich lasse das Gebäude von Gott segnen”, sagt er. „Aber nur beim ersten Besuch, so viel Zeit hat er nicht.“

Amir ist Anfang 30. Er lebt seit knapp zwei Jahren in Frankfurt, so lange gebe ich ihm in unregelmäßigen Abständen Nachhilfe. Manchmal treffen wir uns zum Essen. Heute hat er Ashak mitgebracht, das sind afghanische Nudeltaschen. In Kabul war er Englischlehrer. Er ist auf einem Schlauchboot über die Türkei nach Griechenland gekommen. Über Mazedonien und Österreich ist er mit dem Zug weiter nach Deutschland eingereist.

Am Anfang lernte er jeden Sonntag Deutsch bei einer Gruppe Ehrenamtlicher. ‘Wie geht es Ihnen?’, ‘Wie alt sind Sie?’, ‘Ausstieg in Fahrtrichtung links.’ Erst kürzlich hat er die Prüfung zu B1 bestanden. „Ich dachte wirklich, ich kann zur Uni gehen“, sagt er.

Jetzt soll er abgeschoben werden.

Klage gegen den Bescheid hat er eingereicht, den Anwalt muss er in Raten bezahlen. Aber er macht sich keine Hoffnungen. „Inschallah“, sagt er und schaut dabei betreten auf den Teller. „Wenn Gott will, sterbe ich früh und alles ist vorbei.“

Amir erzählt, dass der Motor seines Schlauchboots auf dem Mittelmeer drei Mal ausgefallen war. Schlepper in schwarzen Kapuzen hatten sie mit 50 Menschen auf ein kleines Boot gedrängt. Jeder, der umkehren wollte, wurde mit der Waffe bedroht.
Auf der Hälfte des Weges stand ihnen das Wasser bis zu den Knien. Sie versuchten das Wasser auszuschöpfen – mit einer aufgeschnittenen Plastikflasche. Die teuer erstandenen Rettungswesten ließen sie am Ufer zurück.

Das alles, bei Weitem nicht so schlimm, wie die Anschläge. „Wenn sie glauben, dass du mit der Regierung zusammenarbeitest, drohen sie dir“, sagt Amir. Die, das sind die Taliban. Jeden Tag könnten seine Eltern und Geschwister ihnen zum Opfer fallen. Nach zehn Uhr abends geht in Kabul niemand gerne auf die Straße. Strom gibt es nur stundenweise. “Du musst den Deutschen sagen, dass in Afghanistan nur der Tod auf uns wartet“, sagt Amir.

Ich weiß nicht, wie ich ihm erklären soll, warum er Deutschland verlassen muss. Er, der seit zwei Jahren jeden Deutschkurs macht, der ihm angeboten wird – obwohl er diese jedes Mal selber finanziert. Er, der zu jeder Jobmesse geht, der Bewerbungen schreibt, der zur Uni will, um zu studieren, seinen Beitrag zu leisten. Wie soll ich ihm erklären, dass in der Leistungsgesellschaft Leistung nichts wert ist, solange du nicht deutsch bist? Wie den ganzen Ehrenamtlichen begreiflich machen, dass ihre Arbeit umsonst ist, wenn einer am Ende sowieso abgeschoben wird?

Amir schaut zur Decke. „Warum soll ich mich integrieren, wenn ich keine Chance habe, zu bleiben?“ Er ist kaum zwei Jahre hier und denkt logisch wie ein Deutscher. „Das ergibt doch keinen Sinn.”

Auf dem Weg zur U-Bahn reichen wir uns die Hände. Wir gleiten in eine freundschaftliche Umarmung über. Unsere Wangen berühren sich, wie es in Afghanistan so üblich ist. Wir machen ein Selfie für seine Familie in Kabul.

„Ich sehe schlimm auf dem Foto aus“, sagt Amir, dem türkische Polizisten die Nase gebrochen haben.
„Schau dir mal meine Augenringe an“, sage ich, die am Wochenende zu tief ins Glas geschaut hat.
Dann verabschieden wir uns. Ob wir uns nächste Woche treffen?
Inschallah. Wenn Gott will, sehen wir uns wieder.

Was wir aufs Spiel setzen, wenn wir unsere Verletzlichkeit verleugnen

Es ist okay, Schwäche zu zeigen. Es ist okay, diesen Text mit Klarnamen zu schreiben. Es ist okay, sich zu entschuldigen, aber auch zu zeigen: Du hast mich verletzt – ich finde, jetzt bist du mal dran. Wo Menschen eher töten, als zu diskutieren, ist das die einzige Chance, die uns bleibt.

Die neue Welt der Kommunikation hat uns viel Gutes gebracht. Sie ist laut und aufregend; sie bildet weiter und schafft Arbeitsplätze. Aber sie verdammt auch Meinungen zu Postulaten und kultiviert Plattitüden zu Jahrhundertwerken. Sie lässt wenig Zeit für Zwischentöne. Die Musik dieser Welt wird eintöniger.

Ich weiß nicht, wie es dir geht, lieber Leser. Aber ist es in deinem Umfeld auch zur Seltenheit geworden, dass Menschen ehrlich miteinander kommunizieren? Ist es denn keine Last für dich, auf allen Kanälen präsent zu sein, und gleichzeitig die wichtigsten Menschen in deinem Leben wahrzunehmen? Ihnen das zu geben, was sie verdient haben – und von ihnen ehrlich zu fordern, was du brauchst? Ich meine damit nicht die verletzende Ehrlichkeit, die in ihrem Wesen unauthentisch ist, weil sie von der eigenen Unzufriedenheit ablenken will. Sondern die Art von Ehrlichkeit, die die Luft zwischen uns vibrieren lässt.

Wir aber haben einen anderen Weg gewählt. Wir kommunizieren durch Hass und Verletzungen. Wir glauben, je cooler und abgeklärter wir wirken, desto besser lässt es sich in dieser Welt überleben. Es ist schwer gegen die ganze Welt zu kämpfen, wenn man kein nordkoreanischer Diktator ist. Aber in dem Moment, wo wir nicht mehr die Größe finden, offen zu unseren Gefühlen zu stehen – egal, wie dunkel diese sind –; wenn wir nicht mehr das Herz in uns finden uns unter all’ der Coolness auch mal verletzlich zu zeigen, verlieren wir einen Teil unserer Menschlichkeit. Und nichts wird in Zeiten des Terrors und der Atombombe dringender gebraucht.

Wir müssten wieder auf die Straße gehen. Sowieso. Dem Gegenüber ins Gesicht schauen und ihm sagen, was wir fühlen. Ob das auf einem Plakat ist oder in einem privaten Gespräch. Ob das auf einem ersten Date ist oder innerhalb einer jahrelangen Freundschaft. Wir werden dafür verurteilt werden. Vielleicht sogar verachtet. Aber damit müssen wir umgehen lernen. Die Kraft dazu finden wir in unserem diskursiven europäischen Geist verankert. Wahrhaftigkeit schützt Frieden.

Auf Datingportalen, zum Beispiel, wird Frauen und Männern dazu geraten, ihre Emotionen im Zaum zu halten. “Wenn du sie ins Bett kriegen willst, musst du das Arschloch spielen.” “Sei nicht die emotionale Frau die du bist – sonst bekommst du ihn nicht.” Der Tenor: Stehe niemals zu deinen Fehlern; niemals zu deinen Gefühlen und Bedürfnissen, wenn du geliebt werden willst.

Das Internet ist voll von diesen How-to-Texten. Sie gaukeln uns eine einfache Welt vor, dabei könnte sie komplexer gerade nicht sein. Sie lassen uns glauben, dass wir uns nur der inneren Sonne zuwenden müssen. Aber das Glück liegt, wie so oft, in der dunkelsten Ecke unseres Darmtrakts begraben.

Diesen Unannehmlichkeiten müssen wir uns stellen. Unserer Scham und Schuld, unserem Neid, unserer Angst. Nicht über Whatsapp, über Twitter, über Tinder. Nicht mit austauschbaren Sprüchen, die wir auf Postkarten klatschen: Das sind nichts weiter als Plattitüden, die uns weismachen wollen, dass wir okay sind. Denn wir sind überhaupt nicht okay. Zumindest nicht immer. Wir sind auch das Schlechteste in uns. Wir machen Fehler, wir verletzen, wir werden verletzt. Wir lieben zu früh, wir hassen zu intensiv; wir brauchen Aufmerksamkeit, um die Einsamkeit in uns zu überdauern. Uns allen geht es schlecht, weil die Welt gerade schlecht ist. Dazu werden wir irgendwann stehen müssen.

Alles egal

Alles ist egal. Alles. Ob du anrufst oder nicht, ob wir uns verabreden, komm halt auf nen Kaffee, stress nicht. Ob du kurz vorher absagst, ob wir uns kennen oder nicht, ich brauch dich nicht, aber ich halte das aufrecht, du hältst das aufrecht, weil wir uns vor zehn Jahren kannten. Alles ist sauegal. Wenn du nicht da wärst, wenn du da bist; juckt mich nicht, berührt mich nicht, da sind noch andere, die mir schreiben. Kann nur antworten, auf die Tasten hausen, scheißegal, wer da vorsitzt; immer der gleiche Witz, immer die gleichen Smileys.
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Ob du anrufst oder nicht? Heute eh keine Zeit, so viel zu tun, so vielen Leuten zu schreiben, kann ich heute, kann ich morgen? Scheißegal. Jeder Tag gleich. Man guckt auf sein Handy und schläft. Zwischendurch isst man, nie alleine, immer mit Ton. Du sagst kurzfristig ab, passt schon, tinder ich halt, treffe jemand, gucke Netflix, hab eh keine Zeit, muss Dinge erledigen, noch dem und dem schreiben, muss ein Buch lesen; muss los, raus, die Stadt entdecken; liege im Bett und scrolle und Alter: eh alles egal.

Ich kann mir Wissen kaufen, kann Intelligenz vorheucheln, kann alles lesen, was ich wissen will. Selbst der Dümmste kann sich einen Scheiß im Internet zusammen klauen und sich schlau stellen. Ich muss nicht alles wissen, muss nicht wissen, wo Syrien liegt. Was der Generationsvertrag ist? Komm Alter, geh. Alles egal, die Werte verschoben, alles dummes Rumgeprolle; Schlacht zwischen intellektualisierten Idioten. Kann den Satz drei Mal schreiben, kann den Satz drei Mal schreiben, kann den Satz drei Mal.

Muss nicht mehr trauern, nicht mehr reflektieren, nicht mehr nachdenken, kann ständig mein Gehirn zuballern, kann mich daneben benehmen, kann ständig unterwegs sein, kann Bier saufen, mit wem ich will. Bin groß, kann zuhause bleiben, kann nachts Cornflakes essen. Was mich an dir gestört hat? Kein Plan, wollte alleine sein, nicht gebunden, eh alles egal, Sex ist anstrengend, zu viel Bewegung, ich will liegen, will alles vergessen, brauche mehr Häuslichkeit. Muss mich nicht mehr selbst entdecken, muss keine Fantasie haben, alles ausgemalt, alles ausgedacht, alles bebildert, alles da.

Kann nicht mehr unterscheiden, wer mir wichtig ist und wen ich nur flüchtig kenne. Alle können mir schreiben, ich kann allen schreiben. Nichts dahinter, kein Gefühl. Ich schicke allen dieselben Smileys, die reihen sich in Chats untereinander. Ich kann Männer vollabern, weil ich ihre Nummer habe; alles austauschbarer Müll, den ich produziere, den ich verbreite. Alles dumme Repetition.

Blauer Himmel, dunkler Himmel, egal. Wo ich wohne, wo ich morgen aufwache? Egal. Weil wir alle überall schon waren, nichts mehr, was es zu entdecken gibt, alle schon mal da gewesen, ständig Abschiedspartys, weil einer ein halbes Jahr weggeht, ständig Fotos von Menschen, die an so viele verrückte Orte fahren, dass ausgerechnet Mallorca einen Touristenboom erlebt. Alles inhaltslos, alles Leere, alles tot. Alle Dinge tot, keiner atmet. Verlust ist unerheblich, Welt ist egal, Freunde sind egal, Tiefe ist egal, Leben ist egal. Ende: eh egal.

Wer Twitter hat, braucht keine Feinde mehr

Peter Tauber von der CDU hat sich online einen Fehltritt geleistet. Dafür musste er büßen. Auch nachdem er sich entschuldigt hat, ist der Mob nicht mehr zu stoppen. Wann ist Twitter zum größten public shaming Monstrum des 21. Jahrhunderts geworden?

Meist sind es dieselben, mutigen Akteure, die öffentlich gegen Onlinemobbing vorgehen. Die sich auflehnen, wenn Menschen wegen ihres Körpers gemobbt werden, wegen ihrer Größe oder Behinderung. Für den unermüdlichen Einsatz muss man ihnen dankbar sein. Dumm nur, wenn diese selbst zum Troll werden.

Liebe mir sonst so teuren Internetmenschen. Wieso bringt ihr mich dazu einen von der CDU zu verteidigen? Was ist aus euch geworden – und was aus mir! Vor Jahren noch wäre ich in die Debatte mit eingesprungen. Hätte mich aufgeregt, hätte nicht losgelassen. Ich kann verstehen, dass es Spaß macht, sich in einer Ungerechtigkeit zu verzetteln, wenn die Timeline mit schlechten Nachrichten durchspült wird. Wenn wir das Gefühl haben, in dieser globalisierten Welt nichts ausrichten zu können. Mittlerweile stehe ich fassungslos bei euren Hexenjagden daneben. Könnt ihr nicht auch mal Dinge gut sein lassen? Besonders solche, die euch morgen nicht mehr interessieren? Morgen wird der Minijob nämlich wieder das sein, was er vorher war: Eine Tragödie, die am Rande der Gesellschaft vor sich hin mäandert.

Was hatte Peter Tauber gesagt? Er hatte Minijobber die Schuld an ihrer eigenen Misere gegeben. Sicherlich war diese Aussage töricht; er wird nicht gerade zufrieden in sein Wochenende gehen. Vielleicht ist Peter Taubers Karriere endgültig vorbei, wegen eines Fehltritts, für den er sich entschuldigt hat. Wer meint, dass er als Person des öffentlichen Lebens selbst daran schuld sei, glaubt auch, dass die Hollywoodschauspielerin ihre Privatsphäre mit dem Millionengehalt abtritt.

In seinem Buch “So you’ve been publicly shamed” erzählt Jon Ronson die Geschichte eines Universitätsprofessoren, dem sämtliche Ehrentitel aberkannt wurden, weil er einen dummen Witz über Frauen auf einer Konferenz machte. Oder die von Justine Sacco, die 140 verhängnisvolle Zeichen vor einem Flug nach Südafrika absetzte, um am Flughafen von einem wütenden Internetmob empfangen zu werden. Ronson zeichnet das Bild einer amerikanischen Gesellschaft, die im digitalen Zeitalter jegliches Maß an Menschlichkeit verloren hat. Mir scheint, dieses Phänomen habe sich exportiert.

Sicher ist Peter Tauber ein Politiker und muss sich seinen politischen Aussagen stellen. Sicher hat er ein wenig Spott und Häme für seine unsensible Aussage verdient. Dass eine Debatte losgetreten wurde, ist positiv. Aber spätestens, wenn wir 800 Mal in der Twitter-Timeline lesen müssen, was jeder Dorftroll ihm “Ordentliches” (haha!) zu sagen hat, ist auch der älteste Witz auserzählt. Wir sollten auch bei Twitter mehr Souveränität wagen. Nicht auf jede Dorfsau aufspringen, im Sinne der Netzkompetenz über unser eigenes Verhalten nachdenken. Oder wie der Historiker und Schriftsteller Prof. Timothy Gorton Ash es formuliert: „Das Recht, etwas zu sagen, heißt nicht, dass es richtig ist, etwas zu sagen.”

Lange nach der Entschuldigung wird Tauber von allen Seiten gedemütigt. Die gestern noch so überschwänglich begrüßte Gesellschaft des Scheiterns ist gescheitert. Twitter kann ein großer Spielplatz für Erwachsene sein. Erwachsene, die nach dem sechsten Mal auffordern immer noch nicht ins Bett wollen; die den Bauklotz unermüdlich an die Wand werfen. Es gibt Kämpfe, die bis zum bitteren Ende gekämpft werden müssen. Aber ein bisschen Bubu tut auch mal gut.